Prostituierte arbeiten jetzt mit Businessplan

Im früheren Motel an der Lyssstrasse bei Münchenbuchsee ist wieder Betrieb eingekehrt – der selbe wie früher: Sex. Der Zweck ist der gleiche, das Geschäftsmodell anders: Die Frauen arbeiten nun als freischaffende Unternehmerinnen.

Der ehemalige Club 3000 bei Münchenbuchsee war im März nach einer Razzia geschlossen worden.

Urs Baumann

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Ermittlungen sind bald abgeschlossen

Die Behörden schlossen im vergangenen Frühling den Club 3000, weil sie vermuteten, dass die beiden Betreiber Gesetze verletzt hatten. Unter anderem warf die Justiz dem Paar vor, Prostitution gefördert und gegen das Ausländergesetz verstossen zu haben. Die beiden unterhielten überdies in Einigen am Thunersee einen ähnlichen Betrieb, den Club 3001.

Zuständig für die Strafverfolgung ist das kantonale Untersuchungsrichteramt für Wirtschafts- und Drogenkriminalität. Gemäss Auskunft dieser Behörde waren die beiden Angeschuldigten rund eine Woche lang in Haft. Die Ermittlungen werden demnächst abgeschlossen.

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Bis Ende März 2009 war hier der Club 3000 einquartiert. Nach einer Razzia verhaftete die Polizei das Betreiberehepaar und schlossen die Behörden das Etablissement (siehe Kasten). Nach einer halbjährigen Pause arbeiten seit Oktober im heruntergekommenen Motel nun wieder Prostituierte. Unter dem Namen «Paradiso» bieten zwischen sechs und zwölf Frauen ihre Dienste an. Sie kommen vorwiegend aus Osteuropa.

Das Sexgewerbe ist nun allerdings anders organisiert als unter den früheren Betreibern. Das Statthalteramt Seeland in Aarberg hat die gastgewerbliche Bewilligung erteilt und kennt das neue Geschäftsmodell. Zum Verwaltungskreis Seeland gehört das «Paradiso», weil es zwar nahe bei Münchenbuchsee, aber auf dem Gebiet der Gemeinde Rapperswil liegt.

«Marktübliche Mieten»

Im ehemaligen Club 3000 waren die Sexarbeiterinnen angestellt. Jetzt sind sie freischaffend. Das «Paradiso» unterhält eine Kontaktbar und vermietet den Frauen die Räume. Der Betreiber darf bloss «marktübliche Preise» verlangen, wie die stellvertretende Regierungsstatthalterin Franziska Steck sagt.

Die selbstständigen Sexworkerinnen müssen sich bei der Gemeinde Rapperswil anmelden. «Sie haben einen Businessplan vorzulegen», erklärt Gemeindepräsidentin Christine Jakob (SVP). Wie in anderen Geschäftsbereichen sollen die Einnahmen die Ausgaben übersteigen. Die Geschäftspläne gehen an den Migrationsdienst des Kantons Bern. Dieser kontrolliert, ob die ausländerrechtlichen Bestimmungen eingehalten sind – und ob die Frauen ihren Businessplan richtig berechnet haben.

Die Gemeinde Rapperswil muss überprüfen, ob im «Paradiso» die Vorschriften eingehalten werden, die Bestimmungen des Gastwirtschaftsgesetzes etwa. «Die Polizei und ich werden das Lokal jährlich ein- bis zweimal kontrollieren», sagt Gemeindepräsidentin Jakob. Bei diesen Visiten sind medizinische Untersuchungen kein Thema. Prostitution ist ab 16 Jahren legal. Obligatorische Gesundheitskontrollen gibt es nicht.

Das Statthalteramt in Aarberg bewilligte das Lokal unter der Bedingung, dass Xenia, die Beratungsstelle für Frauen aus dem Sexgewerbe, Zugang zum «Paradiso» hat. «Wir werden den Betrieb nächstens besuchen», erklärt Xenia-Mitarbeiterin Jacqueline Suter.»

Unauffindbarer Wirt

Ein Gastwirtschaftsbetrieb mit angegliedertem Sexgewerbe: alles legal, alles unter Kontrolle. Stutzig macht bloss, dass der Wirt des «Paradiso» nicht aufzufinden ist. Die Redaktion kennt seinen Namen. Unter der bei der Gemeinde Rapperswil deponierten Könizer Adresse ist er nicht zu finden. Ein Telefoneintrag fehlt ebenso. Die einzigen Spuren sind gelöschte Handelsregistereinträge. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.02.2010, 08:09 Uhr

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11 Kommentare

alfred schorter

12.02.2010, 12:52 Uhr
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wieso muss das thema sofort wieder moralisiert werden? ich besuche oft prostituierte, und das schon seit jahren. ich finde es gut, wenn sie selbstständig werden. unternehmer sind immer nachhaltiger und solider als manager. diese qualität kommt schlussendlich dem kunden zu gute. Antworten


Sina Frey

11.02.2010, 17:57 Uhr
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Was bedeutet schon "Not"? Prostituierte haben genauso Geldnot wie andere. Wir alle brauchen Geld um zu Überleben und einen gewissen Lebensstandard zu haben. Diese Art von "Geldnot" mit Zwang gleichzusetzen ist tatsächlich herabwürdigend für Frauen, welche wirklich gezwungen werden. Die meisten Sexarbeiterinnen arbeiten, wie ich auch, freiwillig. Aber 18% dünkt mich schon gar hoch? Antworten


Markus Früh

10.02.2010, 17:50 Uhr
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@Susanne Müller: Ach was! Lesen Sie mal das Post von Herrn Marc Freiburger! Mein Erfahrung geht in die selbe Richtung. An der Uni Bern prostituieren sich laut Umfrage ca. 18% der Studentinnen. Nicht wegen den Studiengebühren oder der Miete, sondern um sich einen iPot, iPhone, div. Designer-Kleider zu leisten und einen gewissen Lebensstandart zu leisten. Antworten


Marc Freiburger

10.02.2010, 17:00 Uhr
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Herr Müller, ich weiss soviel wie Sie und noch das: Nicht alle handeln aus Not, sondern weil sie einen gewissen Lebensstandard - der wohl über das Notwendige hinausgeht - als nötig erachten. Den Verzicht auf Luxus mit Not gleichzusetzen ist herabsetzend für jene, die tatslächlich Not leiden und sich nur deshalb prostituieren. Antworten


Heiner Müller

10.02.2010, 15:35 Uhr
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Lieber Herr Freiburger, Sie schwätzen, mit Verlaub, blöde daher. Was wissen Sie über die "Not" und die Not der Prostituierten? Was wissen Sie über die Gründe der Prostituierten, ihrem Gewerbe nachzugehen? Wohl nichts. Also äussern Sie sich bitte nicht herabwürdigend. Antworten


jean-pierre neidhart

10.02.2010, 15:02 Uhr
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@David Meili Sie haben leider keine Ahnung von den Frauen. Natürlich gibts leider viele Frauen die zu diesem Job gezwungen werden. Es gibt aber auch sehr viele Frauen die diesen Job ganz gerne und ohne Zwang ausüben weil der Lohn halt stimmt. Prostitution kann nicht verboten werden weil sonst keine Frau mehr alleine auf die Strasse kann. Antworten


Marc Freiburger

10.02.2010, 13:52 Uhr
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Gross ist die Not derer, die sich kein Gucci-Täschli oder Louboutin-Pumpsli leisten können und deshalb zur Prostitution gezwungen werden, Herr Meili. Antworten


Susanne Müller

10.02.2010, 13:03 Uhr
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Wenn schon Verbote dann müssten ja wohl eher die Freier bestraft werden. Denjenigen, die keinen anderen Weg für einen Verdienst sehen, müssen aber sichere Arbeitsplätze geboten werden - mit all den beruflichen Absicherungen und steuerlichen Konsequenzen wie das alle anderen Freischaffenden auch haben. Antworten


Martina Neser

10.02.2010, 12:58 Uhr
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Das ist ja ein ganz besonders lächerliche Landposse. Was haben die Leute auch immer für ein Problem mit der Prostitution? Es gab es immer und wird es immer geben. Die Frage ist nur unter welchen Umständen. Schaffen wir doch rechtlich klare Richtlinien, damit man auch würdig diesem Beruf nachgehen kann. Mit Moral predigen erreicht man nichts, aber auch gar nichts. Antworten


David Meili

10.02.2010, 12:41 Uhr
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Ein generelles Verbot der gewerblichen Prostitution liegt doch in der Luft, nur wagt sich keine der führenden Parteien an dieses Thema. Keine Frau prostituiert sich ohne Not selbst. Die "Praxis" der Gemeinde Rapperswil ist letztlich menschenverachtend, und auch die Organisation Xenia findet ihre Existenzberechtigung letztlich nur durch das soziale und gesundheitliche Elend von Ausgebeuteten. Antworten


Stefan Scherer

10.02.2010, 11:11 Uhr
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...da lachen die Hühner! Wer in der Gemeinde Rapperswil überprüft wohl den "Businessplan" der anschaffenden Damen auf Inhalt und Richtigkeit? Wird die Einhaltung des "Businessplans" mittels Stichproben überprüft und werden Erstellung und Umsetzung des "Businessplans" unter kundiger Anleitung eines horizontalen Sachverständigen in Workshops vermittelt? Antworten



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