Nachbar wird zum Chauffeur
Von Christian Liechti. Aktualisiert am 15.02.2011
«Ich will mitfahren», signalisieren die gelben Punkte in Oberhünigen. Auch Gemeindepräsident Heinz Zurflüh lässt sich zwischendurch von anderen mitnehmen. (Bild: Stefan Anderegg)
Nach Konolfingen sind es rund fünf Kilometer, nach Zäziwil etwas weniger. Wer in Oberhünigen wohnt, geniesst auf rund 800 Metern über Meer intakte Natur und einen prächtigen Ausblick. Doch er oder sie ist vom öffentlichen Verkehr abgeschnitten. Eine Busverbindung in das weitläufige Gemeindegebiet mit seinen 340 Einwohnern rechnet sich nicht, und Oberhünigen kann diese nicht alleine finanzieren.
Das Bedürfnis ist gross
Damit die Bürger trotz fehlendem ÖV mobil bleiben, wird nun die Gemeinde aktiv. In ihrem offiziellen Publikationsorgan sucht sie Personen, die Mitfahrgelegenheiten anzubieten haben und bereit sind, anderen zu helfen. «Nach der Schule absolvieren die Jungen ausserhalb von Oberhünigen eine Lehre, Seniorinnen und Senioren besuchen in Konolfingen den Arzt und können selber nicht Auto fahren», sagt Gemeindepräsident Heinz Zurflüh. «Deshalb ist das Bedürfnis nach Mitfahrgelegenheiten gross.»
Wie Zurflüh erklärt, sahen sich die Bürger in diesen Fällen bisher meist selber nach einer Mitfahrgelegenheit um. «Im Gegensatz zur Agglomeration funktioniert bei uns auf dem Land die Nachbarschaftshilfe noch.»
Trotzdem hat sich der Gemeinderat entschieden, die Fahrdienste neu zu koordinieren. Wer regelmässig mit dem Auto unterwegs ist und noch einen Sitz frei hat, kann sich mit einem Formular, telefonisch oder per Mail auf der Gemeindeverwaltung melden. Diese sammelt die angebotenen Mitfahrgelegenheiten und vermittelt diese an die Hilfesuchenden. «Gehen genügend Angebote und Nachfragen ein, planen wir, den privaten Fahrdienst über die Gemeindehomepage abzuwickeln», so Zurflüh. Doch in einer ersten Phase übernimmt die Gemeindeschreiberei die Vermittlung.
Ungefährlicher Autostopp
Oberhünigen hat bereits mit einem anderen System gute Erfahrungen gesammelt: An zwei Punkten im Dorf liess die Gemeinde eine grosse Markierung anbringen. Wer sich hier hinstellt, signalisiert den Autofahrern, dass er oder sie mitfahren möchte. «An den Punkten bleibt niemand lange stehen, bis ein Auto hält», sagt der Gemeindepräsident, der sich auch ab und zu von anderen mitnehmen lässt.
Gefährlich sei der moderne Autostopp nicht, denn in Oberhünigen «kenne jeder jeden». Geld verlange niemand, die Mitnahme sei freiwillig, so Zurflüh. Es gehe vielmehr darum, jemandem Hilfe anzubieten, der sonst bei Wind und Wetter kilometerweit nach Hause marschieren müsste. (Berner Zeitung)
Erstellt: 15.02.2011, 11:52 Uhr
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