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Seit 45 Jahren arbeitet Rita als Prostituierte

Von Peter Steiger. Aktualisiert am 25.04.2013 2 Kommentare

«High Heels trage ich nur im Bett», sagt Rita. Andere benützen sie zur Arbeit. Sie auch. Rita ist Prostituierte in einem Berner Vorort. Seit sie 15 Jahre alt ist. «Ich mache das gerne», sagt sie.

Rita räkelt sich auf ihrem Bett. In der Glasvitrine ihre Ansammlung von High Heels. Schon als   10-Jährige lief Rita zu ihrer  Mutter mit einem Bild einer Kurtisane und sagte: «Mami, das will ich später werden.»

Rita räkelt sich auf ihrem Bett. In der Glasvitrine ihre Ansammlung von High Heels. Schon als 10-Jährige lief Rita zu ihrer Mutter mit einem Bild einer Kurtisane und sagte: «Mami, das will ich später werden.»
Bild: Urs Baumann

Früher hat sie die hochhackigen Dinger tagelang getragen, ja, auch zur Arbeit. Jetzt hat sie Probleme mit den Beinen. Eigentlich heisst Rita anders. Sie hat einen geläufigen Schweizer Vor- und Nachnamen. Aber hier in der Zeitung will sie sich Rita nennen. Weil sie im Quartier eines Berner Vororts anonym bleiben möchte.

Hier ist sie die Nachbarin von nebenan. Die nette Nachbarin. Rita lacht viel und herzlich. Man glaubt ihr, wenn sie sagt, dass sie dem betagten Herrn Rüdisühli den Ghüdersack hinausträgt und alten Damen über die Strasse hilft. Dass sie in ihrer gepflegten Wohnung als Sexworkerin arbeitet, merkt man erst im Schlafzimmer. Und ist auch dort kaum auffällig – bis auf die High Heels in der Glasvitrine und einige verdächtige Kleidungsstücke. Von ihrer Arbeit erzählt sie so selbstverständlich, als würde sie im Grossraumbüro einer Versicherung Schadenmeldungen kontrollieren.

Die Einsteigerin

Was sie erzählt, ist allerdings nicht ganz so selbstverständlich. Mit 11 hatte sie erstmals Oralsex mit einem Mann, er war 28. Es habe ihr gefallen, wirklich. «Nein, ich hatte keine schwierige Kindheit», sagt sie und schiebt eine Anekdote nach: Als 10-Jährige sei sie mit dem Bild einer Kurtisane zur Mutter gerannt. «Mami, das will ich werden.» Diese habe mit den Schultern gezuckt: «Es kommt sowieso anders.»

Mit 14 entdeckte sie ein Fotograf als Model. Mit 15 liess sie sich vom gleichen Fotografen für dessen Escortagentur anwerben. Vorerst hatte sie bloss ein, zwei Aufträge im Monat. Daraus wurden mehr. Immerhin absolvierte sie eine KV-Ausbildung und lernte Sprachen, Französisch und Englisch, und arbeitete eine Zeit lang beim Warenhaus Globus im Büro. Dann hatte sie genug vom Schreibmaschinenalltag. Mit 18 wurde sie Berufsprostituierte.

Die Edelnutte

Sie war eine Edelnutte. Der Begriff ist grob, drückt aber präzis aus, wie die Leute ihr begegneten: mit Verachtung, mit Neid, mit uneingestandener Bewunderung. Die junge Schöne wusste sich zu benehmen und hatte Kunden aus den obersten Rängen. Sie begleitete die Herren auf Reisen, logierte in schicken Hotels, dinierte in Luxusrestaurants, kannte und bediente die Spitzen der Gesellschaft, «ich war oft und gerne an Offiziersbällen».

Sie war halt doch keine Edelnutte, sondern, vornehmer, das, was sich Klein Rita erträumt hatte: eine Kurtisane. Derb oder soignée: Das Geld floss reichlich. 3000 Franken legte der Kunde für eine Escortnacht hin. Vor 40 Jahren waren das zwei bis drei Monatslöhne. Rund zwei Drittel behielt allerdings der Begleitservice. Aber: Wenns zur Sache kam, zum Sex, kostete dies extra. «Die Herren liessen unauffällig ein paar Hunderternötli in meine Handtasche gleiten.»

Die Pornodarstellerin

In den Sechzigerjahren trat Sexuelles vorsichtig ins Licht der Öffentlichkeit, ins Scheinwerferlicht der Filmindustrie etwa. «Ich habe in 280 Pornofilmen mitgespielt», erinnert sich Rita. Heute kommen die Kopulationsathleten bei diesen Werken nach einem Raketenstart gleich stöhnend zum Geschlechtsakt oder zu allerlei Spielarten davon. «Wir drehten noch mit echten Handlungen», sagt sie. Immerhin: «Wir mussten uns auf einiges gefasst machen: auf Männer mit dem Glied des Esels von Säckingen etwa», sagt sie und lacht.

Seither sind viele Jahre vergangen, Jahrzehnte. Rita arbeitete stets in ihrem Gewerbe. Immer privat, nie in einem Salon, nie auf der Strasse. Im Ausland teilte sie die Wohnung mit einer Kollegin. Jetzt ist sie 60. «Wenn man jung ist, genügt ein schöner Körper. In meinem Alter muss man mehr bieten.» Sie meint damit nicht mehr Sexualpraktiken. Rita meint mehr Aufmerksamkeit. Was jetzt folgt, könnte man auch als Werbung für eine Autogarage, einen Coiffeursalon oder eine Anwaltskanzlei benützen. «Ich versuche herauszufinden, was die Kunden wollen, und möchte, dass sie zufrieden heimgehen.» Das mache sie gern, betont sie.

Die Geschäftsfrau

Das kostet. Rita verrechnet Stundenansätze. Die Skala beginnt bei 100 Franken. Käuflicher Sex: Art und Menge sind verhandelbar, manche Grenzen nicht. «Es gibt Männer, die sich nicht mal für den Urologen waschen würden. Solche habe ich auch schon vor die Tür gestellt.» Buchhalter sagen dem ungedeckter Betriebsaufwand. Geschäftsfrau Rita ergänzt: Viele Männer würden fixierte Termine nicht einhalten. «Manche Kolleginnen machen deshalb Doppelbuchungen.»

Jung, knackig und Geld wie Heu; alt, verblüht und sich mit dem begnügen, was übrig bleibt? Rita zögert. «Ich verdiene weniger, aber es reicht, und der Umsatz ist seit Jahren stabil.» Fast alle Männer seien anständig, viele sogar nett. Aber es gebe auch grauenhafte Kerle. «Da muss und kann ich abschalten.» Manche Kolleginnen können das nicht. Rita weiss, dass viele Frauen in diesem Gewerbe seelisch zugrunde gehen und den Alltag nur mit Drogen und Alkohol bewältigen. Sie habe viel Tragisches und Trauriges erlebt: «Manche wären besser Blumenbinderinnen geworden.»

Die Steuerzahlerin

Das Sexgewerbe jammert. Das Internet hat die herkömmliche Pornoindustrie kaputt gemacht. Seit jeder den Camcorder neben das Bett und die Videos ins Netz stellen kann, spült der Pornotsunami alle Schranken weg. Der Sex per Mausklick habe die Erwartungen in unerfüllbare Höhen geschraubt und die Empfindungen verkümmern lassen, kritisiert Rita. Weil sich die Männer nicht am Computer antörnen konnten, sei Sex früher prickelnder gewesen. «Heute kommen junge Männer, die wollen weiss Gott was anstellen. Wenns mich dann selber juckt und ich darauf einsteige, machen sie oft unerwartet früh schlapp.»

Sie ist keine Sexakrobatin mehr. Ihre Spezialität sei französisch, blasen, ungeschützt. Ohne Gummi, aber ohne Risiko, beteuert sie. «Auf meine Kosten lasse ich mich vorschriftsmässig alle drei Monate ärztlich untersuchen. Das bin ich meinen Kunden und mir schuldig.» Dass sie auch brav AHV und Steuern zahlt, schiebt sie nach. Im Gegenzug seien die Behörden meist höflich. «Na ja, nicht immer.» Aber ihr Gemeindepräsident grüsse stets freundlich. «Nein, er ist nicht mein Kunde.»

Die Wohltäterin

Seine Mitbürgerin arbeitet auch an ungewöhnlichen Orten: in Behindertenheimen. «Das hat sich so ergeben, weil ich mal einen Rollstuhlfahrer als Kunden hatte.» Dann sagt sie etwas, was dem vermeintlich knallharten Ruf des Sexgewerbes widerspricht: «Dort mache ich es gratis.» Einige würden ihr etwas schenken, eine Flasche Wein oder Parfüm etwa. «Und einer will partout das Kondom bezahlen.»

Prostituierte bedienen allerlei Männerträume. Einer davon ist die Rettung der gefallenen Frau aus dem Sündenpfuhl. «Ja, es gibt gelegentlich welche, die mich erlösen wollen.» Ein anderer ist die Machovision, jede Frau, selbst eine Prostituierte, zum Orgasmus zu bringen. «Solche Höhepunkte sind sehr, sehr selten. Ich bin ja kein Roboter und will nichts vorspielen.» Nun muss es ja nicht gleich der Himmel auf Erden sein. «Mit manchen Stammgästen fühle ich mich verbunden», bestätigt sie. Beziehungen, Abhängigkeiten will sie keine. «Mein Mann, mit dem ich 25 Jahre verheiratet war, ist vor einigen Jahren gestorben. Ich habe ein paar gute Freunde, lebe aber seither alleine.»

Die Buchautorin

In vier Jahren bekommt sie AHV. «Aussteigen? Nein, solange es geht, will ich arbeiten.» In ihrer Freizeit fischt sie. Und sie malt. Nächstens stellt sie ihre Bilder im Garten einer Freundin aus.

Ach ja, sie hat noch einen weiteren Plan: Sie will ein Buch schreiben. «Ich habe 45 Jahre lang Tagebuch geführt.» 900000 Einträge. Wird dies die grosse Abrechnung, mit Fakten und Namen? «Nein», sagt sie «das könnte ich nicht mit meiner Berufsehre vereinbaren.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.04.2013, 11:05 Uhr

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2 Kommentare

Laura Portmann

26.04.2013, 09:39 Uhr
Melden 6 Empfehlung 1

ein sehr schönes portrait! Antworten


Alfred Gertsch

26.04.2013, 02:26 Uhr
Melden 1 Empfehlung 3

Interessant. Was es nicht alles gibt. Antworten



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