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GP: Wie aus Adolf Ogi ein Köfferliträger wurde

Von Thomas Wälti. Aktualisiert am 11.05.2011

Am Samstag findet der Grand Prix von Bern zum 30. Mal statt. Heinz Schild, Gründer des Klassikers über die 10 Meilen, erzählt Geschichten, die ein Lächeln auslösen: Wussten Sie, dass einmal ein Läufer verschwand? Oder dass der ehemalige Bundesrat Adolf Ogi dem staunenden Filbert Bayi die Koffer schleppte? Schild erinnert aber auch an tragische Momente.

1/5 Grand Prix Bern 1982: Sieger Markus Ryffel beim Zieleinlauf.
Bild: Andreas Blatter

   

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1982: Markus Ryffel siegt bei der Premiere

Der Rang steht auf seiner Startnummer: Mit der «1» triumphiert der Lokalmatador und STB-Läufer in der GP-Premiere. Er nutzt den Heimvorteil und zeigt der Konkurrenz auf der 16,093 Kilometer langen Strecke (10 Meilen), die vom Dählhölzliwald nicht zurück ins Stadtzentrum, sondern über die Elfenau, via Muri und Melchenbühl ins Leichtathletikstadion Wankdorf führt, die Fersen. Die Siegerzeit: 47:53,0. Es ist der erste von vier Ryffel-Erfolgen am GP – Rekord. Es sei keineswegs ein schmerzloses Heimspiel gewesen, meint Ryffel dreissig Jahre nach seinem Sieg. «Die anstrengenden Hügel und der Widerstand meines Verfolgers Suleiman Nyambui forderten mir alles ab.»

1982: Durchbruch des Strichcodes

Die Organisatoren wollen in der Zeitmessung mit dem Szenekrösus Murtenlauf zusammenarbeiten. Die Freiburger zeigen den Bernern jedoch die kalte Schulter. Auch die renommierten Schweizer Uhrenunternehmen können nicht helfen. «Wir sind auf Wettkämpfe in den Stadien und im Skiweltcup spezialisiert», heisst es bei Omega, Longines und Tag-Heuer. Der New-York-Marathon bringt den Durchbruch. OK-Präsident Adolf Ogi schickt EDV-Chef Georg Grubert in die USA, um einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Der Bund-EDV-Chef kehrt mit einem europäischen Novum nach Bern zurück – das Strichcodesystem löst die Probleme in der Zeitmessung.

1984: GP von Bümpliz

Der Stadtberner Polizeidirektor Marco Albisetti schlägt vor, den GP, der zwei Tram- und drei Buslinien blockiert, von der Altstadt nach Bümpliz, zu verlegen. Heinz Schild kontert den Vorschlag cool: «Das können wir machen. Aber dann nennen wir ihn GP von Bümpliz!» Das Gelächter ist gross – die Situation gerettet. Der GP Bern wird zur Marke.

1986: Frauen schneller als Männer

Erstmals wird das Feld gesplittet. Die Männer starten vor dem Wankdorf, die Frauen auf der Bolligenallee. Das Feld vereinigt sich 2 Kilometer später am Aargauerstalden. Aus Sicherheitsgründen trennen dort auf einer Länge von 100 Metern zwei Tonnen Strohballen die Felder. Alles wickelt sich reibungslos ab – mit einer Ausnahme: Weil der gelernte Kartograf Heinz Schild die Startschlaufe falsch vermessen hat, treffen zum Erstaunen der Zuschauer die schnellsten Frauen 15 Sekunden vor dem Elite-Feld der Männer ein. Rennleiter Schild muss sich einiges anhören.

1988: Waitz mit «Wahnsinnszeit»

Die Norwegerin Grete Waitz gewinnt in der Rekordzeit von 52:31,5. «Eine Wahnsinnszeit», schwärmt Heinz Schild von der 9-fachen New-York-Marathon-Siegerin. «Nicht viele Männer können diese Zeit unterbieten.» Kurz vor dem GP-Jubiläum macht eine traurige Nachricht die Runde: Waitz ist am 19.April im Alter von 57 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. Heute findet in Oslo die Abdankungsfeier statt. Markus Ryffel wird ihr im Bislett-Stadion die letzte Ehre erweisen.

1990: Der verschwundene Läufer

Es gibt nichts, was es nicht gibt! Ungewöhnliches schreckte oftmals auch GP-Präsidenten auf. So erlebte OK-Präsident Fritz Holzer vor zwei Jahrzehnten aufregende Stunden. «Als ehemaliger Präsident erinnere ich mich gut, wie ich jeweils am Samstagabend aufatmen konnte, wenn alles gut verlaufen war. Bis auf jenes Mal, als ich von ‹Bund›-Redaktor André Widmer am Sonntagmorgen einen Anruf erhielt, ein Läufer werde vermisst.» Seine Frau habe sich gemeldet und sei in grosser Sorge. «Sofort ging ich der Sache nach. Telefonat an die betreffende Frau, Telefonat an die Polizei, Durchchecken der Einlauflisten, Kontakt mit dem Ärzteteam und den umliegenden Krankenhäusern. Seine Frau hatte ihn noch auf dem Weg hinunter in die Stadt rennen sehen, beim Zieleinlauf aber dann vermisst. War der Läufer in die Aare gefallen und ertrunken? Den ganzen Sonntag suchten wir – ohne Ergebnis! Am Abend dann der erlösende Anruf vom Läufer persönlich. Er habe einige Hundert Meter vor dem Ziel Freunde getroffen, sei mit ihnen Bier trinken gegangen und habe auswärts übernachtet.»

1991: Kariuki, der Appenzeller Hund

Heinz Schild und seine Ehefrau Vreni suchen für ihren jungen Appenzeller Hund einen Namen. Sie taufen ihn kurzerhand Kariuki – zu Ehren des kenianischen 3000-Meter-Steeple-Olympiasiegers von Seoul 1988, Julius Kariuki. Nach dem Rennen, in einer geselligen Runde zu Hause bei den Ryffels in Allmendingen, droht Ungemach. Wenn der zweijährige Sohn Christoph den lebhaften Appenzeller Hund sieht, blabbert er stets «Kariuki, wau-wau!». Deshalb ordnet Vater Ryffel mit seinen Gästen vorsorglich eine neue Sprachregelung an: «Wenn Julius bei uns eintrifft, meiden wir das Wort Kariuki, wir bleiben strikte beim Vornamen. Stellt euch vor, Heinz reist nach Kenia und dort wird er plötzlich mit ‹Schild, wau-wau!› begrüsst»

1996: Emil Zatopek zurück in Bern

«Fisch schwimmt, Vogel fliegt, Mensch läuft.» Emil Zatopeks Zitate haben Kultstatus. Die «tschechische Lokomotive», wie Zatopek wegen seines eigenwilligen Laufstils genannt wurde, war einer der grossen Leichtathleten des 20.Jahrhunderts. Der 18-fache Weltrekordler wurde viermal Olympiasieger; am gleichen Tag, wie seine Ehefrau Dana Zatopekova in Helsinki Olympiasiegerin im Speerwerfen wurde, siegte der Armeesportler über 5000 Meter. An den kontinentalen Titelkämpfen 1954 in Bern feierte er seinen letzten grossen Sieg: Europameister über 10'000 Meter. 1996, im Rahmen der Siegerehrung des 16.GP im Hotel Bern, läuft Ehrengast Zatopek zur Hochform auf, als er seiner Ehefrau verliebt in die Augen schaut: «Sie hat am gleichen Tag Geburtstag wie ich. Sie gewann am gleichen Tag Olympiagold wie ich. Und – die Sensation ist perfekt – sie hat am gleichen Tag geheiratet wie ich.»

2002: Ogi, der Köfferliträger

Zum 20. GP von Bern lädt Athletenbetreuer Markus Ryffel alle bisherigen Sieger nach Bern ein – auch Filbert Bayi aus Tansania. Der Weltrekordhalter über 1500 Meter trifft mit zwei Tagen Verspätung in Kloten ein, besteigt dort den Zug nach Bern und meldet sich im Bahnhof bei der Polizei. Diese führt ihn samt Gepäck an den Bärengraben statt an den Start. Bayi hat sich falsch ausgedrückt. Schwitzend schleppt er im chicen Anzug seine beiden Rollkoffer den Aargauerstalden hoch. Am Start beim Wankdorfstadion fragt der Afrikaner nach dem Speaker; Heinz Schild ist gerade unpässlich, denn er steht auf dem Turm, mitten im Startprozedere. Schild delegiert die Sache kurzerhand an den neben ihm stehenden Ehrenstarter, Adolf Ogi. Der ehemalige Bundesrat begrüsst den prominenten Gast aus Afrika in seiner unnachahmlichen jovialen Art. Er nimmt ihm einen Koffer ab und führt ihn zu den Ehrengästen. Bayi staunt: Nicht er wird dauernd um Autogramme gefragt, sondern sein Köfferliträger. Vier Tage später ist Bayi Gast bei den Ryffels in Allmendingen. Es gibt Kaffee und Kuchen, im Fernsehen läuft die «Tagesschau». Berichtet wird aus New York; neben UNO-Generalsekretär Kofi Annan steht auf einmal der Köfferliträger – Adolf Ogi, Sonderbotschafter für Sport im Dienste von Entwicklung und Frieden. Filbert Bayi ist ausser sich, ruft: «Stopp, stopp! Das ist unglaublich! Ich kenne diesen Mann. Er hat meinen Koffer getragen.»

2004: Tadesses Fabelzeit Zersenay

Tadesse pulversiert den Rekord auf 46:04,9. Er läuft den Kilometer in 2:51. Als der Eritreer den Aargauerstalden hinaufspurtet, sagt Schild beeindruckt: «Das wird ein ganz Grosser. Von dem werden wir noch hören.» Drei Monate später gewinnt Tadesse in Athen als erster Sportler für Eritrea eine olympische Medaille. Er wird Dritter über 10'000 Meter.

2010: Dritter Todesfall

Einen Kilometer vor dem Ziel des 10-Meilen-Laufs bricht ein 25-jähriger Läufer zusammen. Trotz Reanimation kann er nicht gerettet werden. Nach 1985 und 1998 ist dies der dritte Todesfall am GP. Die früheren Opfer waren auf ähnliche Weise verstorben. Es sind für Heinz Schild die traurigsten Erinnerungen.

Marathon als Handynummer

Heinz Schild (69), Gründer des GP von Bern und des Jungfrau-Marathons, ist verheiratet und Vater eines erwachsenen Sohnes. Der Stadtberner wohnt in Allmendingen. Der gelernte Kartograf arbeitete von 1979 bis 2003 als Redaktor bei Radio DRS. Schild fungierte 23 Jahre lang als Speaker bei Weltklasse Zürich. Von 1982 bis 2006 war er Rennleiter oder Vizepräsident des GP Bern, seit 2008 ist sein Sohn Michael in dieser Funktion tätig. Heinz Schild trainierte verschiedene Spitzenathleten, unter anderen Markus Ryffel. Er ist Autor von «Jogging in der Schweiz». Seine Bestzeit über 5000 Meter: 14:38,4. Schilds Leidenschaft für den Marathon (42,195 km) erkennt man an seiner Handynummer: 079 421'95'00. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.05.2011, 07:47 Uhr

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