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Lehrlinge wären für strengere Kleidervorschriften als ihre Ausbildner

Von Christoph Aebischer. Aktualisiert am 23.03.2011 1 Kommentar

Wie stark muss sich ein Lehrling mit Migrationshintergrund in der Lehre anpassen? In der Berner Stadtverwaltung trägt eine junge Muslimin ein Kopftuch. Suseta Mailvaganam und Rade Ignjatovic schildern ihre eigenen Erfahrungen.

Suseta Mailvaganam und Rade Ignjatovic finden in der Stadtverwaltung den Einstieg in die Berufswelt. 
Sie bewegen sich locker zwischen der Kultur der Eltern und jener des Arbeitgebers hin und her.

Suseta Mailvaganam und Rade Ignjatovic finden in der Stadtverwaltung den Einstieg in die Berufswelt. Sie bewegen sich locker zwischen der Kultur der Eltern und jener des Arbeitgebers hin und her.
Bild: Susanne Keller

Die KV-Lehrtochter der Stadt entfachte mit ihrem Auftritt in der Politsendung «Arena» eine Debatte. (Bild: SRF)

Vor bald einem Jahr irritierte die 17-jährige Könizerin F.U. das Schweizer Fernsehpublikum mit ihrem Auftritt in Kopftuch und fusslangem Umhang in der Politsendung «Arena». Letzten Sommer begann die konvertierte Muslimin dann ihre Lehre zur Kauffrau in der Stadtberner Direktion für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün. Wie sich die junge Frau eingelebt hat, ist nicht von ihr selber in Erfahrung zu bringen. «Im gegenseitigen Einvernehmen haben Frau F.U. und die zuständige Lehrbeauftragte abgemacht, auf Auftritte in den Medien zu verzichten», sagt Informationschef Walter Langenegger. Zur Lehre von F.U. sagt er: «Sie darf während der Arbeit das Kopftuch tragen, das Gesicht muss aber unverhüllt bleiben. Die Hand gibt sie, je nachdem, ob die Situation dies erfordert.» Ansonsten gebe es keine Sonderbehandlung, betont Langenegger. Für das Beten beispielsweise seien die Pausen da.

Kein Verständnis für Kopftuch

276 Lehrstellen und Praktikumsplätze bietet die Stadt an. F.U. ist eine von aktuell 29 Auszubildenden mit Migrationshintergrund in der Stadtverwaltung. Die 22-jährige tamilische Suseta Mailvaganam beendete ihre kaufmännische Lehre auf der Präsidialdirektion vor anderthalb Jahren. Rade Ignjatovic (22), geboren im serbischen Teil Bosniens, ist im Juni so weit. Begleitet werden sie von Jonathan Gimmel, der in der Präsidialdirektion verantwortlich für die Berufsbildung ist. Offen und selbstbewusst sprechen die beiden über ihre Erfahrungen und Einstellungen. Für sie persönlich ginge ein Beharren auf religiös motivierten Kleidungsstücken zu weit: «Ich trage ja auch keinen Tschäppu im Büro», sagt Rade Ignjatovic. Und Suseta Mailvaganam ergänzt, sie komme nicht im Sari zur Arbeit. Auf ein Bindi, den roten Punkt auf der Stirn von verheirateten hinduistischen Frauen, würde sie im Arbeitsleben verzichten, privat dagegen nicht.

Im Erlacherhof fühlen sich die beiden gut aufgehoben. Suseta Mailvaganam plaudert am Empfang, als wäre sie immer noch Tag für Tag hier. Im Festsaal des Regierungssitzes, wo sonst die Regierung die Medien zu wichtigen Themen informiert, äussern die beiden dann Verständnis für die intensive Auseinandersetzung mit der Ausländerfrage, welche die Schweiz momentan führt. Nur Pauschalurteile mögen sie weniger: «Wenn ein Bosnier unrechtmässig Sozialhilfe bezieht, sind deshalb nicht alle aus diesem Land Sozialschmarotzer», stellt Rade Ignjatovic fest. Im Grossen und Ganzen blieben ihnen in ihrem Leben jedoch solch negative Erfahrungen erspart. Sie leben wie andere junge Schweizer, von bös gemeinten Andeutungen auf ihre Herkunft wissen sie nicht zu berichten.

Am Puls der Demokratie

Doch das reicht Jonathan Gimmel nicht. Sein Credo lautet: «Es gibt keine soziale Integration ohne berufliche Integration.» Dazu wolle die Stadt ihren Beitrag leisten. Suseta Mailvaganam fand ihre Lehrstelle nach rund hundert Bewerbungsschreiben. «Meine Lehrerin sagte, mit Realschule und Migrationshintergrund sei es schwer. Da machte ich mir schon Sorgen», berichtet sie. Umso grösser war die Erleichterung für die ganze Familie, als es klappte.

Rade Ignjatovic fand an seiner ersten Lehre als Detailhandelsfachmann keinen Gefallen, weshalb er sie abbrach. Im zweiten Anlauf fand er dann relativ schnell die KV-Lehrstelle bei der Stadt. Übereinstimmend genossen beide die Zeit auf dem Ratssekretariat und bei der Stadtkanzlei am meisten, weil sie dort den Puls der Demokratie fühlten. Rade Ignjatovic hatte Urnendienst bei der Abstimmung über die Ausschaffungsinitiative: «Da hat man aus beiläufigen Bemerkungen hie und da mitbekommen, wie die Leute abstimmen werden», erzählt er.

Deutsch und Pünktlichkeit

Die Eltern von Suseta Mailvaganam und jene von Rade Ignjatovic liessen ihnen in der Berufswahl freie Hand. Da sie Deutsch schlecht beherrschten und das hiesige Bildungssystem nicht gut kannten, mussten sich die Jugendlichen selber zu helfen wissen. Noch heute erledigt Rade Ignjatovic die Büroarbeiten für seine Eltern, die ein Restaurant führen. «So kann ich das Erlernte auch zu Hause in die Praxis umsetzen. Ich will sie aber langsam dazu bringen, es selber zu versuchen», bemerkt er schelmisch.

Suseta Mailvaganams Herausforderung in der Lehre war die deutsche Sprache. Schon von Beginn weg leistete sie einen besonderen Effort, um den Rückstand wettzumachen. Rade Ignjatovic dagegen hatte zu Beginn Mühe mit der Pünktlichkeit. «Ich stand zu spät auf», gesteht er freimütig. Verwarnungen blieben vorerst wirkungslos, eine schriftliche Vereinbarung rüttelte ihn dann auf.

Jetzt ist die Lehre für sie schon und für ihn bald Vergangenheit. Sowohl Suseta Mailvaganam wie auch Rade Ignjatovic blicken zuversichtlich in die Zukunft. Ihr Zuhause ist die Schweiz. Dasjenige der Eltern hat Suseta Mailvaganam 2006 zum ersten Mal gesehen. Dort in Sri Lanka habe es geheissen: «Die Schweizerin ist da.» Sie möchte die Heimat ihrer Vorfahren gerne einmal auf Reisen besser kennen lernen.

Rade Ignjatovic lebte, bis er dreijährig war, bei den Grosseltern im serbischen Teil von Bosnien. «Wir fuhren auch nachher jeden Sommer dorthin in die Ferien», erzählt er. Der junge Mann schätzt, wie offen und gesellig die Menschen in Bosnien sind. Er müsse sich aber jedes Mal darauf einstellen: «Hier in der Schweiz kannst du ja in einem Café nicht jemanden Wildfremdes ansprechen», sagt er, ohne zu werten. Für ihn ist beides normal.

In der Präsidialdirektion hat fast jeder dritte Lehrling zumindest einen ausländischen Elternteil. Jonathan Gimmel betont: «Wir schaffen aber keineswegs ein Biotop, sondern schöpfen bewusst nicht einfach die Schulbesten ab.» Denn die Schulleistungen seien nur ein Teil der Qualifikation. Erfahrungen mit Migration könnten auch eine Ressource sein, die es allerdings auch tatsächlich zu nutzen gelte, wie er sofort nachschiebt: «Wir nehmen nur Lernende, die das Potenzial für den Beruf mitbringen. Denn die Ausbildung muss zu realistischen Chancen auf dem Arbeitsmarkt führen.»

Austausch ist wichtig

Rezept zum Erfolg ist der offene Austausch, wie Gimmel darlegt. Die Lernenden, fünf pro Jahrgang, pflegen ihn auch unter sich in Gruppenarbeiten. Bei einer sei es um angemessene Kleidung gegangen. «Dort ist die Norm jeweils schnell klar», sagt Gimmel. Die Jugendlichen würden weitergehen, als der Lehrbetrieb dies fordert. Für den Berufsbildungsverantwortlichen ist wichtig, dass sich das Gegenüber aus dem Team oder bei Aussenkontakten wohl fühlt. «Wir erbringen der Bevölkerung einen Service», macht er den angehenden Berufsleuten klar.

Auf ihrem Weg zur Kauffrau beziehungsweise zum Kaufmann machen sie auf sechs Abteilungen der Direktion halt. «So lernen sie, sich in verschiedenen Teams und deren Kulturen einzuleben und damit zurechtzukommen.» Diese Lebensschule hat Suseta Mailvaganam und Rade Ignjatovic zu aufgeschlossenen Menschen geformt, obwohl sie im Unterschied zu den meisten Schweizer Kolleginnen und Kollegen noch bei ihren Eltern in Worblaufen beziehungsweise Bolligen wohnen: «Das ist bei uns halt so», meinen sie mit einem Schulterzucken.

Bern will liberal sein

Die Kinder eingewanderter Eltern sind integriert. Suseta Mailvaganam besucht «aus Wissensdurst» die Berufsmaturitätsschule kaufmännischer Richtung an der Feusi. Rade Ignjatovic möchte nach seinem Lehrabschluss in England oder Amerika sein Englisch aufpolieren. Obwohl sie daheim eine andere Kultur leben, akzeptieren sie die Regeln der hiesigen: Ein Kopftuch, nur weil dies die Religion erfordert, läge für sie nicht drin.

Infochef Walter Langenegger erläutert, welche Überlegungen die Stadt im Falle der jungen Muslimin angestellt hat: «Der Gemeinderat lehnt eine generelle Kleiderregelung ab, da sie dem Einzelfall nicht gerecht wird. Hingegen ist er klar gegen das Tragen einer Burka.» Dem Gemeinderat gehe es um die liberale Gesellschaft, in der Religionsfreiheit gilt. Auch der Arbeitgeber müsse diese respektieren. «Das eröffnet die Chance, dass junge Leute in der Lehre die Werte einer liberalen, offenen Gesellschaft schätzen lernen.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 23.03.2011, 06:29 Uhr

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1 Kommentar

Wiedemann Patrick

24.03.2011, 07:28 Uhr
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Ist ja die Hauptsache, dass es den Migrantenkindern gut geht. Antworten



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