Mit dem iPod auf Entdeckungsreise

BernDer Künstler Mats Staub schickt Interessierte mit einem iPod auf Entdeckungsreise durch die Rathausgasse. Dort wirkt Bern besonders städtisch. Doch je genauer man hinschaut und hinhört, desto mehr schrumpft die Welt zum Dorf.

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So bunt wie die Rathausgasse ist keine andere Ecke Berns, so prall gefüllt mit Leben. Da kommt der 39-jährige Künstler Mats Staub und behauptet: «Das besondere an der Rathausgasse ist ihr dörflicher Charakter.» Fast drei Monate lang lebte er hier und befragte Menschen, die in der Gasse wohnen und arbeiten. Das Ergebnis lässt sich ab heute im Rahmen von «Wem gehört die Stadt?» auf iPod anhören: Geschichten aus 27 Häusern der Berner Rathausgasse, insgesamt sechs Stunden Tonmaterial (siehe Kasten rechts).

Die Frau im Peepstore an der Rathausgasse 57, die auf dem iPod schlicht Rosmarie heisst, zieht auch eine Analogie zum Dörflichen. «Wenn jemand einen Staubsauger braucht, oder Münz, dann wird ihm geholfen», sagt sie. Man kennt einander, weil auf der Strasse geraucht wird, weil gespielt wird vor dem Drache-Näscht, weil Frau Lanz vom Kiosk in der Nummer 48 draussen auf Kundschaft wartet wie Dejan vor dem Vinylz Store im Keller der Nummer 47, weil man zusammen hier lebt.

Die «Audiobesichtigung» beginnt bei der Kirche St. Peter und Paul an der Rathausgasse 2, geht weiter bei der Antikschreinerei in der Nummer 12, beim Coiffure Charme im Haus 16 und dann weiter die Gasse hoch. Doch das sind bloss in eine Reihe gebrachte Zahlen. Geschichten funktionieren anders: Sie verweben Aspekte und Assoziationen auf mysteriöse, bei jeder Erzählung einmalige Weise zu einem Ganzen. Und sie verweisen auf immer neue Geschichten. Handeln alle von der gleichen Gasse, durchzieht diese zuletzt ein dichtes Geflecht. «Eine Geschichte führte mich zur anderen», sagt Staub.

Umgetauft vor 40 Jahren

Die Menge an Tonmaterial zwingt einen zu Abkürzungen. Der Daumen auf dem iPod bestimmt, wie lange und bei wem jemand in der Gasse verweilen will. Dabei ist es wie im richtigen Leben: Wer sich nicht vorsieht, bleibt hängen, zum Beispiel im Buchantiquariat Alexander Wild mit seinen 20000 Büchern. Jeden Abend mache er mit seiner Frau eine Weltreise, preist er auf dem iPod die Welt der Bücher. «Die Verschiebung des Körpers ist sekundär», sagt er, und dann doziert Wild eine Stunde lang. Wie er dem Tübeli-Wirt in den wilden Jahren der Gasse eine Garage vermietete und dann dessen Schutz genoss, ist nur eine seiner unzähligen Episoden.

Künstler Staub, der zuletzt mit dem Projekt «Meine Grosseltern» in Bern das Museum für Kommunikation bespielte, fasziniert diese Vergangenheit. 40 Jahre ist es her, dass Kräfte um Antiquar Wild und den damaligen Leist es im zweiten Anlauf schafften, die verrufene Metzgergasse in Rathausgasse umzutaufen. Unter jedem Laubenbogen habe eine Dirne gestanden, erzählen die Älteren, die Staub interviewt hat. «Ein Bild davon habe ich aber bislang nirgends gefunden.»

An wildere Zeiten erinnern heute noch Institutionen wie das Tübeli. In der Gasse sagt man ihm Schwarzwaldklinik, «weil der alte Beizer der Papa der Black Ladys war, die dort verkehrten». Das erzählt Max Grunder, der in dritter Generation die Pferdemetzgerei in der Nummer 24 betreibt. Beim Grossvater habe der Laden noch Vorhänge gehabt, weil Pferdefleisch verpönt war.

So geht es sechs Stunden lang, und man möchte wieder kommen ins Dorf und weiter den Geschichten lauschen. Was mit Staubs Kunstwerk nach «Wem gehört die Stadt?» passiert, ist aber offen.

Hörprobe aus dem Audioguide www.rathausgasse.bernerzeitung.ch (Berner Zeitung)

(Erstellt: 09.06.2011, 06:12 Uhr)

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