Reitschule: Je besorgter die Eltern, desto grösser die Anziehungskraft

Für Hunderte Jugendliche aus der Region ist der Vorplatz vor der Reitschule der Place to be im Ausgang am Wochenende. Jetzt, nach der Action vom letzten Wochenende, sowieso. Die Sorgen der Eltern machen den Ort nur noch attraktiver.

Alles, was Jugendliche brauchen. Der Vorplatz der Reitschule, das am besten laufende Jugendzentrum der Region Bern, gegen das die offiziellen Jugendangebote einen schweren Stand haben.

Alles, was Jugendliche brauchen. Der Vorplatz der Reitschule, das am besten laufende Jugendzentrum der Region Bern, gegen das die offiziellen Jugendangebote einen schweren Stand haben. Bild: Claudia Salzmann

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«I gah hütt Abe vor d Halle. Alli andere sy o dert.» Wenn der 14-jährige Sohn, die 15-jährige Tochter diesen Satz zum ersten Mal beim Nachtessen einfliessen lässt oder in den Familienchat schreibt, kann man sicher sein, dass der Erziehungsalltag gerade die nächste Schwelle erreicht. Die Reitschule! Der Pegel elterlicher Besorgnis schnellt in die Höhe, gleichzeitig fühlt sich der pubertierende Nachwuchs erwachsener denn je.

Diese Konfliktkonstellation dürfte sich nach den Krawallen der letzten zehn Tage in vielen Familien in der ganzen Region verschärft haben. Aber ausgerechnet dieses Wochenende wollen die eigenen Söhne und Töchter unbedingt an ein Konzert im Dachstock der Reitschule oder Friends treffen vor der Halle.

Sie sehen null Probleme – auch darin nicht, mit dem letzten Tram, der letzten S-Bahn nach Hause zu fahren oder im Notfall den Moonliner zu nehmen. Minderjährig? Wo ist das Problem?

Alle andern tun es ja auch.

Brummendes Jugendzentrum

Alle andern tun es auch? In diesem Fall ist der beliebteste Jugendlichen-Satz in Verhandlungen mit ihren Eltern nicht an den Haaren herbeigezogen. Der Verband offene Kinder- und Jugendarbeit Kanton Bern (Voja) hat Erhebungen gemacht, die zeigen, dass von den rund 19 000 Jugendlichen zwischen 15 und 19 in der Region Bern rund 10 Prozent ­regelmässig einmal pro Wochenende nach Bern in den Ausgang fahren.

Die beliebtesten Treffpunkte sind Grosse Schanze, Innenstadt, die Aare – und natürlich der Vorplatz vor der Reitschule. «Da kommt schon ziemlich viel jugendliches Volk zusammen», macht Jonathan Gimmel, Voja-Präsident und Worber SP-Gemeindepolitiker, deutlich.

Gefährlichkeiten gratis

Man könnte auch sagen: Der viel zitierte rechtsfreie Raum um die Reitschule ist nicht nur ein Sammelpunkt für potenzielle Extremisten und Outlaws. Sondern auch der Place to be für Hunderte Jugendlicher aus den normalsten Familien der ganzen Region. Freitag- und Samstagnacht kann man vor der Reitschule das mit Abstand am besten laufende Jugendzentrum der Region Bern besichtigen.

Vor der Reitschule hat es alles, was Jugendliche suchen. Der Platz ist mit Musik beschallt. Man trifft Kolleginnen und Kollegen aus dem Gymer, von der ­Berufsschule, vom letzten Sport- oder Musiklager, die vielleicht in einer anderen Gemeinde wohnen. Keine Eltern, keine Aufpasser, keine verständnisvollen Jugendarbeiter weit und breit. Null Verbote. Man muss nichts konsumieren — oder kann, was man trinken will, vom Discounter mitbringen.

Vor der Reitschule hat es alles, was Jugendliche suchen. Keine Eltern, keine Aufpasser, keine verständnisvollen Jugendarbeiter weit und breit.

Man steht als Teenager unter multikulturellen Jung-Erwachsenen-Gruppen, schaut ihnen zu, wie sie schon mal über die Stränge hauen. Und kann dabei gratis ein Bauchgefühl ausprobieren, weil «da schon ein paar Gefährlichkeiten zugegen sind», wie es ein Vater und Jugendsachverständiger ausdrückt. Minderjährige versuchen sich rauchend oder kiffend als Bad Boys oder Bad Girls, um den Kumpels zu imponieren.

Die landesweiten Schlagzeilen über die Rencontres mit der Polizei steigern die Attraktivität ­zusätzlich. Die Reitschule! Die Eltern sind sehr aufgeregt. Die Kids sehr cool. Alles andere wäre für Jugendliche in diesem Alter wohl nicht normal.

Ab ins Zentrum

Andreas Wyss, Leiter der Fachstelle Prävention, Kinder- und Jugendarbeit der Gemeinde Köniz, beobachtet zwar, dass es auch Jugendliche gibt, die das Reitschule-Umfeld bewusst nicht aufsuchen, um ein persönliches Statement zu setzen. Aber der «Zentrumsdrang im Ausgang» sei ab 14, 15 Jahren evident.

Die Reitschule sei aus jugendlicher Sicht ein extrem attraktives Umfeld – in jeglicher Hinsicht. Mitunter würden Jugendliche bei einem Polizeieinsatz vor der Reitschule auch den Frust abreagieren, den ihnen angeblich ein Polizist beschert hatte, als er das frisierte Töffli allzu genau unter die Lupe nahm und eine Busse ausstellte.

Köniz betreibt in allen Gemeindeteilen Jugendtreffs, die vor allem von jüngeren Jahrgängen frequentiert werden. Ein Augenmerk der Jugendarbeit für die Altersgruppe Ü-15 müsse sicher auf dem Heimweg liegen, sagt Wyss. Der Ausgang finde ja nicht nur vor der Reitschule statt, sondern auch noch spät nachts im ÖV.

Die Jugendarbeit Köniz verteilt etwa Nachteulen-Flyer mit Sicherheitstipps und Empfehlungen für altersgerechte Heimkehrzeiten. Wyss befürwortet aber auch die Stärkung regionaler Angebote der Jugendarbeit.

Ähnlich argumentiert Urs ­Ammon, Leiter der Kinder- und ­Jugendfachstelle Aaretal in Münsingen. Auch aus dem Aaretal pilgern minderjährige Jugendliche im Ausgang nach Bern unter ­anderem vor die Reitschule, aber auch nach Thun.

Daraus könne man auch ein Bedürfnis nach ungezwungenen Treffpunkten ohne Konsumzwang im öffentlichen Raum ablesen. In den Agglomerationsgemeinden gebe es diese Räume zwar auch, aber in dicht bebautem Ambiente entstünden dort oft Konflikte wegen Lärm oder Littering. Die raue, lärmunempfindliche urbane Umgebung der Reitschule sei in dieser Hinsicht in der Region unschlagbar.

In den Regionsgemeinden sei das Bewusstsein für das mobile, nachtaktive Ausgehverhalten minderjähriger Jugendlicher gewachsen, findet Voja-Präsident Gimmel. Die Zeiten, in denen man in Einzelaktionen mit Ausgangssperren gegen jugendliche Exzesse vorzugehen versuchte, seien vorbei.

Man teile heute die Ansicht, dass die Verantwortung der Gemeindepolitiker für «ihre» Jugendlichen nicht vorbei sei, ­sobald sie im Ausgang das Gemeindegebiet verlassen hätten. Die Stadt Bern baut derzeit an der Nägeligasse das Lokal Tankere auf, das für Jugendliche ab 16 gedacht ist und deshalb auch regionalen Charakter hat. Ob dieses neue offizielle Angebot mit dem inoffiziellen, wilden Flair des Reitschule-Vorplatzes konkurrieren kann, ist offen.

Wann zu Hause sein?

Sehr offen ist in vielen Familiendiskussionen auch die Frage, wann die minderjährigen Ausgänger zu Hause sein sollten. Gesetzliche Regelungen gibt es nicht – und alle andern müssen ohnehin immer später zu Hause sein.

David Schmid, Leiter der kantonalen Erziehungsberatung, rät, im Gespräch mit minderjährigen Ausgängern auf jeden Fall einige Eckpunkte festzulegen. Wo bist du? Mit wem? Welche erwachsene Person hat die Verantwortung? Wann bist du zu Hause?

Vor der Reitschule entfällt die erwachsene Verantwortungsperson. Für Minderjährige ab 15 Jahren empfiehlt Schmid unter der Woche 21.30 Uhr, am Wochenende 23 Uhr als Heimkehrzeit. Die Realität in den S-Bahn-Zügen um Mitternacht zeigt aber: Minderjährige in voller Fahrt.

«Wichtig ist, dass Eltern die Frage nach der Verantwortung stellen.»David Schmid, Erziehungsberater

«Wichtig ist», sagt Schmid, «dass Eltern die Frage nach der Verantwortung stellen.» Wenn man Jugendlichen Erwachsenenverantwortung übertrage, müsse man auch die entsprechenden Pflichten einfordern.

Extremer? Braver!

Eltern haben gerne das Gefühl, ihre Kinder würden immer extremer. Immer früher immer länger im Ausgang den Versuchungen der Erwachsenenwelt ausgesetzt. Verschiedene nationale Erhebungen zeigen: Mit Ausnahme von Alkohol ist der Suchtmittelgebrauch bei Jugendlichen eher rückläufig. Die Jugendgewalt ebenso.

Man könnte sagen: Die Jugendlichen sind recht brav. Selbst wenn reihenweise Minderjährige bis Mitternacht vor der Reitschule stehen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.03.2017, 07:06 Uhr

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