Schauerlicher Spaziergang mit dem Totengräber

Die Pest geht um in der Stadt. Der Schwarze Tod macht auch vor der Obrigkeit nicht Halt, die schnell einen Sündenbock findet. Das Theaterstück «Der Totengräber» ist ein aussergewöhnlicher Spaziergang in eine dunkle Zeit.

Der Totengräber (Matthias Zurbrügg) vor dem Münster.

Der Totengräber (Matthias Zurbrügg) vor dem Münster. (Bild: Susanne Keller)

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Spieldaten «Der Totengräber»:

Jeden Mittwoch bis Ende Oktober. Treffpunkt: 20.05 Uhr vor der Nydeggkirche. 90 Minuten Rundgang, Fr. 20.–. Anmeldung erforderlich. Tel. 031 839 64 09.

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Im mittelalterlichen Gewand taucht er Flöte spielend bei der Nydeggkirche auf, der Totengräber der Stadt. Es ist ein Einmanntheater, das hier von Schauspieler Matthias Zurbrügg gespielt und von 60 Besucherinnen und Besuchern verfolgt wird. Und sie vernehmen Folgendes:

Wir schreiben das Jahr 1348. Die Stadt wird vom Berner Schultheiss Johann II. von Bubenberg mit starker Hand regiert. Die aufstrebende Stadt ist reich, geniesst hohes Ansehen. Das hat sie den Handwerkern zu verdanken. Die Ritter sorgen mit ihren Kriegszügen für den weltlichen Erfolg, während sich der Stadtpfarrer Diebold Baselwind, die Mönche und Beginen um das Seelenwohl ihrer Schäfchen kümmern. Das beschauliche Leben wird jäh erschüttert, als das Gerücht auftaucht, die Pestilenz wandere die Rhône hinauf und bedrohe auch die Stadt Bern.

Jetzt schlüpft der Totengräber in die Rolle des Stadtschultheissen. «Es müssen Schuldige gefunden werden», ruft er. Und die findet die Obrigkeit rasch. Es müssen Juden gewesen sein, die die Brunnen vergiftet haben.

Die Schuldigen ins Feuer

«Kommt liebe Leute, folgt mir», fordert Johann von Bubenberg alias Zurbrügg die Zuschauer auf und marschiert mit ihnen zum Rathaus. Hier wird die schauerliche Wahrheit eines dunklen Kapitels stadtbernischer Geschichte weitererzählt.

Die angeblich Schuldigen an der drohenden Pest, die Juden, werden dem Feuer übergeben. Das Unfassbare passiert trotzdem: Die Pest erreicht die Stadt im Frühsommer 1349.

Schauspieler Matthias Zurbrügg disloziert auf den Münsterplatz, auf die Fricktreppe und schliesslich in die Herrengasse. Die Zuschauer hinterher.

Schultheiss und Pfaff

Inmitten dieser mittelalterlichen Kulisse erzählt er vom grossen Sterben, gestikuliert und schlüpft – ohne sich dabei in ein anderes Gewand zu kleiden – in über ein Dutzend Rollen, spielt Totengräber und Tod, Schultheiss und Pfaff.

Regierungsrat als Komparse

Die Pest grassiert, rette sich wer kann. Eltern verlassen ihre kranken Kinder, Männer ihre Frauen. Ob Knecht, Handwerker oder honorige Persönlichkeit: «Seht, alle fliehen aus der Stadt», wimmert Schauspieler Zurbrügg in der Rolle einer verlassenen Gemahlin. Und mitten im Theaterstück marschiert tatsächlich der leibhaftige und echte Regierungsrat Urs Gasche zügig durch die Herrengasse und wird zum unfreiwilligen Komparsen. Schauspieler Zurbrügg reagiert spontan und ruft: «Seht doch, seht! Selbst hohe Regierungsmitglieder flüchten aus der Stadt.» Gasche grinst und geht weiter.

Der Tod will Pause machen

Weiter geht auch das Sterben in der Stadt. Die Pest rafft die Hälfte der Bevölkerung dahin. Die Strassen sind mit Leichen bepflastert. «Hätte nicht ein jüdischer Arzt helfen können?», sinniert der Totengräber. «Aber nein, der wurde ja auf dem Scheiterhaufen hingerichtet.» Jetzt graust es selbst dem Tod ob seinem Machwerk. «Lass mich eine Weile in deinem Bett ausruhen», fleht der Tod zum Totengräber.

Nach anderthalbstündigem Rundgang erlöst Matthias Zurbrügg die Zuschauer von den Gräueln der ersten Pestwelle in Bern und führt sie zurück in die Gegenwart. Ende 1349 verliess der Schwarze Tod die Stadt. Die Kulissen aber sind geblieben. Auf dem Münsterplatz gibts jetzt einen Apéro.

Regierungsrat Urs Gasche taucht wieder auf, erkundigt sich bei Schauspieler Zurbrügg über das Spektakel. Ob man für den theatralischen Rundgang auch als Gruppe reservieren kann? Man kann. (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.06.2009, 09:32 Uhr

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