Polizei hat Einsatz in der Reithalle stark dramatisiert
Von Jonathan Spirig. Aktualisiert am 26.09.2011 91 Kommentare
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Das am Montag gezeigte Video wirft ein schiefes Licht auf die Mitteilung, die die Polizei am Freitag betreffend des Einsatzes in der Reitschule versendet hat. Die Polizei spricht in ihrer Mitteilung beispielsweise von 30 bis 40 Personen, die die Zivilpolizisten massiv bedrängt und auf die Polizisten eingetreten haben. Zudem hätten die Einsatzkräfte die Reithalle fluchtartig verlassen müssen.
Das Video beginnt zwar erst, als die Zivilfahnder bereits einen Reitschüler in Handschellen gelegt haben (siehe Artikel zum Thema), es sind aber weit und breit keine 40 Personen zu sehen. Auch von einer physischen Gewaltanwendung gegenüber der Polizei ist nichts zu sehen. Stattdessen sieht man, wie die Zivilfahnder eine Frau unsanft anfassen, einen Mann in Handschellen würgen und zwei weitere Personen attackieren.
Die Reitschule will aber darauf verzichten, das Video zu veröffentlichen, weil man einerseits die Persönlichkeitsrechte aller Beteiligten achten und keine unkommentierten Gewaltvideos ins Internet stellen wolle. Auch der Polizei wurde es noch nicht zur Verfügung gestellt.
Berichte von Augenzeugen
Die Bilder wurden an der Medienkonferenz auch von lebhaften Berichten von drei Augenzeugen gestützt. Die 25-jährige Nadja Olloz, die nach eigenen Angaben etwa einmal im Monat im zur Reithalle gehörenden Restaurant Sous le Pont isst, sprach beispielsweise von einem traumatischen Erlebnis. Sie prangerte die Unverhältnismässigkeit des Einsatzes an und kritisierte, dass sich die Zivilfahnder nicht deutlich genug zu erkennen gaben.
Die Medienstelle der Reitschule zeigte sich sichtlich erfreut darüber, dass der Einsatz auf Video hat festgehalten werden können. Man habe schon mehrmals ein zunehmend gewalttätiges und unverhältnismässiges Vorgehen der Kantonspolizei Bern festgestellt und angeprangert, finde normalerweise aber kein Gehör.
Den Aussagen der Reitschule werde üblicherweise nicht Glauben geschenkt und oft würden stattdessen Betroffene oder die Reitschule des Fehlverhaltens beschuldigt. Anna Bürgi von der Medienstelle der Reitschule betonte auch, dass es für einen Kulturbetrieb wichtig sei, dass sich die Gäste sicher fühlen. Sie selbst verstehe jeden Gast, der sich nach den Geschehnissen vom Donnerstag überlegt, ob er die Reitschule noch besuchen soll.
Aufsichtsbeschwerde eingereicht
Weil zwischen der Darstellung der Polizei und der Version der Reitschule eine grosse Diskrepanz besteht, hat die Reitschule am Montag bei der Kantonspolizei eine elfseitige Aufsichtsbeschwerde eingereicht. Die Kritikpunkte in der Beschwerde werden mit viel Bildmaterial unterstrichen. Die Reitschule wirft der Polizei unter anderem auch vor, dass dem verhafteten Reitschüler das Recht auf einen Anwalt verweigert wurde.
Die Reitschule wolle mit der Aufsichtsbeschwerde das Bewusstsein stärken, dass es äusserst wichtig ist, «dass die mit Ausübung des staatlichen Gewaltmonopols betrauten Personen ihre Macht nicht missbrauchen und ihre Kompetenzen nicht überschreiten».
Polizei hält an ihrer Version fest
Die Kantonspolizei Bern wies am Montagnachmittag in einer Mitteilung die Vorwürfe in Zusammenhang mit dem Polizeieinsatz entschieden zurück. Sie hält fest, dass das veröffentlichte Video offensichtlich nur den Schluss des Einsatzes zeigt, nachdem ein Grossteil der Übergriffe auf die Polizei bereits stattgefunden hatte. Damit sei eine objektive Beurteilung der Ereignisse nicht möglich.
Die Polizei sehe zurzeit keinen Anlass, an der Darstellung der Polizisten, die im Einsatz gestanden sind, zu zweifeln. Sie bedauert stattdessen, dass sich die Verantwortlichen der Reitschule erneut nicht von der Gewalt gegen die Polizei distanzieren.
Sie schreibt zudem, dass es immer öfter zu solchen Vorfällen bei der Reitschule komme. Auch in der Nacht auf Freitag seien beispielsweise Polizisten mit Flaschen beworfen worden.
Junge Grüne fordern Entschuldigung
Die Jungen Grünen Bern werfen der Kantonspolizei Bern am Montag in einer Mitteilung vor, dass diese in ihrem Communiqué zum Einsatz vorsätzlich gelogen hat. Sie fordern deshalb, dass umgehend eine Untersuchung zum Polizeieinsatz vom 22. September eingeleitet wird. Zudem verlangen sie eine öffentliche Entschuldigung der Kantonspolizei Bern für die Lügen, die sie verbreitet habe.
Vom Gemeinderat der Stadt Bern erwartet die Partei, dass er zu den Ereignissen klar Stellung bezieht und bei der Kantonspolizei seinen Einfluss geltend macht. Die Partei will den Forderungen Nachdruck verleihen, indem sie einen parlamentarischen Vorstoss zum Thema einreicht. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 26.09.2011, 15:23 Uhr
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91 Kommentare
Die Polizei hat nicht bloss übertrieben, sie hat schlicht gelogen. Davon zu sprechen, dass Polizisten verprügelt wurden, während wie auf dem Video und durch Augenzeugen belegt, es die Beamten waren, die massiv Gewalt angewendet haben, das ist ein Skandal. Es braucht eine lückenlose Aufklärung des Einsatzes. Polizeigewalt wird oft genug unter den Teppich gekehrt - jetzt brauchts eine Aufklärung. Antworten
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