«Ich lasse mich nicht mehr aktivieren und präsentieren»

BernIn einem langen Gespräch über Weihnachten, Putin, den Papst und das Warten auf den Tod beweist der 93-jährige Schriftsteller und Pfarrer Kurt Marti, dass er noch immer geistig präsent ist.

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Herr Marti, denken Sie manchmal: Jetzt bin ich schon 93-jährig, und ich bin immer noch da?
Kurt Marti: Ja, ich komme mir vor wie ein Überzähliger, wie ein Überbleibsel aus dem letzten Jahrhundert.

Woran merken Sie das?
An allem. An mir selber. An meiner Umwelt, die mir fremd wird.

Was befremdet Sie?
Dass meine näheren Bekannten und Freunde nicht mehr da sind, weil sie gestorben sind. Man ist in meinem Alter allein.

Mögen Sie als alter Mann überhaupt über das Alter reden, oder haben Sie keine Lust mehr auf dieses Thema?
Das Alter und der Tod sind ein Thema, das man in meinem Alter halt vorgesetzt bekommt. Aber Sie können mit mir über alles reden, auch über etwas anderes als das Alter. Allerdings muss ich sagen: Ich bin über vieles nicht mehr im Bild. In der Zeitung stolpere ich über Abkürzungen, die ich nicht kenne. Die Technik verstehe ich nicht mehr. Zugang zum Internet habe ich keinen, das halte ich allerdings nicht für ein Problem.

Meine Altersgruppe 50 plus spricht viel über das Älterwerden. Hört das mal wieder auf?
Das lässt nach. Weil das Alter dann einfach da ist, mit all seinen Nachteilen. Dagegen kann man nichts machen. Man ist halt einfach alt, man kann vieles nicht mehr und versteht vieles nicht mehr. Ich akzeptiere das. Es gibt auch Dinge, die man nicht mehr tun muss, das finde ich angenehm. Übrigens sind Sie in meinen Augen noch jugendlich.

Medien interviewen gerne alte Meister. Sind Sie so einer?
Ich bin kein Meister. Ich wüsste nicht, in welchem Bereich.

Im Predigen und als Schriftsteller waren Sie stark.
Ich schreibe nicht mehr. Und ich habe eher das Gefühl zu verblöden.

Wie bitte? Sie reden zwar langsam, aber glasklar. Und ich halte Sie durchaus für weise.
Was heisst schon weise? Man hat halt in meinem Alter viel erlebt und gesehen. Menschen, die kommen und gehen. Bewegungen und Moden, die kommen und gehen. Wenn man das mit einer gewissen Distanz sieht, kann man das vielleicht für Weisheit halten. Aber ich selber habe nie das Gefühl, ich sei weise. Ich habe wie gesagt eher das Gefühl zu verblöden. Aber man muss das auch mit Humor nehmen. Ich sitze manchmal da oder liege auf dem Bett und mache mich über mich selber lustig. Dann fallen mir so Reime ein.

Zum Beispiel?
Die letzte Zeit auf Erden ist dazu da, Erspartes loszuwerden.

Schreiben Sie diese Reime auf?
Nein. Die sind viel zu simpel und zu blöd.

Im Simplen steckt manchmal Wahrheit und Klarheit.
Vielleicht.

Blickt man mit 93 grosszügiger auf die Welt?
Vielleicht weitblickender.

Heisst weitblickend, dass man zum Beispiel denkt, dass Wladimir Putin, der gerade die Welt in Atem hält, in 10 Jahren weg ist vom Fenster?
Ich halte Putin nicht für einen Bösewicht. Ich verstehe nicht, warum so viele Leute über ihn schimpfen. Putin vertritt natürlich russische Interessen. Aber das ist sein Recht. Indem wir ihn zum Schreckgespenst aufbauen, rufen wir alte Bilder des Kalten Krieges ab. Das finde ich blöd.

Putin weitet dreist Russlands Einflusssphäre aus und hat der Ukraine die Krim entrissen.
Ich habe die Krim immer als ein Stück Russland betrachtet. Aber vielleicht ist meine Kenntnis unvollständig. Zu Zeiten der Sowjetunion war mal ein Germanistikprofessor aus Kiew bei mir. Da entwichen mir die Worte: Sie als Russe. Er korrigierte mich, er sei Ukrainer. Da realisierte ich, dass wir im Westen eine falsche Vorstellung von Russland als feindlichem Block haben. Wir haben gar nicht realisiert, dass es ein Vielvölkerstaat ist. Ähnlich wird jetzt auch wieder Putins Russland als feindlicher Block gesehen.

Putin trägt mit seiner Konfrontationspolitik kräftig dazu bei.
Putin sieht aber auch, wie Russland von der Nato und dem Westen in die Defensive gedrängt worden ist. Das muss man sich auch vor Augen halten. Ich erinnere mich, dass US-Präsident Kennedy in der Kuba-Krise vor seinem Kabinett sagte, man solle sich in die Situation der Russen versetzen. Es ist eine Art Denktraining, nicht immer die eigene Position zu sehen. Sondern sich vorzustellen, was andere für Interessen und Sorgen haben. Das ist die richtige Einstellung dafür, miteinander zu verhandeln.

Können Ältere das besser?
Einer hat mal behauptet, alte Staatsmänner hätten weniger Kriege entfesselt als junge. Aber ich weiss nicht, ob das stimmt.

Putin ist 62. Ist das alt?
Nein. Wie alt ist Frau Merkel?

60.
Sie können dann zusammen die Pension feiern.

Die zwei sind im Moment nicht gut aufeinander zu sprechen.
Ich möchte einmal dabei sein, wenn die beiden miteinander reden. Ich möchte wissen, was sie sich sagen. Duzen sie sich? Sie haben ja viel miteinander zu tun, sodass man annehmen kann, dass sie eines Tages zum Du übergehen. Können sie offen miteinander reden? Ich stelle mir das schwierig vor. Aber es würde für einen guten Politiker sprechen, wenn er offen mit dem Gegner reden könnte. Insofern wäre Christoph Blocher in meinen Augen kein so guter Politiker.

Warum nicht?
Er braucht Feindbilder. Ich kenne Blocher nicht persönlich. Aber für mich ist er der Typus des Rechthaberpolitikers. Ein guter Politiker hält sich nicht an Feindbilder, sondern versucht die Realität zu sehen, die Realität der anderen.

Wenn Sie zurückblicken, ist die Welt dann eher besser oder schlechter geworden?
Als ich jung war während des Zweiten Weltkrieges, war die Welt in einem viel schlimmeren Zustand. Da haben wir heute vergleichsweise friedliche Zeiten. Letzthin hat mir der frühere Leiter des Schweizerischen Literaturarchivs eine Fotokopie meines ersten Artikels im Berner «Bund» aus dieser Zeit geschickt, vom September 1939.

Worum ging es darin?
Ich ging damals ins Gymnasium. Wir Gymeler erhielten den Auftrag, für das Militär in der Stadt Bern Velos zu requirieren. Was sich die Armeeführung damals dachte, ist mir unklar. Dass die Schweizer Soldaten mit dem Fahrrad den deutschen Panzern entgegenfahren sollten? Jedenfalls sammelten wir mit Begeisterung Velos ein, statt zur Schule zu gehen. Darüber habe ich im «Bund» ein Stimmungsbild geschrieben.

War dieser Texte der Beginn Ihrer Laufbahn als Autor?
Fast gar. Wahrscheinlich waren viele Redaktoren des «Bund» im Grenzdienst, und die auf der Redaktion waren froh, dass da ein Junger einen Text einsandte.

Kommt Ihnen dieser Text nach 75 Jahren fremd vor?
Nein, eigentlich nicht. Ich stehe zu diesem Text und auch zur patriotischen Begeisterung, die ich damals hatte. Wir dachten: Jetzt machen wir etwas Gescheiteres, als Lateinvokabeln zu büffeln. Etwas für das Vaterland.

Sie erleben zum 93. Mal Weihnachten. Bedeutet sie Ihnen noch etwas?
Ja ja, sicher. Aber ich finde, dass sie überschätzt wird. Für die Christen ist das Hauptfest ja Ostern. Also nicht Christi Geburt, sondern seine Auferstehung. Weihnachten ist ja auch so kommerzialisiert worden, weil es eine leicht verständliche fromme Legende ist. Ostern ist das kompliziertere Ereignis. Eine Geburt ist eine Geburt, darunter kann man sich etwas vorstellen. Aber eine Auferstehung, was kann man sich da vorstellen?

Feiern Sie Weihnachten?
Hier im Altersheim gibt es eine Weihnachtsfeier. In der Familie war es immer ein Problem, weil ich als Pfarrer Dienst hatte. Meine Söhne und die Tochter sind heute an Weihnachten meist in den Ferien. Also bin ich an Weihnachten hier. Wo sonst, ich bin ja jetzt hier. Ich kann nicht mehr in der Welt herumreisen.

Wenn Sie noch könnten, wohin würden Sie gern reisen?
Ans Meer. Das würde ich gerne noch einmal sehen. Der Blick auf das Meer ist etwas Tolles. Auch das Baden im Meer.

Wann haben Sie das Meer zum letzten Mal gesehen?
Vor vielleicht 10 Jahren auf der griechischen Insel Lemnos. Zusammen mit meiner Frau, die vor sieben Jahren gestorben ist Damals sind wir auch noch im Meer geschwommen, meist ganz nackt, bis um die Mittagszeit die Quallen kamen.

Womit füllen Sie heute Ihre Tage. Strukturieren Sie Ihre Zeit?
Nein, eigentlich nicht. Ich nehme es, wie es kommt. Höre Radio oder auch nicht. Lege mich aufs Bett und mache ein Nickerchen. Spazieren ist schwierig geworden. Was soll ich noch sagen?

Langweilen Sie sich?
Manchmal schon.

Warten Sie nur noch auf den Tod?
Das nicht. Aber eigentlich finde ich, dass man nicht älter werden sollte als 90. Und ich werde bald 94. Ich habe keine andere Perspektive mehr, als zu sterben.

Spüren Sie einen gesellschaftlichen Druck, dass Alte abtreten sollen?
Sie meinen mit Exit? Ich persönlich habe keinen solchen Druck erlebt. Aber ich höre und lese, dass es diesen Druck geben soll. Ich habe ein Misstrauen gegen Einrichtungen wie Exit.

Was macht Sie misstrauisch?
Dass Exit eine Firma ist, die mit dem Sterben auch ein Geschäft macht. Ich glaube nicht, dass ich deren Dienste in Anspruch nehmen würde. Ich habe meinen Arzt gefragt, ob er mir nicht ein Sterbemedikament geben könne. Aber er sagte Nein.

War Ihnen das mit dem Sterbemedikament ernst?
Halb ernst. Ich nahm an, dass er das nicht will und nicht darf.

Offenbar sind Sie mit 93 noch zu gesund?
Ja, vielleicht. Leider. Wäre ich in einem schlechteren Zustand, könnte ich vielleicht eher sterben.

Hat Ihr Glaube seit Ihrer Pensionierung als Pfarrer nachgelassen und ist Zweifeln gewichen?
Der Zweifel war für mich immer ein Stimulans des Glaubens. Ein Glaube ohne Zweifel ist mir verdächtig. Wenn man nicht zweifelt, kann man nach meiner Erfahrung nicht recht glauben.

Zweifeln Sie auch an Gott?
Ja, warum nicht. Man darf an allem zweifeln.

Ein Katholik darf nicht an Gott zweifeln, oder?
Deshalb bin ich eben reformiert und nicht katholisch. Ich könnte auch kein Muslim werden. Die Reformierten haben die Aufklärung verdaut und verarbeitet. Der Islam hatte seine grossartige Zeit der Aufklärung vor 700 Jahren. Aber die Muslime von heute haben diese Zeit und diese Tradition fast vergessen.

Aber Muslime glauben inbrünstiger als reformierte Christen.
Das kann ich nicht aus eigener Beobachtung bestätigen.

Dass die reformierte Kirche an Anziehungskraft eingebüsst hat, können Sie aber bestätigen?
Wenn man den Rückgang der Kirchenmitglieder anschaut, mag das stimmen. Bei der effektiven Glaubens- und Sozialarbeit der Kirche aber sieht es anders aus. Die reformierte Kirche ist halt verletzbarer als die katholische Kirche oder der Islam. Indem sie etwa die geistige Freiheit zulässt. Das ist ihre Stärke und Schwäche zugleich.

Fürchten Sie um den Fortbestand der reformierten Kirche?
Nein, eigentlich nicht. Wir sind in einer Zeit der Umwälzungen. Die Zeit, als etwa im Kanton Bern alle reformiert waren, ist halt einfach vorbei. Es ist auch gut so, dass sie vorbei ist und es in Glaubenssachen mehr Freiheit gibt. Die Kirche muss nun aber nicht jeder Mode hinterherrennen, um aktuell zu bleiben. Das wäre der falsche Weg.

Muss die Kirche vermehrt auf ihre Werte verweisen?
Ich denke nicht in der Kategorie von Werten. Das ist mir zu nahe bei den Wertpapieren. Die Kirche muss das offene Gespräch propagieren. Früher habe ich nach meiner Predigt in der Berner Nydeggkirche die Interessierten zur Diskussion über meine Predigt eingeladen. Meist blieben etwa 50 bis 60 Leute. Ich kam dann runter von der Kanzel, und jemand leitete die Diskussion. So ein Gespräch, das ist ein Ausdruck des Reformiertseins. Die reformierte Kirche ist von unten her, aus kleinen Zellen wie dieser Gesprächsrunde aufgebaut. Die katholische Kirche aber ist eine hierarchische Organisation vom Papst bis hinunter zum Priester.

Der neue Papst Franziskus beschert der katholischen Kirche Zulauf. Fasziniert er Sie?
Er ist ja nicht mein Papst, er ist der Papst der Katholiken. Protestanten brauchen keinen Papst. Er ist ein normalerer Mensch als sein Vorgänger. Aber lange nicht jeder auf diesem Posten war eine Ausnahmefigur. Es bleibt abzuwarten, was Franziskus mit seinem Amt anstellt. Man steckt grosse Hoffnungen in ihn. Aber er ist auch ein Gefangener seines Amtes. Wo Macht ist, ist schnell auch ein Klüngel von Mächtigen. Auch im Vatikan. Ich finde aber, dass die Kirche keine Macht haben sollte. Ausser der Macht ihrer Botschaft.

Im Berner Münster wurde Ende Oktober eine Reihe zum Thema Macht mit Texten von Ihnen eröffnet. Leider waren Sie nicht dabei. Warum nicht?
Ich gehe abends nicht mehr aus. Da ist es mir zu finster.

Noch einmal ein Auftritt in der Öffentlichkeit hat Sie nicht gereizt?
Überhaupt nicht. Es ist schön, dass man mich gefragt hat. Aber ich lasse mich nicht mehr präsentieren und nicht mehr aktivieren. Dafür bin ich geistig zu wenig präsent und durch meine erlöschenden Augen behindert.

Im Münster wurde Ihr Gedicht «The Party Is Over» vorgelesen. Es handelt davon, dass einer allein in der Nacht steht, weil alle anderen nach der Party sofort gehen, um nicht die Letzten zu sein. Kommen Sie sich so vor?
Ja, manchmal schon. Ich bin der Letzte. Weil alle anderen sterben und ich noch da bin.

Gab es für Sie die Party, die im Titel des Gedichts vorkommt?
Wenn man die Party als Metapher für ein erfülltes Leben betrachtet: jawohl.

Mit 93 ist die Party vorbei?
Das kann man so sagen. Ist es überhaupt spannend, was ich Ihnen erzähle? Mich dünkt es nicht.

Das meinen Sie nicht im Ernst? Sie brauchen halt Pausen zum Nachdenken. Aber Ihre Sätze treffen wie Pfeile.
Ich war immer schon ein langsamer Mensch. Ich muss jeweils erst nachdenken. Für meine Predigten habe ich früher eine Woche lang Eindrücke gesammelt. Ich habe meine Predigten jeweils eine Woche lang ausgebrütet.

Brüten Sie noch mal einen Text aus? Mit den Reimen, von denen Sie einen zitiert haben?
Ich habe keinen literarischen Ehrgeiz mehr. Und ich weiss nur noch diesen einen Reim, die anderen habe ich vergessen.

stefan.vonbergen@bernerzeitung.ch (Berner Zeitung)

(Erstellt: 21.12.2014, 09:13 Uhr)

Kurt Marti

Zur Begrüssung sitzt er draussen vor dem Altersheim im Berner Elfenauquartier, eine bleiche Sonne wärmt den Spätnovembertag. Der Winter ist bis jetzt ausgefallen. Das passt irgendwie zu Kurt Martis Gefühl, er verstehe die Welt von heute nicht mehr. Drinnen, im Fumoir des Altersheims, sagt der Schriftsteller und langjährige Pfarrer der Berner Nydeggkirche dann, er komme sich vor, als sei er aus der Zeit gefallen. Ende Januar wird er 94 Jahre alt. Das Denken und Reden des wortgewaltigen Mannes ist langsam geworden, aber seine Sätze fallen immer noch messerscharf aus. Sie stehen in eigenartigem Kontrast zur Hintergrundmusik, die aus den Lautsprechern im Fumoir plätschert. Schonungslos erkennt und beschreibt Marti seine Perspektivlosigkeit und Langeweile kurz vor dem Tod. Grosszügig blickt er zurück auf sein langes Leben, in dem er auch politisch aktiv war und zu den Mitgründern der kritischen Nichtregierungsorganisation Erklärung von Bern gehörte. Skeptisch spricht er über Mächtige. Obwohl er behauptet, nichts mehr zu sagen zu haben, hört man ihm gebannt zu.

Bücher von Kurt Marti: Leichenreden, Nagel & Kimche; Heilige Vergänglichkeit – Spätsätze, Radius 2010; Ein Topf voll Zeit 1928–1948, Nagel & Kimche 2008.

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