Bern

Haus der Religionen zieht die Massen an

BernDas Haus der Religionen kann sich zurzeit vor Anfragen zu Führungen kaum retten. Zum grossen Interesse hat auch das Attentat in Paris beigetragen. Statt auf verstärkte Sicherheitsmassnahmen setzt man im Haus auf offene Türen und Dialog.

Besuchermagnet: Auch mehr als einen Monat nach der offiziellen Eröffnung ist das Interesse 
am Haus der Religionen am Europaplatz riesig.

Besuchermagnet: Auch mehr als einen Monat nach der offiziellen Eröffnung ist das Interesse am Haus der Religionen am Europaplatz riesig. Bild: Enrique Muñoz García

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Mehr als fünf Stunden musste warten, wer bei der Eröffnung des Hauses der Religionen die fünf Sakralräume sehen wollte. Gut einen Monat später hat sich das grosse Interesse nicht gelegt: «Wir haben um die 300 Anfragen zur Besichtigung des Hauses erhalten», sagt Friederike Kronbach, die für den Bereich Integration zuständig ist.

Um derart viele Führungen anzubieten, fehle aber schlicht das Personal. Freiwillige aus dem Verein Haus der Religionen, aus der Stiftung Europaplatz und aus den Religionsgemeinschaften helfen, den Engpass zu entschärfen.

Offene Türen statt Securitas

Trotzdem: Gruppen mit Spezialwünschen müssen sich einen Monat gedulden. Einzelpersonen hingegen können an den öffentlichen Führungen teilnehmen, die der Verein aufgrund der hohen Nachfrage nun durchführt. «Wir freuen uns natürlich sehr über das Interesse und geben unser Möglichstes, damit alle das Haus besuchen können», sagt Kronbach.

Viel Aufmerksamkeit erhielt das Haus der Religionen auch aus einem nicht erfreulichen Grund – dem Attentat auf «Charlie Hebdo» vom 7.Januar. «Viele Leute wollten daraufhin wissen, was der Angriff für die Arbeit im Haus der Religionen bedeutet oder wie die Muslime dazu stehen», sagt Kronbach. Der Imam des Hauses, Mustafa Memeti, wurde von Medienanfragen überhäuft und gab im Radio, im Fernsehen und unter anderem in dieser Zeitung Auskunft.

Der Verein stellte sich die Frage, ob er die Sicherheitsvorkehrungen verstärken muss. Er entschied sich aber dagegen, Securitas-Angestellte vor dem Gebäude zu postieren. «Das wäre das falsche Signal gewesen, wir wollen die Türen zum Gespräch öffnen», sagt Kronbach. Gespräche sollen das gegenseitige Verständnis fördern und so Extremismus und Terrorismus den Nährboden entziehen.

Wie eine Wohngemeinschaft

Der Dialog – ein zentrales Anliegen im Haus – werde sich aber nicht vom einen Tag auf den anderen entwickeln, sagt Kronbach und vergleicht das Haus der Religionen mit einer Wohngemeinschaft: «Da verbringt jeder viel Zeit in seinem Zimmer, am Abend trinkt man in der Küche zusammen ein Bier und lernt sich kennen».

Alewiten, Buddhisten, Christen, Hindus und Muslime besitzen im Haus einen Sakralraum. Zwischen diesen Räumen befindet sich das Herzstück des Hauses, der sogenannte Dialogbereich. Besprochen werden hier aber längst nicht nur religiöse Themen: «Ich habe zum Beispiel gelernt, wie man eine indische Babymassage macht», sagt Kronbach. Weiter erhalten im Dialogbereich Migrantinnen und Migranten Unterstützung und können zum Beispiel einen Sprachkurs besuchen.

Hindus bauten Moschee

Die Religionsgemeinschaften müssen sich noch an die Nähe zueinander gewöhnen. Sie stehen aber schon seit dem Beginn des Projekts Haus der Religionen vor 12 Jahren im Gespräch. Bei den Bauarbeiten habe sich der Kontakt verstärkt. Hindus halfen beispielsweise den Muslimen beim Bau der Decke in der Moschee. Die Gesprächskultur wird auch bei den Führungen grossgeschrieben. «Wir wollen nicht über, sondern mit den Religionen sprechen», sagt Kronbach. Muslime sollen ihre Moschee zeigen und die Hindus ihren Tempel.

Im Gegensatz zu den Sakralräumen steht der Dialogbereich auch ausserhalb der Führungen allen Besuchern offen: Hier kann man sich im Restaurant verköstigen, sich in Hörspielen von Jugendlichen die Bar Mizwa oder Rama Navami erklären lassen und in Schaukästen mehr über das Judentum, die Bahà’i oder die Sikh erfahren.

Bauarbeiten vor Abschluss

30 bis 50 Neugierige besuchen laut Kronbach täglich diesen Bereich. Wer Glück hat, erhält auch Zutritt zu den Sakralräumen. Die Räume besitzen jeweils zwei Zugänge, einen privaten und einen öffentlichen. Die Gemeinschaften entscheiden selbst, wie häufig sie die Türe für Gäste öffnen, wie viel Nähe sie zu den anderen Religionen wollen.

Noch sind aber nicht alle Sakralräume fertiggestellt. Die Bauarbeiten im Hindutempel und in der Moschee sind in den letzen Zügen. Die Hindus, die im Moment die Skulpturen ihrer Gottheiten bemalen, feiern am 1.Februar ihr Einweihungsfest. (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.01.2015, 07:46 Uhr

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