Frau Pfarrer glaubt nicht an Gott

Muri-GümligenPfarrerin Ella de Groot in Muri-Gümligen steht offen dazu, dass sie mit einem realen Gott nichts anfangen kann. Kein Problem, sagt die Kirche.

Ella de Groot wird ihre Theologie  erst am Sonntag  erklären.

Ella de Groot wird ihre Theologie erst am Sonntag erklären. Bild: zvg

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Für ein Gespräch mit der Zeitung hat Ella de Groot «keine Lust» – und eigentlich auch keine Zeit, wie sie gleich nachschiebt. Dabei hätte die Pfarrerin in Muri-Gümligen derzeit allen Grund, sich zu erklären. «Hört auf zu glauben!» heisst provokativ der Titel einer Sendung, die am nächsten Sonntag bei Radio SRF2 auf dem Programm steht. Im Gespräch wird Ella de Groot dannzumal erklären, dass herkömmliche Gottesvorstellungen reine Einbildung sind. Und dass sie demzufolge auch keinen Glauben an eine höhere Macht verkündet.

So steht es im Programmhinweis von SRF2. Und so steht es mit Blick auf die Sendung auch auf der Website der Kirchgemeinde Muri-Gümligen.

Breites Spektrum möglich

Wie das geht als Vertreterin einer Kirche, die seit Jahrhunderten die Botschaft von Gott verkündet? Einer Kirche, die in ihren Satzungen von Gottes Ehre, Gottes Wort und Gottes Gnade redet, davon auch, dass die Gemeinde Gott danken, Gott loben und Gott anrufen soll? Wie das geht als Pfarrerin, die in einer derart geprägten Tradition steht?

Antworten bleibt Ella de Groot vorderhand schuldig, weil sie – eben – zurzeit für kein Gespräch zu haben ist. Den Fragen stellt sich dafür Lucien Boder, Pfarrer aus Vauffelin im Berner Jura und Synodalrat im Nebenamt. Als solcher betreut er in der Berner Kirchenregierung das Dossier Theologie, und er betont gleich zu Beginn: Prägnante Schlagworte, wie er sie im Hinweis auf die Sendung vom Sonntag finde, bildeten oft nicht die ganze Wahrheit ab. Er jedenfalls habe nicht den Eindruck, dass seine Kollegin ohne Glauben sei.

In seiner Meinung bestärkt sieht sich Lucien Boder durch eine Predigt, die er ebenfalls auf der Website der Kirchgemeinde gefunden hat. Was Ella de Groot schreibe, bewege sich sehr wohl im Rahmen dessen, was in der Landeskirche üblich sei. Es stimme zwar, dass die Pfarrerin gängige Gottesbilder infrage stelle. Gleichzeitig erlebe er sie aber als Suchende, Fragende, und genau das gehöre zur modernen Kirche. «Es muss uns gelingen, die Botschaft so zu vermitteln, dass sie für heutige Menschen verständlich ist.»

In diesem Sinn sei in der reformierten Kirche ein breites Spektrum an Überzeugungen möglich. Ella de Groot äussere Gedanken, wie sie auch bei grossen Theologen wie Dietrich Bonhoeffer, Rudolf Bultmann oder Dorothee Sölle zu finden seien.

Sprachlos am Krankenbett

Ein genauerer Blick in die Predigt lässt wenigstens erahnen, wie die Pfarrerin denkt. Gehalten hat sie sie an Karfreitag vor einem Jahr, und passend zum Tag erzählt sie von einem Krankenbesuch. Davon, wie sie es nicht schafft, die verzweifelte Patientin mit der Nähe eines existierenden Gottes zu trösten. Davon auch, wie ihr in diesem Moment nichts anderes übrig bleibt, als am Bett zu bleiben, einfach da zu sein. «Wo ist Gott, wenn nicht wir Menschen da sind?», fragt sie und schliesst: Es ist kein mächtiger Gott da, der eingreift, es bleibt nur das liebende Ausharren. «Nur in der Liebe ereignet sich Gott.»

Unvermittelt tritt die gebürtige Holländerin ein in die Gedankenwelt ihres streitbaren Landsmanns Klaas Hendrikse, auch er ein Pfarrer. Mit seinen Thesen hat «der gläubige Atheist», wie er sich selber bezeichnet, bei einem Auftritt vor zwei Jahren auch in Bern Aufsehen erregt. Seine Botschaft lautet ganz ähnlich: Gott ist ein Ereignis, das sich nur zwischen Menschen abspielen kann. Genau wie die Liebe.

Mit Leidenschaft Pfarrerin

An der Überzeugung, den richtigen Beruf auszuüben, können alle Zweifel am realen Gott nichts ändern: Ella de Groot sei leidenschaftlich gerne Pfarrerin, steht im Programmhinweis für Sonntag auch noch.

«Hört auf zu glauben!» Gespräch mit Ella de Groot, Radio SRF2, 14.Juli, 8.30 Uhr. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 11.07.2013, 11:31 Uhr)

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