Region
Raues Klima im Sozialdienst
Von Tobias Habegger. Aktualisiert am 02.07.2009 2 Kommentare
Daniela Flüeler (Bild: Susanne Keller)
Die Sozialhilfe-Debatte geht weiter
Die Sozialarbeiterinnen Daniela Flüeler und Judith Schweiss weichen der Frage aus, ob Sozialdirektorin Edith Olibet (SP) oder der Berner Gemeinderat durch Sturheit, Trägheit und unbeholfene Kommunikation die angespannte Situation im Berner Sozialdienst unnötig verschärft haben (siehe Haupttext). Eine Antwort dazu gibt der Bericht der Aufsichtskommission BAK, der heute Abend im Stadtrat debattiert wird. Dieser rügt unter anderem die Kommunikation der Stadtregierung in dieser Sache.
Ebenfalls heute Abend behandelt das Parlament den Schlussbericht Sozialhilfe des Gemeinderats. Dieser liegt bereits seit Ende Januar vor. Die parlamentarische Behandlung wurde damals aber verschoben, weil Finanzinspektor Beat Büschi Kritik übte an der Art, wie der Schlussbericht zu Stande gekommen ist. Büschi hatte im Auftrag des Gemeinderats 300 Sozialhilfedossiers überprüft. Sein Bericht ist dann in den Schlussbericht des Gemeinderats eingeflossen, dabei seien seine Bedenken zu wenig gewichtet worden. Diesen Vorwürfen ist dann eben die BAK nachgegangen.
Auch wenn heute Abend der Schlussbericht zur Sozialhilfe im Stadtrat behandelt wird und dabei Sozialdirektorin Olibet wohl einmal mehr betonen wird, dass sich im Sozialdienst vieles zum Besseren gewendet habe, wird die Diskussion über die Sozialhilfe kaum abbrechen: So ist für heute Abend auch der Antrag auf Einsetzung einer parlamentarischen Untersuchungskommission (PUK) traktandiert. Dieser SVP-Vorstoss dürfte aber nur wenig Chancen haben.
Mindestens ein halbes Dutzend weitere spezifische Vorstösse zum Thema Sozialhilfe sind zudem noch hängig. tob/azu
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Seit kurzem wird das Verwaltungsgebäude an der Frankenstrasse 1 in Bümpliz von einem Securitas-Angestellten bewacht. «Es beruhigt mich, dass er da unten steht», sagt Sozialarbeiterin Daniela Flüeler, während sie im 2.Stock des Gebäudes in ihrem Büro sitzt. «Die Drohungen seitens der Sozialhilfebezüger haben stark zugenommen, seit wir bei ihnen mehr Kontrollen machen», erzählt die Teamleiterin der Dienststelle West.
Wie stark solche Drohungen die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter belasten, zeigt das Beispiel von Flüelers Stellvertreterin: Aus Angst, ein besonders aggressiver Klient könnte ihr Bild aus der Zeitung kopieren und verbreiten, will sich Judith Schweiss nicht fotografieren lassen.
Wie eine Kontrolle im Tram
Früher wurden die Sozialarbeiterinnen kaum bedroht. Die Klienten hatten keinen Grund dazu. «Wenn wir dachten, jemand könnte betrügen, hatten wir wenig Kontrollmöglichkeiten», sagt Daniela Flüeler.
Doch dann wurde im Sommer 2007 der BMW-Fall publik (wir berichteten): Die abtretende Sozialdienst-Chefin Annemarie Lanker kritisierte öffentlich Gemeinderätin Edit Olibet (SP) und bezifferte die Missbrauchsquote in der Sozialhilfe bei mindestens 10 Prozent. Politiker und Medien forderten bessere Kontrollen. Nach langem Hin und Her billigte Sozialdirektorin Olibet sieben Monate später den Einsatz von Sozialinspektoren.
«Für einige Sozialhilfebezüger war das, wie wenn im Tram plötzlich ein Kondukteur kommt», sagt Sozialarbeiterin Judith Schweiss. «Sie reagierten aggressiv.» Trotzdem begrüssen sowohl sie wie auch Arbeitskollegin Daniela Flüeler diese Massnahme. «Auch wir bezahlen Steuern», sagt Judith Schweiss. «Auch wir wollen Sozialhilfemissbrauch bekämpfen – zum Schutz der Sozialhilfe und zum Schutz derjenigen, die es wirklich nötig haben.»
Die Lust am Job vergeht
Trotzdem beklagen sich die beiden Sozialarbeiterinnen über die heftige Missbrauchsdebatte, die in Bern seit zwei Jahren für negative Schlagzeilen sorgt. «Es reicht», schrieben Daniela Flüeler und Judith Schweiss in einem Leserbrief an die BZ-Redaktion. «Wir haben genug davon, unseren Kopf für politische Rangeleien hinzuhalten.» Ihre Arbeit werde in den Medien schlecht dargestellt. «Wir krampfen und machen unsere Arbeit gut», sagt Daniela Flüeler. «Wir sind kein Saftladen.»
Im Mai habe sie sechs Dossiers abgeschlossen und die Klienten ins Arbeitsleben zurückgebracht, betont Judith Schweiss – für sie war das ein Spitzenmonat. «Doch davon schreibt niemand. Wir lesen immer nur, was wir alles falsch machen und welche Massnahmen wir noch nicht umgesetzt haben.» Darunter würden die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter leiden. Das Klima habe sich verschärft. «Es kommt vor, dass erboste Klienten an Sitzungen die Vorwürfe der Medien aufnehmen und uns damit attackieren.»
Die Unzufriedenheit im Sozialamt äussert sich auch in der hohen Fluktuationsrate (siehe Kasten). Sven Baumann, Generalsekretär der Sozialdirektion, spricht in diesem Zusammenhang von «alarmierenden Zuständen». Judith Schweiss fügt an: «Manchmal kann einem schon die Lust am Job vergehen.» Der Druck sei enorm. Wegen der Finanzkrise steige die Anzahl der Klienten. «Gleichzeitig haben wir immer weniger Zeit, uns um deren Anliegen zu kümmern.» Denn neben der alltäglichen Arbeit müssten sie nun eine Flut von Massnahmen umsetzen und dem Finanzinspektorat bei der Dossierüberprüfung behilflich sein.
Schlaflose Nächte
Die öffentliche Sozialhilfedebatte brachte dem Berner Sozialdienst einerseits willkommene Kontrollinstrumente wie Sozialinspektoren und zusätzliche Stellen in der Administration. Andererseits hat sich aber das Arbeitsklima für die Sozialarbeiter verschlechtert. «Viele Mitarbeiter sind verunsichert», sagt Daniela Flüeler. «Einige arbeiten jetzt extrem pingelig.» Damit das Dossier vollständig sei, würden diese einer Quittung nachrennen und das Hauptziel, die Integration des Klienten im Arbeitsmarkt, aus den Augen verlieren. Daniela Flüeler betont: «Ich will nicht, dass meine Leute schlaflose Nächte haben, weil im Dossier eine Quittung fehlt. Dagegen wehre ich mich.»
(Berner Zeitung)
Erstellt: 02.07.2009, 08:18 Uhr
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2 KOMMENTARE
unter frau olibet, bei der erwachsenen- und kindesschutzkommission der stadt bern und ihrem jugendamt, sollte viel besser kontrolliert werden. dort wird rechtsverweigerung praktiziert und gelogen...!
Ich frage mich schon, wie lange sich Frau Olibet noch am seidenen Faden bei der Sozialdirektion halten kann. Fast wöchentlich gerät sie mit dem Sozialamt in negative Schlagzeilen. Aber eben mit einem gleichgesinnten Stadtpräsidenten können offensichtlich Ungereimtheiten immer und immer wieder vertuscht werden.
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