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Peter Vollmer's Rolle in der Beziehung Schweiz - DDR

Von Andrea Sommer. Aktualisiert am 06.03.2010

Er soll den spektakulären Handschlag der SP Schweiz mit Erich Honecker eingefädelt haben und oft Gast der DDR gewesen sein. Ein neues Buch beleuchtet die damalige Nähe des Berner Politikers Peter Vollmer zum kommunistischen Regime.

Zog Peter Vollmer (ganz links) die Fäden, als sich SPS-Präsident Helmut Hubacher mit DDR-Chef Erich Honecker (rechts) traf?

Zog Peter Vollmer (ganz links) die Fäden, als sich SPS-Präsident Helmut Hubacher mit DDR-Chef Erich Honecker (rechts) traf? (Bild: Rainer Mittelstädt/Bundesarchiv)

Das Buch

«Honeckers Handschlag», Interforum, Bern 2010, 334 Seiten, 45 Franken (www.interforum-events.ch).

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Liess sich Peter Vollmer 1973 als junger Schweizer SP-Politiker an der kommunistischen Kaderschule in Kleinmachnow ausbilden?

Er habe dort an einem Sonderlehrgang teilgenommen, gab Vollmer jedenfalls 1976 in der damaligen DDR zu Protokoll, als er mit einer Delegation des Schweizerischen Friedensrates in Ostdeutschland weilte. Heute will der ehemalige Nationalrat und aktuelle Direktor der Verbände öffentlicher Verkehr und Schweizer Seilbahnen von diesem Sonderlehrgang nichts mehr wissen.

Kleinmachnow, ein Vorort von Berlin, wurde 1961 durch den Bau der Berliner Mauer von Westberlin getrennt. Dort baute die Sozialistische Einheitspartei Deutschland (SED) ihre Kaderschmiede, die «Parteihochschule Karl Marx», auf. Hier kam vorbei, wer in der DDR politische Karriere machen wollte. Auch Funktionären ausländischer «Bruderparteien» stand die streng abgeschirmte Schule für Kurzlehrgänge offen.

Vollmers Lob für die DDR

Der Eintrag in einem Protokoll der Sozialistischen Einheitspartei (SED) ist eine von verschiedenen interessanten Entdeckungen, die der Berner Historiker Erwin Bischof nach einem Jahr Recherche in den Archiven von Stasi und SED in seinem jüngst erschienenen Buch präsentiert. Unter dem Titel «Honeckers Handschlag» beleuchtet der Ex-Diplomat die Beziehungen zwischen der Schweiz und der DDR von 1960 bis 1990.

Höhepunkt dieser Beziehungen war 1982 der spektakuläre Handschlag des damaligen SPS-Präsidenten Helmut Hubacher mit DDR-Generalsekretär Erich Honecker, der in der Schweiz ein mittleres politisches Erdbeben auslöste.

Der Mann, der den heftig umstrittenen Besuch im Hintergrund vorbereitet haben soll, war Peter Vollmer. Von ihm seien «bestimmende Elemente für die Aufrechterhaltung und den Ausbau der Beziehungen mit der SED» ausgegangen», schreibt Bischof auf Grund seiner Recherchen.

Vollmer soll den Besuch der SPS-Spitze bei Honecker 1981 auf einer Vortragsreise in der DDR mit Alfred Marter, dem stellvertretenden Leiter der Abteilung Internationale Beziehungen im Zentralkomitee der Staatspartei SED, eingefädelt haben. Im entsprechenden SED-Protokoll liest sich dies so: «Beide Seiten bekräftigten Interesse an der Entwicklung von Parteibeziehungen und vereinbarten, dass die SED eine Delegation der SPS für das erste Halbjahr 1982 einladen wird.»

Vollmer pflegte die freundschaftlichen Bande zum Arbeiter- und Bauernstaat bis zuletzt. 1986 berichtete die Parteizeitung «Neues Deutschland» vom Besuch des Schweizers am XI.SED-Parteitag und gab seine Rede wieder: «Als Vertreter der SPS und als Gast an eurem Parteitag bin ich aber auch beeindruckt, zu sehen und zu spüren, wie die Menschen hier in diesem Land für Frieden und Gerechtigkeit eintreten und wie sie mit ganz konkreter Arbeit einen Beitrag für eine menschengerechtere Welt und Gesellschaft leisten.» Drei Jahre später fiel die Berliner Mauer.

«Falls ich das gesagt habe»

Bischofs Darstellung seiner Vergangenheit bringt Peter Vollmer in Rage. Als der «Bund» Anfang Februar Auszüge aus Bischofs Buch unkommentiert abdruckte, reagierte er mit einem geharnischten Brief an die Redaktion. Darin bezichtigte er Bischof der Lüge sowie der politischen Beschimpfung und zweifelte die Qualität von dessen Quellen an: «Man weiss ja, dass in der DDR viele Leute gerade auch durch die SED verunglimpft wurden.»

Das sehen nicht alle so. Laut dem deutschen DDR-Spezialisten Friedrich-Wilhelm Schlomann sind 99 Prozent der SED-Protokolle echt. Eben weil sich die Leute in der DDR oft gegenseitig bespitzelten, hätte es sich ein Protokollant nicht leisten können, falsche Angaben zu machen.

Auch der Berner Geschichtsprofessor Walther Hofer taxiert SED- und Stasi-Akten als zuverlässige Quellen, seien diese doch wesentlicher Bestandteil in der Forschung über die DDR. Hofer geht noch weiter und stellt der Arbeit seines ehemaligen Schülers ein gutes Zeugnis aus: «Vom Standpunkt der Geschichtsforschung aus ist Bischofs Buch einwandfrei.»

Vollmer: «Ich war kritisch»

Vollmer bestreitet seine Reisen in die DDR nicht. In seiner Erinnerung war allerdings alles anders und er stets kritisch. Da kommt kein Sonderlehrgang an der kommunistischen Kaderschmiede vor. 1973 habe er mit einer Schweizer Delegation die Weltjugendfestspiele in der DDR besucht. Dabei habe die Delegation lediglich in Kleinmachnow übernachtet, sagt Vollmer. Das Treffen zwischen Hubacher und Honecker habe nicht er eingefädelt. Ob er 1981 auf seiner Vortragsreise den hohen SED-Beamten Alfred Marter getroffen hat, weiss Vollmer nicht mehr. Und seine Rede von 1986 will Vollmer nicht vor dem SED-Parteitag, sondern vor der Betriebsversammlung eines Berliner Eisenbahn-Ausbesserungswerks gehalten haben. Zum Schluss der Rede habe er «ein paar Höflichkeiten dringehabt», räumt Vollmer ein. Diese seien «etwas schön» ausgefallen, weil er davor für die damalige Situation sehr kritisch gewesen sei. «Jetzt, im Nachhinein, muss ich sagen, dass der Schluss etwas unkritisch war – falls ich das wirklich so gesagt habe.»

Akteneinsicht verweigert

An Bischof lässt Vollmer kein gutes Haar. Schliesslich wisse man ja, dass Bischof schon als Verfasser der rechtsbürgerlichen Inseratekampagne «Trumpf Buur» regelmässig die Behörden, den Sozialstaat und insbesondere die politische Linke verunglimpft habe.

Bischof hält dagegen: «Das Material für dieses Buch habe ich in vierzehn Archiven in der Schweiz und in Deutschland zusammengesucht.» Im schweizerischen Sozialarchiv in Zürich, dem offiziellen Archiv der SPS, wurde Bischof jedoch nicht fündig: Dort fehlen wichtige Akten zur Beziehung der SPS zur DDR.

Auch kontaktierte Bischof die meisten der Exponenten, über die er schrieb, fragte an, ob er deren Stasi-Akten einsehen dürfe. Etwa jene von Andreas Blum, Ex-Radiodirektor und damals als Präsident der Aussenpolitischen Kommission der SPS beim Honecker-Besuch und anderen SED-Kontakten dabei.

Bischof habe ihn über sein Buchprojekt informiert und ihm Gelegenheit gegeben, einige Passagen gegenzulesen, sagt Blum. «Das verlief alles sehr transparent und korrekt.» Trotz der politischen Differenzen zwischen den beiden stellt auch Blum Bischofs Arbeit ein gutes Zeugnis aus: «Meines Erachtens hat er seriös recherchiert, sein Buch wirkt auf mich prima vista sachlich, fair und erfreulich unpolemisch.» Umso weniger versteht Blum Vollmers geharnischte Reaktion. «Selbstverständlich habe ich Erwin Bischof Einsicht in meine Stasi-Akte gewährt – ich habe nichts zu verbergen.»

Das sagt auch Peter Vollmer von sich. Den Beweis dafür mochte er allerdings letzten Herbst nicht antreten, als Bischof um Akteneinsicht bat. Gegenüber der BZ gab Vollmer vorerst an, von ihm existiere gar keine Akte der Stasi. Zitieren lassen will er sich dann aber doch etwas weniger apodiktisch: «Ich habe keine Kenntnis davon, dass es von mir eine Stasi-Akte geben soll.» Im Birthler-Archiv seien lediglich Unterlagen, die seine Frau, die in Ostberlin aufgewachsene Berner SP-Stadträtin Gisela Vollmer, beträfen. Diese seien jedoch zu persönlich, um freigegeben zu werden. Vor allem nicht für jemanden wie Bischof, sagt Vollmer.

«Auf einem Auge blind»

Peter Vollmer sei damals bei den Kontakten mit der SED nicht durch eine kritische Haltung aufgefallen, sagt einer, der beim Honecker-Besuch dabei war. «Peter Vollmer war nicht lupenrein. Seine Sympathie für diese Art von Sozialismus war offensichtlich.»

Christoph Berger, von 1975 bis 1984 als SPS-Generalsekretär zuständig für die Aussenkontakte der Partei, sagt, Vollmer sei kein besonderer Freund der DDR gewesen. Von dessen häufigen DDR-Reisen weiss Berger allerdings nichts. Im Auftrag der SPS sei Peter Vollmer sicher nicht gereist. «Dass er so oft in der DDR war, war mir damals nicht bekannt – das hätten wir bei dieser angespannten politischen Lage sonst wohl thematisiert.»

Vollmer habe sich verrannt, sagt ein anderes SP-Schwergewicht. «Er war viel zu unkritisch gegenüber dem Kommunismus und dem Sozialismus.» Das Problem seien nicht Vollmers häufige Reisen in die DDR gewesen, «sondern dass er auf einem Auge blind war».

Dafür würde sprechen, dass Eckhard Bibow, der letzte DDR-Botschafter in Bern, Vollmer in besonders guter Erinnerung hat. Zu Vollmer habe er «sehr guten Kontakt» gehabt, sagt Bibow. «Wir haben uns gegenseitig über die Politik der beiden Parteien informiert.» Vollmer war als einziger SP-Politiker bei Bibow privat zu Gast und lud den Botschafter zu sich nach Hause ein. Auch in Bibows Erinnerung war Vollmer nicht so kritisch, wie er sich heute gibt: «Er war schon auch mal kritisch, aber grundsätzlich war er gegenüber der DDR aufgeschlossen.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.03.2010, 11:05 Uhr

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