Mühleberg

Fünf Millionen Einwohner erhalten Jodtabletten

MühlebergDie Stadtberner kennen sie schon, die Langnauer und Spiezer lernen sie bald kennen: Weil der Verteilradius erweitert wurde, erhält derzeit der Grossteil der Berner Bevölkerung Jodtabletten für den Fall einer AKW-Katastrophe.

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In der Hausapotheke sind sie nicht, im Spiegelschrank auch nicht – weder im Badezimmer, in der Küche noch im Schlafzimmer sind sie zu finden. Am Ende der Suche steht fest: Die Packung Jodtabletten ist unauffindbar. So wichtig die Tabletten im Falle einer AKW-Katastrophe sein mögen, im Alltag haben sie viele Bürger verloren oder verlegt.

Wer seine Tabletten nicht findet, kann aber bald aufatmen. Rund fünf Millionen Personen erhalten in diesen Wochen eine neue Packung Jodtabletten samt achtsprachiger Kurzinformation zum Verhalten bei einer AKW-Katastrophe. Bis Ende November sollen die Tabletten verteilt sein. Alle zehn Jahre erhalten die Einwohner rund um die fünf Schweizer Kernkraftwerke kostenlos solche Jodtabletten, die sie im nuklearen Ernstfall auf Anweisung der Behörden einnehmen können.

Bernerinnen und Berner sind es gewohnt, solche Post zu erhalten. Mit weniger als zwanzig Kilometern Entfernung zum Kernkraftwerk Mühleberg liegt die Stadt Bern seit je innerhalb des Verteilgebiets. Neu werden aber auch weite Teile des Emmentals, des Oberaargaus sowie des Berner Oberlands mit Jodtabletten versorgt. Der Grund ist die Ausweitung des Verteilperimeters von zwanzig auf fünfzig Kilometer um die fünf Atomkraftwerke. Wer das bezahlt, ist allerdings noch unklar (siehe Kasten).

Zu den Tabletten Sorge tragen

Jedes Haushaltsmitglied erhält eine Tablettenpackung à 2×6 Tabletten – so weit, so klar. Wie hoch ist aber der Abdeckungsgrad mit Tabletten in einem Wohngebiet mit hoher Fluktuation? Gerade in den unzähligen Berner Studenten-WGs gibt es haufenweise Zu- und Wegzüge. «Eine Packung Kaliumiodid reicht aus, um zwei erwachsene Personen mit Tabletten versorgen zu können», sagt Tony Henzen, Co-Projektleiter bei der Kaliumiodid-Versorgung in Bern.

Die Überdotation habe zum Zweck, dass im Ernstfall direkte Nachbarschaftshilfe geleistet werden könne. So sei es möglich, die Lücke zu schliessen, wenn im Haushalt die Tabletten nicht mehr auffindbar oder verloren gegangen seien. Viele Studenten sind in Bern aber nur Wochenaufenthalter. Auch sie haben laut Henzen Anrecht auf die Tabletten. Und wenn jemand seine Wohnung untervermietet hat? «Wir gehen davon aus, dass die Tabletten in der Wohnung bleiben, wenn jemand zum Beispiel länger verreist», sagt er.

Der Umgang mit den Tabletten liege aber in der Selbstverantwortung der Bevölkerung. «Die Bürger müssen zu ihren eigenen Tabletten Sorge tragen», sagt Henzen. Bei einem Umzug müsse man die Tabletten mitnehmen. Gerade bei einer hohen Fluktuation kann nämlich auch die Versorgungsstelle nicht mehr sagen, wie hoch der Deckungsgrad in der Bevölkerung wirklich ist: «Jetzt, nach über neun Jahren seit der letzten Verteilung, wissen wir dies auch nicht mehr.»

Bürger müssen selber los

Bis anhin war es in Bern so, dass Neuzuzüger bei der Anmeldung ein Info-Paket erhalten haben, in dem auch die Jodtabletten drin waren. Dies wird nach der Verteilaktion anders sein. Wer in eine neue Gemeinde zieht, hat Anrecht auf einen Bezugsschein, der in der Drogerie oder Apotheke eingelöst werden kann. Manche Gemeinden fragen die Neuzuzüger, ob sie bereits Tabletten haben, andere Gemeinden verteilen den Schein automatisch.

In Bern wäre laut den Behörden die Nachfrage bei jedem einzelnen Zuzüger zu aufwendig. Darum gibt es den Schein gleich bei der Anmeldung bei den Einwohnerdiensten. Wenn sich jemand elektronisch angemeldet hat, wird der Schein zugestellt. Auch neun Jahre nach der letzten Verteilaktion werden solche Bezugsscheine verteilt.

Und wer Tabletten und Bezugsschein verloren hat? Dann hilft nur noch der Gang zur Apotheke oder Drogerie. Fünf Franken kostet die Packung Jodtabletten – und ist garantiert nicht rezeptpflichtig. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.11.2014, 06:39 Uhr

Wer bezahlt die Verteilaktion?

Die AKW-Betreiber und der Bund streiten derzeit um die Kosten und den Radius der Verteilaktion. Der Verteilradius von Jodtabletten wurde vom Bund von zwanzig auf fünfzig Kilometer Entfernung zu einem Atomkraftwerk erweitert. Insgesamt sollen rund 4,6 Millionen Einwohner Jodtabletten erhalten, mit der bisherigen Regelung waren es rund 1,2 Millionen Menschen.

Mit der Massnahme möchte der Bundesrat die Prävention verbessern. Dies hat Mehrkosten von über 20 Millionen Franken zur Folge, welche der Bundesrat auf die AKW-Betreiber abgewälzt hat. Dagegen gehen diese rechtlich vor und ziehen vors Bundesverwaltungsgericht. Sie halten die bereits in Kraft gesetzte Verordnungsänderung des Bundesrats für übertrieben. Es gebe keine Rechtsgrundlage für diese erweiterte Verteilung. Alles über den 20-Kilometer-Radius hinaus bezeichnen die AKW-Betreiber als unverhältnismässig und kontraproduktiv.

Nicht die zusätzlichen Kosten, sondern das Signal stört die AKW-Organisation Swissnuclear. Die Einwohner, die neu Jodtabletten erhalten, würden verunsichert, teilte die Organisation kürzlich mit. Einzig das äusserst unwahrscheinliche Szenario eines extremen Erdbebens könne eine solche Ausweitung der Verteilzone auf fünfzig Kilometer überhaupt rechtfertigen, so Swissnuclear.

Für Kinder geeignet, für Alte weniger

Bei einem schweren AKW-Störfall sollen Jodtabletten verhindern, dass die Schilddrüse Jod-131 aufnimmt. Dabei handelt es sich um eine radioaktive Variante von Jod. Der menschliche Körper kann nicht zwischen radioaktivem und normalem Jod unterscheiden. Die Halbwertszeit von Jod-131 beträgt acht Tage. Die Einnahme einer Jodtablette bewirkt im Körper eine starke Überdosis. Eine Tablette enthält rund 1000-mal mehr Jod, als der Mensch braucht. Mit der Dosis soll einer Leukämieerkrankung vorgebeugt werden, welche durch die Strahlen verursacht werden könnte.

Im Ernstfall sind die Jodtabletten besonders für Schwangere, Säuglinge und Kleinkinder wichtig. Umstrittener ist eine Jodeinnahme bei älteren Personen. Das Jod kann eine Überfunktion der Schilddrüse bewirken und im Extremfall Kammerflimmern auslösen. Im Ernstfall ist der Zeitpunkt der Einnahme entscheidend. Nur wenn die Tabletten vor dem Eintreffen der radioaktiven Wolke eingenommen werden, können sie ihre Wirkung optimal entfalten. Die Tabletten dürfen aber nur nach behördlicher Anordnung über das Radio oder andere Medien eingenommen werden.

Haus- und Nutztiere können mit den Tabletten übrigens nicht geschützt werden. Zwar haben sie ebenfalls eine Schilddrüse, diese funktioniert auch wie die des Menschen, von einer Verabreichung wird aber abgeraten. Der Grund: Die Joddosierung bei Tieren ist um ein Vielfaches niedriger als beim Menschen. Eine massive Überdosis beim Tier wäre die Folge. Eine Ausnahme der Regel bilden Kühe. Sie würden die Tabletten vertragen.

Wenn ein Kind versehentlich eine Jodtablette schluckt, muss ihm viel Flüssigkeit verabreicht werden. Eine Arztkonsultation ist laut Behörden in der Regel nicht nötig. Die Schweiz ist das einzige Land, das im Voraus Jodtabletten an die Bevölkerung verteilt. Dies wird auch kritisiert: Greenpeace warnte vergangenen Monat davor, die Tabletten als Wundermittel zu betrachten. Frühzeitig geschluckt, schützten sie zwar gegen radioaktives Jod. Doch sie nützten nichts gegen andere schädliche Stoffe. Im Notfall sei niemand gut geschützt, und man müsste wohl ganze Städte evakuieren, so Greenpeace.

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