«Schade, dass es weniger Skilager gibt»
Von Katharina Merkle. Aktualisiert am 09.02.2011 1 Kommentar
Verbandschef Riet Campell in seinem Büro in Belp. (Bild: Nadya Jeitziner/zvg )
Zur Person
Riet R. Campell (55) ist seit zwanzig Jahren Direktor von Swiss Snowsports (Verband der Schweizer Ski- und Snowboardschulen) mit Sitz in Belp und seit zwölf Jahren auch Präsident des Internationalen Skilehrerverbands. Wegen eines Unfalls wurde der Engadiner nicht Skirennfahrer, sondern Landwirt, dann Skilehrer und später eben Verbandsdirektor. Campell wohnt während der Woche in Bern. Der Hauptwohnsitz seiner Familie ist Cinuos-chel im Engadin.
Zahlen und Fakten
40 Prozent der Kinder fahren Ski Immer weniger Kinder nehmen an Skilagern teil. Gemäss Jugend+Sport ist von 2005 bis 2008 die Teilnehmerzahl der J+S-Skilager von 2700 auf 2300 geschrumpft. Gemäss der Studie «Sport Schweiz» (2008) fahren 40 Prozent der Kinder Ski, während 11 Prozent mit dem Snowboard die Pisten hinuntersausen.
Ungefähr 50 Prozent der Schweizer Bevölkerung betreiben Wintersport. Herr und Frau Schweizer fahren am liebsten Ski (33 Prozent). Dies ergab eine Befragung bei 11'200 Personen ab 14 Jahren. Weniger verbreitet sind Snowboarden (10 Prozent), Langlaufen (8) und Skitouren (4).
Dem Verband Swiss Snowsports mit Sitz in Belp gehören 13'000 Schneesportlehrer und 180 Ski- und Snowboardschulen an, im Kanton Bern sind es 22 Schulen. Die schweizweit grösste Skiregion mit den meisten Skischulen ist das Wallis mit 52 solcher Angebote.
In der Skifahrernation Schweiz besuchen immer weniger Kinder die Schullager. Als Vertreter der kommerziellen Skischulen müsste Sie dies freuen, Herr Campell.
Riet Campell: Das tut es nicht. Ein Ziel unseres Verbands Swiss Snowsports und der Schweizer Ski- und Snowboardschulen ist es schliesslich, den Schneesport zu fördern. Und zwar auf allen Stufen. Wer bis ins Alter von vierzehn Jahren keinen Schneesport betreibt, wird dies auch später nie tun. Somit ist die Tatsache, dass immer weniger Lager durchgeführt werden, auch für uns Schneesportlehrer nicht erfreulich. Es ist schade, dass die traditionellen Skilager nicht mehr konsequent durchgeführt werden. Gerade heute, wo in den Agglomerationen viele Kinder und Migranten leben, die keine Gelegenheit zum Schneesportbetreiben haben. Eine Schneesportwoche trägt auch vieles zur Integration und zum Kennenlernen der Schweizer Alpen bei.
Bei den 180 Ihrem Verband angeschlossenen Skischulen nimmt die Anzahl der Kunden zu. Kommen auch immer mehr Kinder und Jugendliche?
Unsere jährliche Auswertung zeigt, dass in den 180 Schweizer Ski- und Snowboardschulen pro Winter über 5 Millionen Stunden Unterricht erteilt werden. Rund 90 Prozent der Gäste sind Kinder und Jugendliche, Tendenz steigend. Wir stellen auch eine Verlagerung vom Gruppen- zum Privatunterricht fest.
Ziehen Eltern für ihre Sprösslinge also die teureren Lektionen mit dem Profi dem günstigen Skilager vor?
Die Schullager und die Schneesportschulen ergänzen sich sehr gut. Wenn es aber immer weniger Schullager gibt, so ist die Skischule der richtige Ort, um den Einstieg im Schneesport zu ermöglichen. Der Unterricht in der Familie funktioniert meistens nicht so gut
Eine Skiwoche im Lager ist schon für 250 Franken zu haben. Wie tief greifen die Eltern für die Profiskischule ins Portemonnaie?
Die Preise sind je nach Destination unterschiedlich. Eine Woche Unterricht von Montag bis Freitag kann zwischen 150 und 400 Franken kosten. Nehmen wir einen Durchschnittspreis von 250 Franken, ergibt das 10 Franken pro Unterrichtsstunde.
Wird es in zwanzig Jahren noch Schulskilager geben?
Ich hoffe es sehr. Ich weiss, dass eine Schneesportwoche mit den Schulkameraden unvergessliche Eindrücke bei den Jugendlichen und Kindern hinterlässt. Nebst dem Schneesport sind auch die sozialen und Integrationsaspekte für das Zusammenleben sehr wichtig. Es wäre schade, wenn in Zukunft das ganze Leben virtuell abläuft und man die emotionalen Momente mit den Klassenkameraden nicht mehr erleben könnte.
Als Privatmann sind Sie ein sehr erfolgreicher Förderer des Nachwuchses: Zwei Ihrer drei Kinder sind Skilehrer. Was tut der Verband, um den Jungen das Skifahren schmackhaft zu machen?
Es ist fantastisch, wenn man als Skilehrer seine Feriengäste betreuen und begleiten kann. Obwohl die gesamte Ausbildung zum Schneesportlehrer mit eidgenössischem Fachausweis nicht billig ist und mindestens zwei Jahre dauert, kann ich den Jungen sehr empfehlen, diese Ausbildung zu absolvieren. Nirgends lernt man innert so kurzer Zeit nette Menschen aus der ganzen Welt kennen. Es ist eine schöne Erfahrung fürs Leben. Seit der Beruf mit einem eidgenössischen Fachausweis abgeschlossen werden kann, wird die Ausbildung auch finanziell von den meisten Kantonen unterstützt. Zurzeit brauchen wir keine speziellen Massnahmen für die Nachwuchsförderung des Schneesportlehrer-Berufes.
Nachwuchsförderung in Ehren, es gibt aber auch immer mehr fitte Seniorinnen und Senioren. Wie peilt Ihr Verband dieses oft zahlungskräftige Segment an?
Damit wir dieses Segment nicht verlieren, sind gute Angebote mit hohem Komfort und grosser Sicherheit nötig. Da sind alle Anbieter in den Destinationen gefordert. Es ist nicht einfach, Senioren in den Gruppenunterricht einzubinden. Hier braucht es attraktive Angebote mit Hotel, Seilbahnticket und dem Skilehrer als Betreuer. Viele Senioren ziehen den Privatunterricht vor.
Die Skigebiete stehen nicht nur im Kanton Bern im gegenseitigen Wettbewerb, sondern weltweit. So hat das Berner Einkaufszentrum Westside im Dezember eine Woche Skiferien in den kanadischen Rocky Mountains verlost. Welches sind die härtesten Konkurrenten?
Ich finde solche Aktionen wie den erwähnten Wettbewerb gut, denn auch sie fördern schliesslich den Schneesport. Unsere grosse Konkurrenz sind nicht die ausländischen Winterdestinationen, sondern vielmehr Badeorte, Wellness- und Kulturferien.
Trotz dieser Konkurrenz: Das Berner Oberland gehört wohl auch noch in zwanzig Jahren zu den Top-Wintersportdestinationen. Wird aber dann noch jemand in die Region Gantrisch und auf den Gurten Ski fahren gehen?
Wintersportgebiete in Stadtnähe sind vor allem bei Familien sehr beliebt. Der Gurten ist ein gutes Beispiel dafür. Ob in zwanzig Jahren dort noch Schneesport betrieben werden kann, ist eher eine Frage des Klimas. Die Arbeitswelt wird immer hektischer, und von jedem wird immer mehr verlangt. Umso mehr braucht es gut eingerichtete Naherholungsräume. Teure Schneesportanlagen werden aber in kleinen Skigebieten immer mehr Mühe haben. Die grossen Skiregionen sollten die kleinen als Einsteigergebiete unterstützen und optimale Infrastruktur für Kinder und Einsteiger aufrechterhalten. Das Gantrischgebiet bietet dazu auch ein Superangebot für Langlauf, Schneeschuhwandern und Tourenfahren.
Erst war jahrzehntelang Skifahren in, dann kam das Snowboarden, danach das Carven – und was ist aktuell und in naher Zukunft angesagt?
Das steigende Gesundheitsbewusstsein, der Drang nach Natur und die Flucht aus dem Grossstadtrummel wirken sich positiv auf das Freeriden, Schneeschuhwandern und Langlaufen aus. Wir stellen dort einen aufsteigenden Trend fest. Wichtig ist aber, dass bei jeder Weiterentwicklung der Respekt gegenüber der Natur erhalten bleibt.
(Berner Zeitung)
Erstellt: 09.02.2011, 07:03 Uhr
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