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«Ich fühle mich völlig integriert»

Von Brigitte Walser. Aktualisiert am 17.12.2010 2 Kommentare

Silvia Dintheer kann nur Umrisse erkennen. Am Computer arbeite sie etwas langsamer als Sehende, als Telefonistin aber sei sie gleich schnell, sagt sie. Arbeiten zu können, ist ihr äusserst wichtig. Einer Quotenregelung aber steht sie kritisch gegenüber.

Silvia Dintheer ist sehbehindert. Ihr Computer hat einen Zusatz, sodass sie die Angaben auf dem Bildschirm
in Blindenschrift lesen kann. Mit der grünen Stenomaschine verfasst sie ihre Notizen. (Bild: Susanne Keller)

Geschichte eines Gehörlosen

Viele Bewerbungen «Für unsere Familie ist es eine Weihnachtsgeschichte», sagt Robert Stämpfli aus Langenthal am Telefon. In einem Brief an die Berner Zeitung hatte er die Geschichte seines gehörlosen Sohnes geschildert: Bereits 14 Monate sei es her, dass der Sohn seine Arbeitsstelle bei einer international tätigen Firma als Technischer Zeichner verloren habe. «Bei über 180 Bewerbungen wurde er dreimal persönlich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Bei allen andern kamen postwendend Absagen wegen seines Handicaps», schreibt Robert Stämpfli. Dass es mit einer Behinderung doppelt schwierig sei, eine neue Stelle zu finden, sei einerseits verständlich, da sein Sohn nicht telefonieren könne. Doch dass alles vom Telefonieren abhängig sein solle, empfindet Stämpfli auch als Ausrede. Sein Sohn habe in seinen Bewerbungen darauf hingewiesen, dass er jede Arbeit annehmen würde.
«Nahe der Verzweiflung hat er dann verschiedenen Firmen eine Blindbewerbung geschickt», so der Vater. Zu erwähnen sei, dass der Sohn wie auch dessen ebenfalls gehörlose Ehefrau keinen Rappen IV beziehe, da der Invaliditätsgrad zu tief sei. «Nur alle 5 Jahre hat er Anrecht auf ein neues Hörgerät durch die IV.» Nun gebe ein Firmeninhaber dem Sohn
eine Chance und einen Arbeitsplatz. Das sei das schönste Weihnachtsgeschenk für die Familie seines Sohnes mit den zwei kleinen Kindern. «Dafür ist die ganze Familie der Firma Bourquin SA in Oensingen sehr dankbar», sagt Stämpfli am Telefon. bw

Silvia Dintheer arbeitet am Empfang des Schweizerischen Nationalfonds in Bern. Auf dem Tresen steht ein Schild mit der Aufschrift: «Ich bin sehbehindert. Bitte sprechen Sie mich an.» Seit Geburt kann die 45-Jährige nur Umrisse und leuchtende Farben erkennen. Hinter dem Tresen klingelt das Telefon. Ein Sprachcomputer teilt mit monotoner Stimme die Nummer des Anrufers mit. Silvia Dintheer nimmt ab, sucht die geeignete Ansprechperson im Haus und verbindet. Ihr Computer übersetzt Agenden und Adresslisten in Blindenschrift und Ton, die anrufende Person merkt davon nichts. Auch Dintheers Arbeitgeber hat damit wenig zu tun. Die speziellen Computerprogramme hat ein Spezialist installiert, die Kosten sämtlicher Hilfsmittel wurden von der Invalidenversicherung (IV) übernommen. Diese hat auch überprüft, ob der Arbeitsplatz für Sehbehinderte eingerichtet werden kann.

Viele Bewerbungen

Silvia Dintheer liess sich an der Berufsschule für Sehbehinderte in Basel zur Telefonistin ausbilden. Während 16 Jahren arbeitete sie zu 100 Prozent in einer Firma, dann verlor sie ihre Stelle und servierte während einiger Zeit im Dunkelrestaurant Blinde Kuh in Zürich. In dieser Zeit schrieb sie viele Bewerbungen. «Es war nicht einfach», sagt sie. Gescheitert sei eine Anstellung entweder, weil der potenzielle Arbeitgeber nicht mit der Behinderung umzugehen wusste, oder weil sie das Jobprofil nicht erfüllen konnte. «Ich kann mich zum Beispiel nicht um die Post kümmern», sagt sie. Auch die Eingangskontrolle, die oft der Empfang übernimmt, kann sie nicht garantieren, auch wenn sie viele Mitarbeitende an Stimme und Schritt erkennt.

Die neue Stelle

Seit bald vier Jahren arbeitet Silvia Dintheer in einem 50-Prozent-Pensum beim Schweizerischen Nationalfonds (SNF). Die Anstellung war das Resultat einer Spontanbewerbung. Die Personalpolitik beim SNF richtet sich nach einem Leitbild, wonach Personen mit Behinderungen wo möglich berufliche Chancen erhalten sollen. Als an der Rezeption eine Stelle frei wurde, habe sie sich an die Spontanbewerbung von Silvia Dintheer erinnert, erzählt Vizedirektorin Rosmarie Pécaut auf Anfrage. Daraufhin kamen die Bewerbungsgespräche und die Abklärungen mit der IV ins Rollen.

Den ersten Arbeitsmonat hat die IV bezahlt. Silvia Dintheer sagt, ihre Einarbeitungszeit habe länger gedauert als bei einer sehenden Person. Vieles habe sie möglichst schnell im Kopf gespeichert. «Denn was ich weiss, muss ich nicht nachschauen», sagt sie. Eine Herausforderung waren nebst der neuen Stelle auch der neue Arbeitsweg und das neue Gebäude.

Arbeitsalltag

Eine Frau tritt an den Empfang und möchte ein Sitzungszimmer reservieren. Silvia Dintheer greift zu einer Stenomaschine, tippt die Daten ein, das Gerät spuckt einen Streifen in Blindenschrift aus. Das ist ihr Notizbüchlein. Handschriftliche Unterlagen müsse sie ihren Kolleginnen überlassen, sagt sie. Am Computer arbeite sie etwas langsamer als Sehende, als Telefonistin aber sei sie so schnell wie andere. Handy, Mails und SMS sind dank entsprechender Technologie kein Problem. Ruft jemand an und fragt, ob er den Schal beim Eingang liegen gelassen habe, holt Silvia Dintheer eine Mitarbeiterin zu Hilfe. «Alle Mitarbeitenden brauchen bei bestimmten Dingen Hilfe», sagt Vizedirektorin Pécaut.

Keine IV-Rente

Die vielen Zettel an der Wand hinter dem Tresen sieht Silvia Dintheer nicht. Dass der Kalender auf dem Tisch noch nicht das aktuelle Datum zeigt, spielt für sie keine Rolle. Wieder tritt jemand an den Empfang und sucht nach einer gewissen Person. Silvia Dintheer tippt den gesuchten Namen in den Computer: «Ich sehe gerade, dass diese Person schon gegangen ist», sagt sie dann.

Silvia Dintheer erhält keine IV-Rente. «Mir würde vielleicht eine Viertelsrente zustehen», sagt sie, die mit ihrem Mann in Wabern wohnt. Weil sie wegen ihrer Sehbehinderung Mehrauslagen hat, bekommt sie eine Hilflosenentschädigung von rund 450 Franken im Monat. Die Arbeit motiviert sie, und sie ist ihrem Arbeitgeber dankbar. «Eingliederung vor Rente ist ganz wichtig», sagt sie. Sie hoffe, dass dieser Grundsatz mit den IV-Revisionen umgesetzt werde. Doch zu einer Quotenregelung äussert sie sich vorsichtig. «Man kann Arbeitgeber nicht zwingen», sagt sie. Eher ist sie dafür, dass man mehr Anreize schafft und bei den Arbeitgebern Barrieren abbaut.

Sie fühle sich an ihrem Arbeitsplatz vollständig integriert, sagt Silvia Dintheer. Aber natürlich, fügt sie nach einem kurzen Zögern an, sehe sie nicht, wie die Leute an der Rezeption auf sie reagierten. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.12.2010, 07:37 Uhr

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2 Kommentare

Pierre Egli

18.12.2010, 13:04 Uhr
Melden

Bravo Slivia diese Reportage ist gut angekommen, das zeigt wieder einmal das mann trotz der Behinderung Arbeiten kann. Mach so weiter Antworten


stephan ciervo

18.12.2010, 15:54 Uhr
Melden

SUPER, BRAVO silvia.....................gby steff Antworten



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