Fultigen

In Fultigen heisst der Pöstler seit 125 Jahren Marti

FultigenDie Geschichte beginnt mit kratzigen Uniformen und täglichen Gewaltmärschen und endet mit digitalisierter Routensortierung. Seit 1891 sind um Fultigen ausschliesslich Mitglieder der Familie Marti als Pöstler unterwegs.

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Ruedi begründete die Dynastie, Rudolf I. also. Dann folgten Fritz I. und Fritz II. Jetzt ist Erich an der Reihe, Erich Marti. Seit 125 Jahren verteilen er und seine Vorfahren Briefe und Pakete in Fultigen auf dem Längenberg. Einen Jahreslohn von 600 Franken bekam Ruedi Marti 1891. Ein Kilo Kartoffeln kostet damals bloss 10 bis 15 Rappen. Dynastisch, fürstlich, war dieser Verdienst aber trotzdem nicht. Dafür gabs eine stattliche Ernennungsurkunde von der Oberpostdirektion in Bern.

Die Oberpöstler wählten mit Ruedi Marti einen Mann, der sich schon vor der Ernennung um das postalische Wohl der Leute auf dem Längenberg gekümmert hatte. Er war Dachdecker und Bauer. Um seine Eier zu verkaufen, marschierte er einmal in der Woche nach Bern. Dort holte er im Hauptpostamt ab, was für die Bauernhöfe rund um seinen Wohnort Hinterfultigen bestimmt war.

Zalando und die Päckliflut gabs noch nicht. Streng war der Dienst dennoch. Als offizieller Pöstler legte Ruedi Marti täglich 36 Kilometer zurück, zu Fuss natürlich. Fahrzeuge bekamen seine Nachfolger erst viel später. Fritz Marti erhielt 1985 einen Motorroller. Der jetzige Pöstler Erich Marti ist seit den Neunzigerjahren per Vierradantrieb unterwegs.

Würste, immer nur Würste

Bei Schnee und Eis erfordert die Tour auf den schmalen stotzigen Strassen des Längenbergs nun zwar Fahrgeschick, aber keine Parforcemärsche mehr. Der 55-jährige Erich Marti erzählt, was er über seine Vorfahren weiss. Die ersten Pöstler hatten sich einem harten militärischen Regime zu beugen. Wer seine Tour zu spät startete, dem kürzten die Oberen in Bern den Lohn.

Der Pöstler war Befehlsempfänger, im Dorf aber auch eine Respektsperson. Was durchaus Vorteile hatte. Wenn Metzgete war, lieferte der Pöstler den Bauern nicht nur Päckli, sondern kam auch mit solchen nach Hause. «Von November bis Februar brachte der Vater so viele Blut- und Leberwürste, dass es oft dreimal in der Woche das Gleiche gab», erinnert sich Erich Marti.

Die Familie ass die Würste im Haus, in dem Erich Marti auch heute noch wohnt. Das 1910 errichtete Gebäude wurde in den Zwanzigerjahren zur Hinterfultiger Post. 1989 modernisierte Erich Marti auf eigene Rechnung Schalter- und Büroräume. 2002 schloss die Post diese Filiale. Aus dem recht selbstständigen Posthalter wurde ein ins System eingespannter Zusteller. «Zuerst litt ich unter dem Wechsel, jetzt erkenne ich, dass er Vorteile hatte», blickt er zurück.

Vermutlich endet die Dynastie

Ein Posthalter war eben nicht ein Angestellter mit fixen Arbeitszeiten, sondern wie der Dorfarzt ein Mann mit einem arg flexiblen Feierabend. «Wenn ein Bauer dringend Medikamente für seine Kühe benötigte, lieferte ich diese auch spätabends aus», sagt Marti. Seit er als Zusteller und Teamleiterstellvertreter vom Verteilzentrum Riggisberg aus die zugeteilten 181 Haushalte betreut, ist sein Leben planbarer.

125 Jahre waren die Martis Pöstler in Fultigen. Ihre Geschichte beginnt mit hand­geschriebenen Urkunden, kratzigen Uniformen und Gewalt­märschen. Sie schliesst mit ­Funktionskleidung, digitalisierter Routensortierung und GPS-Begleitung. Für die Familie Marti endet sie vermutlich mit der Pensionierung von Erich Marti in zehn Jahren. Er hat drei erwachsene Kinder. Pöstler ist keines. (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.02.2016, 08:33 Uhr

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