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Norbert Blüm besucht Bern: «Die AHV ist nichts anderes als eine Art Steuer»

Von Peter Steiger. Aktualisiert am 26.01.2012 2 Kommentare

Ex-Minister Norbert BlümUnsere Gesellschaft habe genügend Geld für Renten. Doch gefährde Egoismus das Verhältnis zwischen Alt und Jung. Norbert Blüm, der frühere deutsche Arbeitsminister, kritisierte in Bern auch Schweizer Einrichtungen.

Wie sicher sind die Renten? Norbert Blüm im Zentrum Paul Klee.

Wie sicher sind die Renten? Norbert Blüm im Zentrum Paul Klee.
Bild: Susanne Keller

Altersbetreuung schafft Arbeitsplätze

Unsere markant gestiegene Lebenserwartung sei eine Chance für den Arbeitsmarkt. In den Dienstleistungen für Betagte, in der Pflege und Betreuung stecke ungeheuer viel Potenzial. Dies sagte Norbert Blüm gestern im Berner Klee-Zentrum.
Der ehemalige deutsche Bundesminister für Arbeit trat dort als Gastredner beim Sene-Forum auf. Diesen Anlass zum Thema Generationenvertrag hat Senevita organisiert. Das Unternehmen betreibt Pflegeheime und ermöglicht betreutes Wohnen unter anderem auch in Bern.

Der CDU-Politiker Norbert Blüm war von 1982 bis 1998 unter Kanzler Kohl Minister. In seinem rhetorisch glänzenden Referat betonte der 76-Jährige, wie wichtig die Solidarität sei. «Wer den Generationenvertrag anzweifelt, zerstört die menschliche Zivilisation.» Er warnte davor, Senioren bloss als Belastung zu sehen. Kein anderer Lebensabschnitt sei so differenziert wie der Ruhestand. Und: «Die nachfolgenden Generationen schaffen keine neue Welt. Sie übernehmen sie von den Eltern und verändern sie.»

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Herr Blüm, hier im Klee-Zentrum gibts für die Kinder Kunstanimation, und Senioren übernehmen unbezahlt die Museumsaufsicht. Der Generationenmix funktioniert wunderbar.
Norbert Blüm: So soll es sein.

Ausserhalb dieser Idylle siehts mieser aus. Der Generationenvertrag ist bedroht.
Ach was. Unsere Staaten sind so reich, dass sie sich die Altersvorsorge leisten können und leisten sollen. In jeder Gesellschaft müssen die Jungen für die Alten sorgen. Unsere Zivilisation beruht darauf. Alte Leute sind nicht alt geboren. Das vergessen die Jungen oft. Nicht Geldmangel bedroht unsere Renten. Unser Egoismus gefährdet sie.

Heute müssen Erwerbstätige mehr denn je zahlen. Schröpft sie der Wohlfahrtsstaat zu sehr?
Nein. Meine Eltern kostete die Altersvorsorge 10 Prozent ihres Einkommens. Heute sind es zwar 20 Prozent. Entscheidend ist aber, was übrig bleibt. Weil die Löhne gestiegen sind, ist dies viel mehr als früher.

Noch entscheidender ist, dass die aktive Generation Arbeit hat.
Für die Altersvorsorge ist es weniger wichtig, ob viele Kinder geboren werden, sondern, dass diese später Arbeit haben. Sonst hätten manche afrikanische Staaten die beste Rentenversorgung. Niemand stellt Kinder aus demografischen Gründen auf die Welt. Kinder sind eine Bereicherung und ein Geschenk Gottes.

Hier spricht der Vertreter einer christlichen Soziallehre.
Ja, das Christentum liefert uns die Moral zu unserem Verhalten. Das vierte der zehn Gebote ist eine direkte Handlungsanleitung für unser Rentensystem: «Ehre Vater und Mutter, auf dass du lange lebst und es dir gut geht.»

Sie sind Katholik und haben unter anderem beim damaligen Professor Joseph Ratzinger, dem heutigen Papst, studiert. Würden Sie heute immer noch an seinen Lippen hängen?
Er war und ist ein bedeutender Theologe. Ich bin nicht mit allem einverstanden, mit seinem Beharren auf dem Zölibat etwa. Aber diese Differenzen berühren nicht den Kern meines Glaubens. Mir ist es gleich, ob der Priester ledig oder verheiratet ist.

Was entgegnen Sie jenen Leuten, die sagen, dass jede Generation für sich selbst sorgen soll?
Ich würde ihnen den Nobelpreis für Dummheit verleihen. Babys wickeln sich bekanntlich nicht selbst.

In der Schweiz wollen einige Krankenkassen Betagte mit noch höheren Prämien belasten. Vermindert dies die Spannungen zwischen Alt und Jung?
Das glaube ich nicht. Das Wesen einer Versicherung besteht ja darin, dass sie die Risiken verteilt. Aus gesunden Jungen werden unvermeidlich einmal kranke Alte.

Deutschland kennt eine obligatorische Pflegeversicherung. In der Schweiz ist sie freiwillig und wird kaum benutzt. Ist das deutsche Modell besser?
Die von mir als Minister durchgesetzte Pflegeversicherung ist eine segensreiche Einrichtung. Sie hat ermöglicht, dass neben der stationären Heimpflege auch ambulante Institutionen entstanden und dass die Angehörigen für die Betreuung entschädigt werden.

In der Schweiz erfahren Angehörige, deren Eltern im teuren Pflegeheim sind, dass ihr Erbe entschwindet – eine Art versteckte Erbschaftssteuer.
Eine Pflegeversicherung verhindert ein solches Glücksspiel. Ausserdem ist es für die Pflegebedürftigen unwürdig, zu erleben, dass sie ihren Kindern nichts hinterlassen können.

Betagte werden immer mehr von Frauen aus Asien oder Osteuropa gepflegt – in der Schweiz ebenso wie in Deutschland. Ist das eine segensreiche Auswirkung der Globalisierung?
Nein, das ist eine neue Form des Kolonialismus. Früher hat der Westen Rohstoffe ausgebeutet, heute ist er hinter den Arbeitskräften her. Das gilt auch für ausgebildete Leute. Wir lassen ausbilden, in Indien etwa, weil die Ausbildung und die Ausgebildeten dort viel billiger sind. Das erinnert an den Sklavenhandel. Früher hat man bei diesen Menschen geschaut, ob sie ein gutes Gebiss haben. Jetzt genügt ein gutes Diplom.

Die Rentenprobleme äussern sich auf der ganzen Welt. Fällt Ihnen beim Schweizer System etwas Besonderes auf?
Die sogenannte erste Säule ist hier plafoniert. Wer viel einzahlt, erhält längst nicht alles zurück. Die Schweizer AHV ist damit nichts anderes als eine Art Steuer. (Berner Zeitung)

Erstellt: 26.01.2012, 07:57 Uhr

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2 Kommentare

Bernd Rosinger

25.01.2012, 17:52 Uhr
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Wie Recht doch Herr Blüm hat.Kinder hat man aus Freude am Nachwuchs.Sollten die eigenen Kinder die Rente sichern,dann müssten wir so kinderreich wie in grossen Teilen Afrikas sein.Ausserdem geht es nicht nur um die Renten der Alten.Schliesslich zahlen wir auch Schulsteuern und was weiss ich noch alles für die Jungen.Und nicht alle alten Leute belasten die Krankenkasse;es gibt auch hier Nettozahler Antworten


Sonja Bühler

26.01.2012, 19:49 Uhr
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In jeder Zeile steckt sehr viel Warheit. Ein sehr guter Artikel!
Schön, gäbe es auch in der Schweiz mehr Menschen wie Norbert Blüm.
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