Flüchtling verzückt die Schachszene
Von Tobias Habegger. Aktualisiert am 24.09.2011 7 Kommentare
Niemand kannte Emad Madi, als er vor ein paar Wochen die Schachspieler auf dem Berner Bundesplatz um eine Partie bat. Ihre Antwort lautete – wie immer in solchen Fällen: «Stell dich hinten an.» Den ganzen Nachmittag fand er keinen Platz am Strassenschachbrett vor dem Café Fédéral. Am nächsten Morgen stand Emad Madi als erster hinter den Holzfiguren und wartete auf einen Gegner. Dieser kam – und hatte nicht den Hauch einer Chance. Die Kenner unter den Zuschauern staunten, wie brillant der unbekannte Spieler die Figuren auf den 64 Feldern platzierte.
Die Geschichte vom Neuen aus Libyen machte unter den Schachspielern schnell die Runde. Von einmalig schönen Mattkombinationen war die Rede, von gewinnbringenden Figurenopfern wurde erzählt. Emad Madi musste nie mehr lange hinten anstehen. Wer gegen ihn spielte, erzählte den anderen später begeistert davon.
Im Nationalteam Libyens
Emad Madi sitzt im Restaurant Chez Edy an der Berner Front. Der 40-Jährige erzählt von seiner Kindheit in Tripolis. «Wir wohnten 500 Meter von der Residenz von Muammar al-Ghadhafi entfernt.» In Tripolis habe er auch die Schule besucht. Als 7-Jähriger spielte er zum ersten Mal Schach. Doch richtig gepackt habe das königliche Spiel ihn erst, als er 21 war. Er erhielt ein Buch voller Partien von Grossmeistern. «Ich schloss mich mit dem Buch drei Tage im Zimmer ein und saugte die Spielzüge in mich auf.»
Von da an nahm er an Schachturnieren teil. Zuerst in Tripolis, später in ganz Libyen. Sein Talent brachte ihn bis in die Nationalmannschaft. «2006 trat ich für Libyen an der Schacholympiade in Turin an.» An diesem Turnier gewann er 60 Prozent seiner Partien.
Im Jahr 2007 musste Emad Madi seine Schachkarriere beenden. Gemäss eigenen Aussagen fehlten ihm gute Beziehungen zum Ghadhafi-Clan. Und ohne diese Beziehungen habe man in Libyen ums Überleben kämpfen müssen. «Ich arbeitete als Lagerist und hatte keine Zeit mehr fürs Schachspielen.» Das hat sich 2010 geändert. «Durch einen glücklichen Zufall wurde ich Nachwuchscoach eines Schachklubs in Tripolis.»
Flucht vor dem Bürgerkrieg
Dann kam die Revolution des libyschen Volks. Im Februar gingen erstmals Leute auf die Strasse und protestierten gegen die Unterdrückung durchs Ghadhafi-Regime. Die Aufständischen waren zwar weit weg von Tripolis. «Doch von diesem Tag an lebte ich in ständiger Angst», sagt Emad Madi. Alle Männer zwischen 20 und 40 hätten täglich damit rechnen müssen, dass Ghadhafi sie für den Krieg gegen die Rebellen einziehe. «Ich könnte nie auf einen anderen Libyer schiessen. Eher würde ich mich selber erschiessen lassen», sagt Emad Madi.
«Ghadhafis Truppen schossen mit Fliegerabwehrraketen auf Rebellen. Durch dieses brutale Vorgehen wollten sie besonders abschreckend wirken», erzählt Emad Madi. Weil er selber während seines Armeedienstes im Abfeuern von Fliegerabwehrraketen ausgebildet worden war, sei er besonders für einen Einzug in die Streitkräfte gefährdet gewesen, sagt er. Deshalb entschloss er sich zur Flucht.
Tritt für den Schachklub an
Via Tunesien, Italien und Zürich landete Emad Madi schliesslich im Durchgangszentrum Enggistein in der Nähe von Worb. Bei einem Spaziergang durch die Stadt Bern traf er auf die Schachspieler beim Bärenplatz – wo er sich im Nu in deren Herzen spielte. Auch der Schachklub Bern wurde auf sein Können aufmerksam. «Bei seinem ersten Klubbesuch hat er alle Partien gewonnen», erzählt Klubmitglied Herbert Bornand (63). «Natürlich haben wir ihn sofort beim Schachverband angemeldet.» Heute Nachmittag spielt Emad Madi beim wichtigen Auswärtsspiel in Zürich am ersten Brett für den Schachklub Bern. «Wenn Emad endlich ohne Sorgen leben und trainieren könnte, würde er mehr als 2300 Elopunkte erreichen», ist Herbert Bornand überzeugt. In der Schweiz ist das Spitzenniveau.
Gefragt nach seinen Träumen antwortet Emad Madi: «Ich möchte in Bern bleiben – die Schachspieler hier haben mich aufgenommen wie eine zweite Familie.» Er komme beinahe jeden Nachmittag an den Bärenplatz. «Hier vergesse ich meine Sorgen.» Er hofft, dass die Libyer in ihrer Heimat irgendwann genauso frei Leben dürfen, wie die Menschen hier in Bern. (Berner Zeitung)
Erstellt: 24.09.2011, 10:01 Uhr
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7 Kommentare
auch wenn der mann sympa und sicher anders sein mag als der grossteil seiner geflüchteten landsleute, ist und bleibt er ein wirtschaftsflüchtling. da er über italien in die schweiz eingereist ist, gilt ja das dublin abkommen also wird italien entscheiden müssen. er hatte einen job, der nun wohl jemand anderes macht, sein pech und das glück eines andern. berlusconi hat sicher freude an ihm. Antworten
Huch, ein Fremder, der den Schweizern das logische Vorausdenken um 10-15 Züge im Voraus beibringen könnte. Das ist eine ganz gefährliche Situation! Schaffen wir ihn aus, denn er spielt Krieg auf dem Brett, das ist zu bedrohlich für unsere intakte Heimat... Antworten
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