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Eine Blutsbrüderschaft und die grosse Faszination des «Heilers» für Aids

Von Wolf Röcken. Aktualisiert am 09.03.2013 10 Kommentare

Am dritten Prozesstag sprach ein Opfer vom grossen Interesse des «Heilers» an Aids und an HIV-Erkrankten. Zudem war die Rede von Chirurgienadeln, einer Blutsbrüderschaft sowie einer möglichen Unterlassung bei der Hausdurchsuchung.

1/13 Im Berufungsprozess vor Obergericht gegen den selbsternannten «Heiler» von Bern hat der Staatsanwalt am 7. April eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren beantragt. Bei der Urteilsverkündung am 11. April folgte das Gericht dem Staatsanwalt.
Bild: Angela Zwahlen

   

Der Heiler

13 Opfer sprechen über einen Mann, der ihnen enormes Leid zugefügt haben soll. Gut 25 Stunden sprechen sie über ihn. Nach drei Prozesstagen meint man, den «Heiler» zu kennen.

Er ist einfühlsam und begeisternd: Er kann gut zuhören, ist für einige ein Mensch, mit dem man über alles reden kann. Für ein Opfer ist er über Jahre gar der «beste Freund». Er registriert kleinste Gefühlsschwankungen bei seinem Gegenüber. Mit seinem Engagement für Musik gelingt es ihm, vor allem junge Menschen zu begeistern. Er tritt überzeugend auf, man kann ihm kaum widersprechen. Auf junge Frauen scheint er eine besondere Anziehungskraft auszuüben. Sie bewundern ihn, schätzen seine Gabe, zuzuhören. Einige werden ihm «hörig».


Er ist besitzergreifend und kontrollierend:
Er versucht, soziale Kontakte von Partnerinnen zu unterbinden. Er berührt die Motorhaube des Autos einer Frau, um zu prüfen, ob sie weg war. Er verbietet einer Partnerin, ohne ihn in die Ferien zu reisen. Er droht, den Kontakt zu Menschen abzubrechen, wenn sie seine Anweisungen nicht befolgen.

Er ist esoterisch veranlagt und redet kryptisch: Er bietet Behandlungen an: Als Lebensschule oder zur «Stärkung». Er spricht vom «dritten Auge», von seinem «Meister», der Ninja-Schüler ausbilde und auf dessen Anleitung hin er stärkende Getränke zubereite. In seiner Wohnung schaffte er eine Wohlfühlatmosphäre: gedimmtes Licht, Cheminéefeuer. Er interessiert sich für Krankheiten, spricht oft über Aids und HIV-Erkrankte.
Er ist gewalttätig, und er lügt: Er droht Partnerinnen, wenn sie sich distanzieren. Im Streit wird er gewalttätig, soll Frauen geschlagen haben. Er verbreitet Unwahrheiten über Familienmitglieder von Leuten, die er behandelt, stiftet Menschen zu Falschaussagen an. Er redet ihnen schlimme Erlebnisse ein – um Hilfe und Schutz anzubieten.

So beschreiben die Opfer den «Heiler» in ihren Aussagen. Was für das Bild dieses Menschen, bisher fehlt: sein Auftritt, seine Aussagen. Was sagt er zu den Vorwürfen? Äussert er Mitleid mit den Opfern? Wollte er mit den Infektionen Leute aus dem Weg räumen, die ihm widersprachen? Streitet er nach wie vor alles ab? Wenn ja, welche Erklärung hat er für die Ereignisse sonst?

Am Montag wird das Bild des «Heilers» etwas vollständiger. Dann wird er aussagen und zu den Vorwürfen Stellung nehmen müssen. Und es wird wohl aus einem psychiatrischen Gutachten über ihn zitiert werden. Er selber bewegt sich in den Gängen des Gerichts, geht etwa aufs WC. Er trägt schwarze Kleider, Schmuck an Fingern und Hals und hat einen Koffer bei sich. Den Prozess verfolgte er in einem Nebenzimmer per Videoübertragung, bei ihm sitzt ein Mitarbeiter seines Anwalts. Gesagt hat er bisher nichts.

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Vor Gericht sagte am Freitag ein Mann aus, der den «Heiler» als seinen «besten Freund über eine lange Zeit» bezeichnete. Auch er sei während einer Akupunkturbehandlung beim «Heiler» zu Hause gestochen worden. Die Behandlung habe stattgefunden, um seine «Lebensentwicklung» zu fördern, sagte der Mann.

Der «Heiler» habe ihm während dieser Behandlung einen unbekannten Gegenstand regelrecht in den Rücken «gerammt». Wenig später hatte er hohes Fieber und wurde positiv auf HIV getestet. Dies habe er sich vorerst gar nicht erklären können. «Ich hatte zuvor keine Partnerin und nahm keine Drogen.» In der HIV-Sprechstunde des Inselspitals sei er auf den «Heiler» angesprochen worden. Einen Zusammenhang wollte er nicht erkennen, «er war ja mein Freund». Beim Inselspital gab man ihm den Kontakt zur Staatsanwaltschaft, wo er sich dann auch meldete.

Die Faszination für Aids

In der Voruntersuchung soll der «Heiler» laut einem Richter gesagt haben, dass er eine Blutphobie habe. «Ganz im Gegenteil», sagte nun sein ehemals «bester Freund». Er beschrieb den «Heiler» als Mann, der über lange Zeit immer und immer wieder über Aids gesprochen habe. «Es war ein Dauerthema.»

Der «Heiler» habe sich stark mit den Auswirkungen von Aids beschäftigt, wie schlimm es sei, dass es immer noch nicht behandelt werden könne. Es sei «eine brutale Krankheit» und Erkrankte würden ein «Sterben auf Zeit» erleben, habe er gesagt. Der «Heiler» habe versucht, sich in Leute mit HIV hineinzuversetzen.

Die Blutsbrüderschaft

Der Mann sagte weiter aus, dass er mit dem «Heiler» eine symbolische Blutsbrüderschaft eingegangen sei, damit sie gemeinsam Ziele erreichen konnten. Der «Heiler» habe ihm und sich selber dazu mit einer Nadel Blut abgenommen und dieses in ein Gefäss gegeben. Zu direktem Kontakt von Blutstropfen sei es nicht gekommen. Was dann mit diesem Blut passierte, wurde gestern nicht bekannt.

Er habe den «Heiler» über seine HIV-Diagnose informiert, sagte der Mann vor Gericht. Dabei sei ihm die kühle und zurückhaltende Reaktion aufgefallen. «Das war seltsam nach einer jahrelangen Freundschaft.» Der «Heiler» habe seine Partnerin auch gefragt, ob sie ihn nun verlassen werde.

Die Chirurgienadeln

Das Opfer sagte auch aus, dass der «Heiler» leidenschaftlich an seinem Motorrad herumgebastelt habe. In einem Küchenschrank habe er Utensilien aufbewahrt, um etwa Vergaser zu bearbeiten. Dazu hätten auch dünne chirurgische Nadeln gehört, wie man sie zum Verteilen von Öl verwendet. Utensilien zur Aufbewahrung von Blut habe er nie gesehen. Fast belustigt merkte der Mann an, dass er es merkwürdig finde, dass gemäss Protokoll bei der Hausdurchsuchung beim «Heiler» dessen Töffgarage nicht einbezogen worden sei. Der «ehemals beste Freund» erzählte auch, dass sich der «Heiler» als rechte Hand eines Meisters verstanden habe, der junge Ninja-Kämpfer ausbilde. Er habe ihm auch Kräutergetränke zur Stärkung serviert.

Ein Motiv erkennt der Mann in der Ansteckung nicht. «Vielleicht ist es eine Perversion von ihm, Macht war ihm sehr wichtig.»

Die Bewusstlosigkeit

Gestern wurde klar, dass es unter den Opfern einige gibt, die anderen Opfern nahestehen, sei es durch Beziehung oder Verwandtschaft.

Eine Frau berichtete, wie schon Opfer zuvor, nach der Einnahme eines Getränks bewusstlos geworden zu sein. Sie habe den «Heiler» für «Gesprächstherapien» besucht. Einmal habe er eine «spirituelle Behandlung» angekündigt. Was während der Bewusstlosigkeit passierte, weiss sie nicht, von einem Stich erzählte sie nichts. Dennoch geht sie davon aus, dass sie an jenem Abend infiziert wurde. «Es gibt keine andere Möglichkeit, ich hatte keinerlei Risikokontakte.» Wie andere Opfer hatte sie Angst, den «Heiler» zu belasten. «Ich fürchtete, er tut mir etwas an.»

Eine weitere Frau sagte, der «Heiler» habe sie unvermittelt ins Kreuz gestochen. Für sie ist klar, dass sie dabei infiziert wurde. Sie gab sich erleichtert, dass der Fall nun vor Gericht sei. «Ich bin froh, dass er für seine Taten geradestehen muss.»

Die Kristall-Spitze

Ein weiteres Opfer sagte aus, dass der «Heiler» ihm eine Alternativbehandlung anbot, nachdem er ihm von seiner HIV-Erkrankung erzählt hatte. «Er sagte, dass Schulmedizin bei HIV okay sei, es aber auch Substanzen aus dem Fernen Osten brauche.» Getränke mit solchen Substanzen habe er einen Monat lang eingenommen, dann aufgehört, weil sie bis 1000 Franken pro Woche kosten sollten. Der Mann hat keine andere Erklärung für seine HIV-Infektion als eine Akupunkturbehandlung mit einem Stich in den Nacken. Laut der Staatsanwaltschaft sagte der «Heiler» aus, bei diesem Mann nur Akupressur durchgeführt zu haben. Vielleicht habe der Mann die Spitze eines Kristalls gespürt, den er einsetzte. Das Opfer bestreitet, vom «Heiler» jemals mit Kristallen behandelt worden zu sein.

Die Skorpion-Kette

Ein weiteres Opfer berichtete, nach dem Ausschlussverfahren sicher zu sein, sich bei einer Akupunktur beim «Heiler» mit dem HI-Virus infiziert zu haben. Als mögliches Motiv sieht er das Ziel des «Heilers», Zwietracht zwischen ihn und seine Schwester zu bringen, die mit dem «Heiler» liiert war. Er habe die Beziehung kritisch gesehen. Er erzählte zudem, dass er sich vom «Heiler» subjektiv bedroht fühlte. Um die Angst zu illustrieren, erwähnte er eine Kette mit einem Skorpion. Skorpione seien ungefährlich, habe der «Heiler» gesagt, ausser man reize sie, dann seien sie tödlich. «Die Metapher war klar», so der Mann. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.03.2013, 09:25 Uhr

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10 Kommentare

André Gerber

08.03.2013, 13:23 Uhr
Melden 102 Empfehlung 7

So jemand wie dieser angebliche Heiler gehört von mir aus lebenslänglich hinter Gitter! Antworten


Juri Schmassmann

08.03.2013, 13:28 Uhr
Melden 92 Empfehlung 14

Bei aller Tragik der Vorfälle, was ich zutiefst bedauere für die Opfer: Warum in Teufels Namen, fallen immer wieder Leute auf offensichtlich Geisteskranke herein? Das geht mir einfach nicht in den Kopf. Antworten



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