«Man kann nicht mit mehreren Hundert Leuten befreundet sein»
Von Hannes Zaugg-Graf. Aktualisiert am 21.03.2011 3 Kommentare
Zur Person
Hannes Zaugg ist Gemeindepräsident von Uetendorf, SP-Grossrat und mit dem Autor des oben stehenden Artikels auf Facebook – und inzwischen auch real – befreundet. >
Statt von Facebook-Freundschaft würde ich eher von «Kontaktschaft» sprechen. Man kann nicht mit mehreren Hundert Leuten befreundet sein. Aber Facebook ( 31.91 -3.39%) erleichtert die Pflege von Beziehungen, weil man immer wieder an Personen erinnert wird, die man sonst aus den Augen verlieren würde. Der Kontakt mit Freunden aus Amerika hat sich dank dieses Forums intensiviert, was ich sehr geniesse.
Durch Kommentare merkt man rasch, ob jemand auf der gleichen Wellenlänge ist. Dann kann sich daraus eine echte Freundschaft entwickeln. Doch die Empathie, die eine Freundschaft im realen Leben auszeichnet, fehlt auf Facebook in der Regel. Dadurch sind Onlinebeziehungen viel oberflächlicher als echte. Trotzdem versuche ich, auf einzelne «Freundinnen» und «Freunde» einzugehen, auch wenn ich den Menschen am anderen Ende der Leitung nicht oder kaum kenne.
Als Gemeindepräsident reagiere ich immer, wenn einer der Teenies, mit denen ich über die Dorffangruppe auf Facebook verbunden bin, schreibt, es habe doch alles keinen Sinn mehr.
Einmal las sich das für mich derart ernst, dass ich sofort handelte. Ich gab der Jugendlichen meine Handynummer und führte mit ihr ein längeres Gespräch. Das Modi war froh, mit einem ihm völlig Unbekanntem über die Probleme diskutieren zu können. Die Situation stellte sich als sehr ernst heraus; die junge Frau ist mittlerweile in einem Heim untergebracht. Wir haben nach wie vor Kontakt. Sie hält mich über ihre Fortschritte und Rückschläge auf dem Laufenden.
Grundsätzlich ist Facebook für mich eine Gratwanderung. Als Politiker bin ich eine öffentliche Person. Als Inhaber eines Fotostudios nutze ich die Werbemöglichkeiten, die mir Facebook bietet. Und auch mein Privatleben findet teilweise auf Facebook statt. Sehr viele Dinge gehen meine «Freundinnen» und «Freunde» aber nichts an.
Facebook kann helfen, das Bild einer Person in der Öffentlichkeit mitzuprägen. Was die Leute auf dieser Plattform von sich zeigen und wie sie online miteinander umgehen, ist vermutlich nicht mehr und nicht weniger als ein Abbild der Wirklichkeit.
Auch im realen Leben gibt es Menschen, mit denen man gerne zu tun hat, und Leute, die man auf Distanz hält. Ein Vorteil von Facebook ist, dass man sich beim ersten Kontakt nicht «live» gegenübersteht. Und dass man Personen, auf deren Bekanntschaft man wenig erpicht ist, auch mit einem einfachen Mausklick ignorieren kann. (Berner Zeitung)
Erstellt: 21.03.2011, 09:00 Uhr
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3 Kommentare
Man darf hier nicht vergessen, dass im Englischen der Unterschied zwischen Freunden, Bekannten, guten Freunden etc. meist nicht so automatisch gemacht wird wie im Deutschen. Wenn ich meine 'Freunde' auf Facebook anschaue, so ist es eine Mischung aus 'sehr guten Freunden', 'guten Freunden', Freunden und Bekannten. Antworten
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