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Schreiben öffnet das Tor zur Welt

Von Annatina Foppa. Aktualisiert am 20.07.2011

Katharina Helfenstein hat ihr Pensum bei einer Bibliothek reduziert, um freiwillige Arbeit zu leisten. Die 56-jährige Stadtbernerin erzählt, wie das unbezahlte Engagement beim Schreibdienst Bern sie um Welten reicher macht.

Bevor Katharina Helfenstein (rechts mit einer Besucherin) einen Brief schreiben kann, will sie verstehen, worum es geht.

Bevor Katharina Helfenstein (rechts mit einer Besucherin) einen Brief schreiben kann, will sie verstehen, worum es geht.
Bild: Andreas Blatter

Freiwillig

Ohne Lohn arbeiten. Das tut jeder und jede Vierte in der Schweiz. In den kommenden Wochen rücken wir einige dieser Frauen und Männer in unserer Sommerserie ins Zentrum. Sie engagieren sich freiwillig für etwas, das ihnen am Herzen liegt. Bereits erschienen: Gefangenenbetreuerin am 4.Juli, Freiwillige im «La Prairie» am 9.Juli.

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Am Anfang verstehe ich oft nicht, worum es geht. Da steht jemand vor dir, manchmal ganz aufgewühlt, mit ein paar Dokumenten in der Hand, und redet in gebrochenem Deutsch auf dich ein. Die meisten unserer Besucher kommen aus dem Ausland und brauchen Hilfe, um einen formellen Brief zu schreiben. Nach der anfänglichen Verwirrung klappt es dann meistens: Ich begreife, was die Person will, und setze den Brief für sie auf. Den kann sie dann gleich mitnehmen. Nur ganz selten muss ich jemanden wegschicken, weil nicht klar ist, was ich für sie oder ihn tun kann. Ich staune manchmal selbst, wie geduldig ich den Leuten beim Schreibdienst begegne. Das ist in meiner alltäglichen Arbeit in der Bibliothek nicht immer so.

Eigentlich war der Schreibdienst auch für schreib- und leseschwache Schweizer gedacht. Aber die kommen kaum. Vermutlich trauen sie sich einfach nicht hierher. Stattdessen kommen Leute aus Sri Lanka, Eritrea oder Pakistan. Das passt mir ganz gut. Es ist wunderbar, mit diesen Menschen in Kontakt zu kommen. Sonst treffe ich ja immer ein bisschen ähnliche Leute; die zwei Stunden Schreibdienst aber öffnen mir ein Tor zur Welt. Ich möchte ja nicht in rassistische Kategorien verfallen, aber vor allem die Somalier sind immer sehr gut organisiert und freundlich. Und auch dankbar – manche wollen mir am Ende der Sitzung Geld geben, obwohl der Dienst ja nichts kostet. Einmal brachten mir zwei tamilische Mädchen zum Dank einen Christstollen vorbei. Sie trugen ein weisses Kostüm und Engelsflügel, weil sie gleich einen Theaterauftritt hatten. An solche Begegnungen denke ich besonders gern zurück.

Ich bekomme durch meine Arbeit mehr, als ich gebe. Um freiwillig tätig zu sein, habe ich vor vier Jahren mein 100-Prozent-Pensum um 20 Prozent reduziert. Ich gebe jetzt nicht mehr so viel für meine beiden Leidenschaften Bücher und Reisen aus, und auch wohltätigen Organisationen lasse ich weniger Geld zukommen. Dafür spende ich meine Zeit. Wir sind zu acht beim Schreibdienst, und weil wir jeweils zu zweit arbeiten, sind alle einmal pro Monat an der Reihe. Immer dienstags ist der Dienst für zwei Stunden offen. Daneben besuche ich regelmässig eine Frau im Altersheim. Ich hatte schon immer das Bedürfnis, mich zu engagieren. Es belastet mich, was auf der Welt passiert. Mein Einsatz ist Kompensation für alles andere, das ich nicht tun kann. Nach meiner Pensionierung möchte ich nicht den ganzen Tag Kaffee trinken, sondern etwas bewirken. Um nicht Knall auf Fall vom Berufsalltag zur freiwilligen Arbeit zu wechseln, übe ich jetzt schon den Übergang.

Mich nerven die polemischen Diskussionen zu Ausländern und Flüchtlingen in der Schweiz. Aber statt mich nur zu ärgern, möchte ich die «andere Schweiz» leben: hilfsbereit und offen. Ein Iraker kommt immer zum Schreibdienst, wenn er Ferien eingeben will, weil er wieder einmal Familienbesuch hat. Ich schreibe ihm dann das Gesuch, das sein Chef bisher immer bewilligt hat. Wenn ich mir vorstelle, dass der Chef von seinem irakischen Mitarbeiter die am besten formulierten Briefe erhält, muss ich lachen. Wir vermerken nirgends, dass wir vom Schreibdienst die Verfasser sind. Aber wer den Brief liest, weiss: Jemand hat dieser Person geholfen, sie ist nicht allein.

In Asien oder Afrika war ich noch nie. Irgendwie bin ich da gehemmt. Ich fände es komisch, ein Land zu besuchen, dessen Bewohner sich eine solche Reise nie leisten könnten. Das käme mir ein bisschen so vor, als würde ich die einheimische Bevölkerung ausnutzen. Als ich noch Lehrerin war, hätte ich in Bangladesh unterrichten können, das hätte ich in Ordnung gefunden. Aber leider klappte es dann doch nicht, und ich blieb in der Schweiz. Hier werde ich vermutlich auch bleiben. Im Schreibdienst finde ich ja mein Pakistan, mein Nigeria und mein Bangladesh ganz ohne zu reisen.

Kontakt:Der Schreibdienst bei Benevol Bern, Aarbergergasse 8, Bern, ist am Dienstag von 17 bis 19 Uhr offen. Sommerpause bis 9.August. Keine Voranmeldung nötig. Tel: 031 312'23'12. (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.07.2011, 07:32 Uhr

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