Lass den «Tschäppu» kreisen

Von Marina Bolzli. Aktualisiert am 13.08.2010

Oder warum das Buskers das demokratischste aller Festivals ist.

1/18 Donnerstag, 18 Uhr: Die Talentbühne wurde von David Emanuel und seiner Band eröffnet.
Bild: Jonathan Spirig

   

Wussten Sie, dass...

...am Buskers insgesamt 142 Künstlerinnen und Künstler auftreten?
...nur 11 der 33 auftretenden Gruppen aus der Schweiz kommen?
...die auftretenden Künstler aus 24 Nationen kommen?
... das Festivalbudget rund 500'000 Franken beträgt?
...das Festival einen Eigenfinanzierungsgrad von 80 Prozent aufweist?
...das Festival mit dem von der Brauerei Tramdepot gebrauten Buskersbier ein eigenes Bier ausschenkt?
...insgesamt 800 Leute am Festival arbeiten, darunter 250 freiwillige Helfer?
...sich die Festival-Besucher an 44 Gastro-Ständen durch die halbe Welt essen können?
...die Organisatoren in den drei Festivaltagen mit insgesamt 50'000 bis 80'000 Besucherinnen und Besuchern rechnen? as

Wilde Musik zum Tanzen und zum Ohren-Zuhalten:
Die bunt zusammengewürfelte Band Jane Walton rockt das Buskers. (Bild: Beat Mathys)

Kurz nach sechs Uhr sind die ersten Augen feucht. Dado, der Clown aus Kanada, der mit seinem grossen Buckel im ersten Moment Furcht einflössend wirkt, bringt das Publikum mit lustigen Grimassen zum Lachen, und mit seinen imposanten Ballon-Aufblaskünsten versetzt er die kleinsten Zuschauer ins Staunen.

Es ist ein würdiger Start für das Buskers Strassenfestival. Allen Prognosen zum Trotz scheint die Sonne, Familien strömen in Scharen in die Berner Altstadt und lassen die Fünfliber im Sack klimpern. Schliesslich will man gerüstet sein für die Gaben in den «Tschäppu», wie der Behälter für das Hutgeld der Künstlerinnen und Künstler berngerecht heisst.

Und der «Tschäppu» mag denn auch das Einzige sein, der an diesem Strassenfestival alle verbindet: Für ein gutes Publikum ist er Pflicht, für die Auftretenden unentbehrlich. Ansonsten lässt das Buskers ziemlich alles zu. Jung, alt, ausgeflippt, klassisch, laut, leise, exotisch, rustikal.

Ein älterer Herr sitzt eine Viertelstunde vor Konzertbeginn auf einem Campingstuhl in der Gasse, um sich die B.A. Swing Kids aus Argentinien zu Gemüte zu führen. Als das Konzert beginnt, schunkelt er im Takt. Derweil geht es auf dem Münsterplatz laut zu und her. Das Traktorkestar spielt. Eine Balkan-Brass-Band, die in letzter Zeit in Bern auf allen Hochzeiten tanzt und spielt – zu Recht, denn was die Jungs bieten, ist eingängige, tanzbare Musik. Junge Festivalbesucher mit wilden Haaren und wehenden Röcken lassen sich von der guten Laune anstecken und machen am Schluss den Batzen hervor, der fürs Bier gedacht war.

Weiter unten werden sanftere Töne angeschlagen. Die Hudaki Village Band kommt aus den ukrainischen Karpaten, ist in traditionelle Kostüme gekleidet und trägt wehmütige Lieder vor. Sängerin Olga hat eine wunderbare Stimme, leider ist sie fast nicht hörbar. Unverstärkt bleiben die schönen Volksweisen leiser als das entfernt spielende Traktorkestar. Fast zögernd streckt die Band am Schluss den Hut hin.

Ganz anders in der Rathausgasse, wo um acht die Trash-Circus-Punker Jane Walton aufspielen. Ein riesiger Sombrero macht die Runde: «Wir brauchen Geld», macht der Sänger klar. Und stimmt ein weiteres wildes Lied an. Geld gibt, wer will und wie viel er will. In der ersten Reihe sitzt, wer zuerst da ist. Ob er den Sack voller Banknoten hat oder nur einige Batzen spenden kann. Buskers: noch heute und morgen, ab 18 Uhr, in der Berner Altstadt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.08.2010, 12:05 Uhr

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