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«Krieg gegen Terrorismus ist noch lange nicht gewonnen»

Interview: Jon Mettler. Aktualisiert am 07.09.2011 1 Kommentar

Am Sonntag jährt sich der Tag der Terroranschläge in New York zum zehnten Mal. Im Interview blickt der US-Botschafter in Bern, Donald Beyer, noch einmal zurück auf den 11. September 2001 und sagt, was die wahren Herausforderungen für Amerika sind.

1/6 US-Botschafter Donald Beyer vor dem Siegel der USA bei der US-Botschaft in Bern.
Bild: Jon Mettler

   

Zur Person

Donald S. Beyer Jr., Jahrgang 1950, ist seit August 2009 US-Botschafter für die Schweiz und Liechtenstein. Zuvor arbeitete er in Virginia als Autohändler und diente als demokratischer Vizegouverneur des Bundesstaates.

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Herr Botschafter, wie haben Sie von den Anschlägen in New York erfahren?
Donald S. Beyer, Jr.: Ich war an einer Verwaltungsratssitzung einer Internet-Firma in Falls Church. An diesem Tag hatte ich mein Handy zuhause vergessen. Einige jüngere Mitglieder des Verwaltungsrats teilten plötzlich mit, ein Flugzeug sei in das World Trade Center geflogen. Einige Zeit später hiess es, ein zweites Flugzeug sei hineingeflogen.

Was ging da in Ihnen vor?
Der erste Gedanke beim Einschlag des ersten Flugzeugs war: Das muss ein schrecklicher Unfall sein. Der zweite Gedanke war: Nein, das ist ein Terroranschlag. Als dann bekannt wurde, dass ein weiteres Flugzeug abgestürzt war, war für mich klar, dass es sich um Terroranschläge handelte. Und dann kam die Meldung vom Absturz über dem Pentagon. Inzwischen hatte mich meine Frau in der Sitzung telefonisch erreicht. Sie holte unsere Kinder in der Schule ab und wir trafen uns bei einem Starbuck’s in der Nähe. Die Kinder hatten damals eine Schule in der Nähe des CIA-Hauptgebäudes besucht, das ebenfalls im Visier der Terroristen gewesen war. Danach gingen wir in die Hauptfiliale meines Autoimport-Geschäfts und verfolgten in einem Schulungszimmer am Fernsehen die Ereignisse. Dort bekam ich mit, wie die Türme einstürzten.

Und dann?
Ich fühlte grosse Trauer. Erste Schätzungen in den Nachrichten gingen von mehreren 10‘000 Toten aus. Ich meine, das wären mehr Opfer gewesen als wir in Vietnam zu beklagen hatten. Als dann die Bilder der heulenden Sirenen, Polizeiwagen und Feuerwehrautos über den Bildschirm flimmerten, kam natürlich Angst auf. Es gab Gerüchte, dass noch mehr Flugzeuge in der Luft waren. Wir wussten nicht, ob das nur der Auftakt einer Terrorwelle war. Ich sprach dann mit meinem Vater, der damals 77 Jahre alt war.

Was haben Sie ihm gesagt?
Er hat mir gesagt: Die Welt wird nie mehr sein wie vorher. Und wir kamen auf meine Mutter zu sprechen, die zwei Jahre zuvor verstorben war. Wir waren uns einig, dass es besser war, dass sie 9/11 nicht mehr erleben musste. Das hätte sie traumatisiert.

Wie hat 9/11 die USA und die Amerikaner verändert?
Ich bin überzeugt, es hat uns stärker und widerstandsfähiger gemacht. Die Leute in New York haben kühlen Kopf bewahrt und das Gebiet bei den Türmen ohne Panik und schnell verlassen. Die Passagiere des Flugs United Airlines 93 haben unter Einsatz ihres Lebens einen weiteren Anschlag verhindert. Ich habe nach 9/11 viel Trost in der Vorstellung gefunden, dass wenn jeder Amerikaner in der Folge zehn Dinge besser macht, dann wären das drei Milliarden positive Veränderungen. Viele haben im Anschluss festgestellt, dass 9/11 für die USA das Ende der Ferien von der Weltgeschichte war.

Sind die Beziehungen zum alten Europa, um den Ausdruck von Ex-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld zu brauchen, seither anders?
Ich glaube, unsere Beziehungen zu Europa sind so gut wie nie – sei es zur Schweiz, zu Grossbritannien, Deutschland oder Italien. Nach den Anschlägen in Madrid und London kamen beide Seiten zum Schluss, dass man Terrorismus nicht alleine bekämpfen kann. Dazu braucht es gemeinsame Anstrengungen der Regierungen und Völker auf der Welt. Natürlich gab es Misstöne wegen der Intervention in Irak. Damit mussten wir aber rechnen.

Viele Amerikaner fühlten sich damals von den Europäern im Stich gelassen.
Was die Intervention in Afghanistan betrifft, haben uns die Europäer nicht im Stich gelassen. Grossbritannien, Deutschland und Dänemark beteiligen sich an den Einsätzen dort. Irak ist anders gelagert. Dort gab es legitime Meinungsverschiedenheiten darüber, ob Saddam Hussein wirklich etwas mit 9/11 zu tun hatte. Ich möchte übrigens darauf hinweisen, dass die Intervention im Irak auch bei den Amerikanern nicht unbestritten war. Es wurden aber sicher einige unglückliche Bemerkungen seitens der USA gemacht.

Ist mit der Tötung von Osama Bin Laden das Kapitel 9/11 nun abgeschlossen?
Es ist ein symbolischer Abschluss und sicher ein schwerer Schlag gegen Al-Qaida. Der Krieg gegen den Terrorismus ist aber noch lange nicht gewonnen. Ich befürchte, dass wir uns nicht zurücklehnen können und weiterhin wachsam bleiben müssen. Die Gewalt in Afghanistan hat wieder zugenommen und Al-Qaida wird mit Bestimmtheit Rache nehmen für den Tod ihres Führers.

Wird der Tod von Bin Laden Präsident Barack Obama im Wahlkampf helfen?
Ich glaube kaum. Präsident Obama wird sicher auf die Erfolge im Kampf gegen den Terrorismus hinweisen und in diesem Zusammenhang auf den Tod von Bin Laden. Ich war selber viele Jahre in der Politik und weiss, dass der Erfolg im Wahlkampf davon abhängen wird, wem die Amerikaner am ehesten zutrauen, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Die Arbeitslosigkeit und das Wirtschaftswachstum sind viel wichtiger als Al-Qaida. 40 Millionen Amerikaner haben keine Arbeit. Das Wirtschaftswachstum für kommendes Jahr dürfte ein halbes Prozent betragen. Das sind die Herausforderungen für den Präsidenten.

Um 9/11 ranken sich viele Verschwörungstheorien. Warum eigentlich?
Es reicht schon, den offiziellen Bericht zu lesen um zu merken, dass die Beweislage erdrückend ist: Wir wissen, wer die Anschläge ausgeführt hat, wie sie ausgeführt wurden, wie sie geplant wurden, von wo aus die Terroristen die Flugzeuge bestiegen haben. Es wird immer Verschwörungstheorien geben. Ich selber glaube daran, dass die naheliegendste Lösung meistens die richtige ist.

Sind Verschwörungstheorien etwas typisch amerikanisches, eine Erscheinung der Nach-Watergate-Ära?
Ich selber kenne Leute, die ihr ganzes Leben damit verbringen herauszufinden, wer Präsident John F. Kennedy ermordet hat. Es wird immer Leute geben, die die Geschichte revidieren wollen. Sie können sich nicht vorstellen, dass die Anschläge in New York von muslimischen Terroristen ausgeführt worden sind und machen dafür vielmehr die Juden oder die US-Regierung verantwortlich. Sie verkennen das Offensichtliche.

Rückblickend betrachtet: Haben sich die USA zu sehr auf 9/11 konzentriert und die wahren Probleme im eigenen Land – etwa die Exzesse der Finanzmärkte und das Leben auf Pump – aus den Augen verloren?
Ich denke, man muss differenzieren, was in den vergangenen zehn Jahren geschehen ist. Die meisten Republikaner und Demokraten haben die Intervention in Afghanistan befürwortet. Es bestanden kaum Zweifel daran, dass ein Regime, das Terroristen sicheren Hafen gewährt, entfernt werden muss. Ich möchte auch mal auf die Fortschritte hinweisen, die wir dort gemacht haben: Drei Millionen Mädchen gehen dort inzwischen zur Schule. Es gibt aber keinen Zweifel daran, dass wir auch wieder mal aus Afghanistan raus müssen und das afghanische Volk sich dereinst selber regieren und verwalten soll. Nur muss der Zeitpunkt richtig gewählt werden, damit es nicht wieder zu einem Bürgerkrieg kommt.

Was ist mit Irak?
Das ist eine ganz andere Geschichte. Ich persönlich finde, wie übrigens Präsidentschaftskandidat John Kerry und Präsident Obama auch, dass es falsch war, dorthin zu gehen. Präsident Bush sah dies aber anders und hat entschieden, in Irak ein Leuchtfeuer der Demokratie zu errichten und dazu Saddam Hussein zu stürzen sowie die Armee und Baath-Partei aufzulösen. Nun liegt es in der Verantwortung der USA, den Irakern das Land in einem Zustand zu hinterlassen, der eine Befriedung ermöglicht.

Ist der arabische Frühling nicht gerade das Ergebnis dieses demokratischen Leuchtfeuers im Irak?
Das ist eine gute und schwierige Frage. Ich habe vielmehr das Gefühl, dass Internet, Online-Plattformen wie Facebook und Twitter, westliche Filme und westliches Fernsehen den arabischen Frühling begünstigt haben. Wenn man unterdrückte Teile der Erde der freien Welt aussetzt, führt dies zwangsläufig zu einem Hunger nach Freiheit und Demokratie. Solange unterdrückte Völker nicht wissen, wie Freiheit aussieht, können sie einfach unterdrückt werden. Ich bin aber optimistisch, was die Demokratiebewegung anbelangt. Die letzten zehn Jahre waren aus Sicht der Menschheit die wohl besten. Noch nie kamen so viele Menschen aus der Armut heraus, noch nie war die Lebenserwartung der Menschen so hoch und noch nie gab es so viele Demokratien. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.09.2011, 08:34 Uhr

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1 Kommentar

Heinz Köhli

07.09.2011, 08:48 Uhr
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Das Leuchtfeuer der Demokratie wird mit zukünftigen Generationen heller strahlen, da bin ich auch optimistisch. Danke USA, God bless America ! Antworten



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