Pyromane: «YB profitiert auch von uns»
Von Tobias Habegger. Aktualisiert am 19.11.2010 12 Kommentare
Zur Person
Das Gespräch mit P.J. fand in einer WG in einem Stadtberner Wohnquartier statt. Die Fussballaffinität der Bewohner ist in der Wohnung unübersehbar: Schals, Poster und Collagen von Pyro- und Choreobildern tapezieren die Wände. Unter der Bedingung der Anonymität war der 24-jährige Student bereit, dieser Zeitung Auskunft zu geben. Die erste Pyrofackel hat P.J. als 17-Jähriger im Neufeldstadion gezündet, an einem Spiel zwischen YB und GC. Seither habe er weit mehr als 100 Fackeln gezündet, allein in der letzten Spielzeit seien es gegen 40 gewesen. Seit elf Jahren besucht P.J. die YB-Spiele. Er reist dem Team durch ganz Europa nach.
Legalisierung
Die SP der Stadt Bern will das kontrollierte Abbrennen von Pyrofackeln erlauben. Ursprünglich stammen die Pyrofackeln aus der Seefahrt und waren als Signal in Notsituationen gedacht. Doch zunehmend wurden sie von Fussballfans entdeckt. Zuschauer, die im Stadion Fackeln zünden, verstossen gegen das Sprengstoffgesetz und riskieren gemäss dessen Artikel 37 eine Busse oder sogar eine Gefängnisstrafe. Dagegen kämpft die Stadtberner SP. «Pyro-Zünder werden zu Unrecht kriminalisiert», sagte Co-Präsidentin Flavia Wasserfallen vor zwei Wochen in dieser Zeitung. An der Delegiertenversammlung zu Beginn dieses Monats nahm die Partei die Juso-Forderung der Pyro-Legalisierung in die politische Agenda auf. In einer Medienmitteilung forderte die SP ein Pilotprojekt, welches das kontrollierte Zünden von Pyrofackeln erlauben soll. «Fans, die Pyro abbrennen, sind nicht gleichzusetzen mit den wenigen Gewalttätern im Stadion», sagte Flavia Wasserfallen.
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P.J.*, weshalb lassen Sie mitten in einem Fussballstadion Pyrofackeln abbrennen?
P.J.: Ich will auf den Rängen eine würdige Atmosphäre für YB erzeugen. Fackeln gehören zu meiner Idealvorstellung einer lebendigen Fankultur genauso wie Gesänge und Choreografien.
Aber mit den Fackeln schaden Sie Ihrem Herzensklub. In der letzten Saison musste YB Bussen vom mehr als 100'000 Franken bezahlen.
Ja, das mit den Bussen ist so ein Ding. Stünde YB wie vor zehn, elf Jahren vor dem finanziellen Abgrund, würde ich auf die Fackeln verzichten. Doch heute betragen die Bussen einen Bruchteil dessen, was im Fussball verdient wird. Zudem fliesst das Geld aus den Bussen sowieso Ende Saison von der Liga an die Vereine zurück. Die Personen, welche die Bussen auferlegen, schaden YB. Ich schade – wenn überhaupt– nicht meinem Herzensklub, sondern der Stade de Suisse AG.
Wo genau liegt der Unterschied?
Von den Personen, die vor zehn Jahren bei YB arbeiteten, ist heute keiner mehr da. Aber die Fackeln gehören schon seit mindestens zwanzig Jahren zur YB-Fankultur. In den 90er-Jahren waren Fackeln noch erlaubt. Erst mit der Vergabe der Euro 08 kamen die strengen Regeln. Die aktiven Fans investieren viel Zeit und Geld für eine stimmungsvolle Kurve. Davon profitiert auch der Klub, nicht zuletzt finanziell. YB ist mittlerweile angesagt, auch wegen der sichtbaren Fankurve. Wenn wir Choreografien machen, erhalten wir Lob. Sobald wir aber Pyro ablassen, werden wir beschimpft. Doch wir lassen uns nicht vorschreiben, wie wir unsere Liebe zu YB ausleben.
Das Abbrennen von Pyros fällt unters Sprengstoffgesetz. Es ist ein Offizialfdelikt. Sie brechen Gesetze.
Für mich zählt die Moral. Ich mache nichts Schlimmes. Ich könnte vor meiner Familie, meinen Freunden und Verwandten dazu stehen, wegen Pyros verurteilt zu werden. Einzig das obligate Stadionverbot würde mir zu schaffen machen. Auf der ganzen Welt stehen Feuerwerke als Symbol für Freude und gute Stimmung. Am 1.August feuert die ganze Schweiz Raketen in die Luft. Alle machen mit, obschon es immer wieder Verletzte gibt und zu Sachschaden kommt. Doch Fussballfans werden wegen Pyrotechnik kriminalisiert.
Die Stadtberner SP will das kontrollierte Zünden von Pyro legalisieren. Ist das in Ihrem Sinn?
Grundsätzlich ist es schön, aus der Politik mal was anderes zu hören. Sicher werden wir uns mit dem Thema der Legalisierung auseinandersetzen, jedoch würde diese Legalisierung nichts bringen, wenn Sie mit 1000 Auflagen verbunden wäre. Wir wollen frei sein. Wir wollen in unserem Sektor zünden – auch spontan, etwa nach einem Torerfolg oder wenn ein euphorisches Lied angestimmt wird.
Worin liegt der Reiz am Zünden?
Es ist ein Kick. Das Adrenalin schiesst ins Blut. Bevor ich den Faden ziehe, bin ich angespannt, ähnlich wie ein Sportler vor dem Ernstkampf. Doch sobald die Fackel brennt, macht sich Ekstase breit. Wenn dann noch ein gutes Lied angestimmt wird oder nach einem wichtigen Treffer, ist das Hochgefühl beinahe perfekt.
Was für Leute zünden Pyros?
Es sind Mitglieder von stimmungsorientierten Fangruppen und Personen aus deren Umfeld. Leidenschaftliche YB-Fans, die das Team quer durch die Schweiz begleiten und Stimmung machen auf den Rängen. Wir sind eine wachsende Jugendsubkultur.
Darf jeder mit Pyro in die Kurve kommen?
Eigentlich schon. Wir sind aber froh, nimmt nicht jeder sein eigenes Material mit, sonst wäre es schwieriger, das Ganze zu kontrollieren, und die Gefahr, dass Unfälle passierten, würde steigen. Aus diesen Gründen sind es oft die gleichen Leuten, die zünden. Ausser vielleicht an grossen Spielen wie dem Cupfinal 2009 gegen Sion. An diesem Spiel wurden bestimmt 200 Fackeln ins Stadion geschmuggelt – und 100 davon auch abgelassen.
Erhalten Neulinge Instruktionen?
Natürlich geben wir Tipps, wenn jemand Fragen hat. Doch wenn ich sehe, dass sich ein 14-Jähriger beweisen will oder einer zu besoffen ist, dann halte ich ihn davon ab. Natürlich kann ich nicht für jeden die Verantwortung übernehmen.
Es ist gefährlich, mitten in einer Menschenmenge 1000 Grad heisse Fackeln abzubrennen.
Auch ein Küchenmesser ist gefährlich in den Händen eines Mörders. So wie wir die Fackeln brauchen, tendiert die Gefahr, dass es zu Unfällen kommt, gegen null. Die Fakten sprechen für uns: Bei YB wird seit den 90er-Jahren gezündet. Verletzte gab es nie.
Im Basler St.-Jakob-Park flog vor ein paar Jahren eine Fackel aus dem YB-Sektor auf die unteren Zuschauerränge.
Zugegeben, das war ein Fehler von uns. Es war keine Absicht, sondern ein Versehen. Die Fackel hätte nach dem Gebrauch im leeren Teil des YB-Sektors landen sollen. Wir mussten über die Bücher und mussten die Selbstkontrolle verbessern. Doch übers Ganze gesehen wars ein Einzelfall in zwanzig Jahren, bei dem sich glücklicherweise niemand verletzt hat.
Es kommt auch immer wieder vor, dass die Fackeln auf dem Spielfeld landen...
da muss ich widersprechen. Früher kam es vor, dass die Fackeln nach Gebrauch aufs Spielfeld entsorgt wurden. Doch seit fünf Jahren ist das tabu. Darin sind sich alle Fanszenen der Schweiz einig. Denn es schadet der Sache. Wenn heute einer eine Fackel aufs Spielfeld wirft, hat er in der Fankurve nichts mehr zu suchen.
Was müsste passieren, damit Sie auf Pyros verzichten?
Ich mache weiter, ob legal oder illegal. Für mich ist das mehr als Zündeln. Es ist mein Lebensinhalt, YB zu folgen und die Fankurve nach meinen Wertvorstellungen zu gestalten. Ich sehe darin nichts Verwerfliches.
Haben Sie keine Angst vor Repression?
Nein, ich weiss, was zu tun ist, damit sie mich nicht erwischen.
Wie schmuggeln Sie die Fackeln rein?
Wir haben unsere Tricks.
(Berner Zeitung)
Erstellt: 19.11.2010, 07:37 Uhr
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12 Kommentare
Einmal mehr outet sich die SP der Stadt Bern als Unterstützer von Gesetzesbrechern und Leuten denen es nur ums Randalieren geht. Wenn man als politische Partei Pyros in Stadien unterstüzt gibt es doch einigermassen zuverlässige Hinweise wessen Kind die SP der Stadt Bern ist. Für YB wird die ganze Pyrosgeschichte einfacher, Bussen sind direkt an an Frau Flavia Wasserfallen weiterzuleiten. Antworten
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