Fiese Gehirnwäsche im Löwen-Säli statt frohes Shoppen im Westside
Von Jürg Spori. Aktualisiert am 10.03.2011 19 Kommentare
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Wirte und Carunternehmen
Die Organisatoren der Werbefahrt vom letzten Montag zockten nicht nur ihre Kunden ab, sondern nützen auch Wirte und Transportunternehmen aus. Die 30 Mittagessen und Getränke waren am Montag im sonst fast leeren Löwen in Lindenholz für die Wirtin ein willkommener Zustupf. Sie musste sich strikte an die Anweisungen der Organisatoren halten. So durften die Gäste nicht bezahlen, bevor die Verkaufsveranstaltung vorbei war.
Auch ein Badener Transportunternehmer, welcher die 26 Teilnemenden erst nach Leimiswil, dann ins Westside brachte und später schliesslich bis nach Seftigen heimfuhr, stellte seinen Car zu Dumpingpreisen zur Verfügung. Weil er am nächsten Tag im Aaretal wieder Kunden einsammeln müsse, schlafe er bei einem Freund in der Nähe von Münsingen, erzählte er. Wegen den tiefen Margen könne er kein Hotel bezahlen. Und eine Leerfahrt zurück nach Baden und am morgen wieder ins Aaretal belaste das Budget des Unternehmens zu stark. «Am teuersten ist es aber immer noch, wenn die Cars stillstehen. Nur deshalb mache ich diese Fahrten.» jsp
Philipp Löw – Der Mann im Hintergrund
Ob Olympia-Touristik, Silber-Reisen, Genial-Reisen, Arriva-Reisen, Zervertis AG, Swiss Media AG, Jasmin-Touristik, Möven-Touristik oder Delta Vital AG: Hinter all diesen Firmen, welche Abzockerfahrten organisieren, steckt derselbe Geschäftsmann: Philipp Löw aus Oetwil an der Limmat führt ein undurchsichtiges Konglomerat von Firmen, welche alle paar Wochen ihren Namen ändern.
Die ständigen Häutungen seiner Firmen, die er in letzter Zeit nicht einmal mehr ins Handelregister eintragen liess, bezwecken zweierlei: Einerseits den Dutzenden von Betreibungen geprellter Kunden zu entgehen, welche defekte oder nutzlose Ware retournieren wollten; andererseits die Anprangerung durch Medien, Konsumentenschützern und die Lauterkeitskommission der Werbebranche auszuhebeln.
Löw operiert mit Firmen wie Euro plus24, Förderverein Elsass und Kaiserplus-Reisen auch im grenznahen Ausland. Dort muss Löw allerdings besser aufpassen: Sein deutscher Geschäftspartner Peter Schwarze wurde wegen Betrugs zu vier Jahren Haft verurteilt und mit einem Berufsverbot belegt, und in Österreich stoppte die Polizei zwei Abzockerfahrten von Löws Firma Euro plus 24. azu
Juristische Situation
Am Dienstag hat der Nationalrat der Revision des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb deutlich zugestimmt. «Damit können wir gegen falsche Gewinnversprechen künftig härter vorgehen», sagt Sara Stalder. Für die Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) ist wichtig, dass sich Teilnehmende an solchen Werbefahrten nicht über den Tisch ziehen lassen. «Doch mir ist auch klar, dass dies unter der Manipulationskraft der cleveren Verkäufer und unter dem Gruppendruck nicht immer einfach ist.» Die Konsumentenschützerin rät deshalb: «Auf keinen Fall unterschreiben und schon gar nichts bezahlen – auch keine Anzahlung leisten, denn dieses Geld ist verloren .» Bei einem unterschriebenen Kaufvertrag gebe es noch eher Möglichkeiten auszusteigen. Für Stalder ist momentan ein gerichtliches Vorgehen gegen Organisatoren von Abzockerfahrten chancenlos: «Die Beträge sind zu tief für einen Gerichtsfall und der Tatbestand noch nicht unlauter.»
Anders sieht die Situation im Ausland aus: So wurde der Deutsche Peter Schwarze, der auch hierzulande im Abzocker-Geschäft mitmischelt, in seiner Heimat wegen Betrugs zu vier Jahren Haft verurteilt. Zudem erhielt er ein Berufsverbot für das Gebiet der Werbefahrten. In Österreich löste die Polizei jüngst zwei Werbefahrten von Euro plus 24 kurzerhand auf. jsp/azu
Die SKS steht Geprellten mit Rat zur Verfügung: Telefon 031 370'24'24, info@konsumentenschtz.ch
Die Freude der 66-jährigen Esther A.* aus Muri war gross, als ihr die Firma Olympia-Touristik einen Gewinn von 2000 Franken versprach. Auf einer «traumhaft schönen Ausflugsfahrt» mit Besuch im Westside werde der Preis ausbezahlt – «garantiert in bar». Identische Gewinnversprechen verbunden mit mindestens drei Carreisen ins Westside hatten in den letzten Wochen Dutzende Haushalte in der Region Bern erhalten.
Am letzten Montag um 7 Uhr steigt Esther A. in Muri in den «Solutions Tour-Car». Bereits an Bord: zwei Dutzend andere Glücksfahrer, die vorher in Seftigen, Kirchdorf und Wichtrach abgeholt wurden.
Ins Säli im Niemandsland
Doch der Bus fährt nicht wie versprochen ins 9 Kilometer nahe Westside, sondern gegen 40 Kilometer weit über Kirchberg, Oeschberg nach Leimiswil bei Langenthal. Um 8.15 Uhr stoppt der Car vor dem Löwen Lindenholz. Dort taucht ein Mann auf, der sich Martin nennt. In geschliffenem Hochdeutsch begrüsst er seine Gäste, und scheucht sie ins Säli. Die Wirtin tischt wässrigen Kaffee auf.
Vorne auf der Bühne gibt Norbert den Ton an: «Ich werde heute einige von Ihnen beschenken – doch nicht alle werden zu den Glücklichen gehören», sagt er über sein Freisprech-Mikrofon. «Wer mir nicht zuhört oder draussen rauchen oder telefonieren geht, der geht leer aus.» Das aufkommende Gemurmel unter den Glücksfahrern unterbricht er mit einem scharfen Zischen und fordert Aufmerksamkeit.
Lebensverlängernde Decken
«Sie wollen doch gesund bleiben, dafür biete ich Ihnen eine Weltneuheit an, Bio-Magnetfeld-Decken in allen Varianten, die das Leben verlängern.» Wer die Kraft der Magnetfelder zur besseren Blutzirkulation nicht nutze, der werde krank. Dann zieht er über die Ärzte her, welche nur «Pillen verschreiben» und so die Menschen vergiften. «Stimmts?», ruft er suggestiv ins Säli. Die meisten Glücksfahrer nicken murmelnd. «Also, ich wusste doch, dass wir uns einig sind», säuselt Norbert. Doch die Bettdecken hätten halt ihren Preis von 3300 Franken, schliesslich sei die Gesundheit etwas wert. «Also, wollen Sie krank werden, ja sogar sterben oder unsere Magnetfelddecke kaufen?», schüchtert er die Männer und Frauen ein. «Sie werden es bereuen, wenn Sie die Kraft der Magneten nicht nutzen!»
Einer mitgereisten Frau wird es nach dem über zwei Stunden langen Bombardement von Norbert schwindlig; sie verlangt Wasser. Die Frau droht vom Stuhl zu kippen. Norbert ignoriert den Schwächeanfall. Schliesslich sorgt sich eine Tischnachbarin um die Frau.
Um 12 Uhr ist das versprochene Mittagessen nicht in Sicht. «Die Küche ist noch nicht so weit», verkündet Norbert. «Bis das feine Essen kommt, mache ich Ihnen ein einmaliges Angebot, Sie können die Bettdecke zum sensationellen Preis von 2495 statt für 3300 Franken erwerben», ruft Norbert. Keiner reagiert. Norbert redet den Leuten ins Gewissen: «Wo bleibt denn Ihre Fairness, schliesslich haben wir die Carfahrt mit dem Essen gratis offeriert.» Und wieder bleibt es im Löwen-Säli still. «Ich bin ein anständiger, fairer Mensch, deshalb erwarte ich von Ihnen das Gleiche», sagte Norbert. Einige der Männer und Frauen ducken sich, doch keiner will kaufen. Dann macht der Verkäufer ein weiteres Angebot: «Sie bekommen zwei Bettdecken für den gleichen Preis.» So klopft er eine Frau weich, welche bei diesem Angebot zugreift. Damit ist der Bann gebrochen: Vier weitere Frauen kaufen die Decken. Innert weniger Minuten sind über 10000 Franken in der Kasse. Jetzt kündet Norbert das Essen an. Vorher verramscht er noch 20 Magnetstuhldecken für 89 Franken.
Um 13.30 Uhr wird Rindsgeschnetzeltes mit Teigwaren und verkochten Bohnen serviert. Kaum ist der letzte Bissen weg, taucht Martin auf. Er schmiert sich Dreck ans weisse Hemd, gibt ein Reinigungsmittel drauf, und im Nu ist das Hemd wieder weiss. Er verkauft ein Dutzend Flaschen für je 124 Franken. Danach kommt es im Säli zu einer Verlosung eines Fernsehgerätes. Jetzt fordert Esther A. aus Muri die im Brief versprochenen 2000 Franken ein. «Tut mir leid, Sie waren auf dem Brief nur nominiert», behauptet Martin dreist, obwohl die Einladung eine Barauszahlung versprach.
Nach zehn Stunden am Ziel
Zum Abschluss der Abzockerfahrt werden in den zwei Stunden noch Reisen, zum Beispiel nach Salzburg oder Paris, für circa 200 Franken angedreht. Nach acht Stunden dürfen die Gäste das Löwen-Säli endlich verlassen. «Das war ja Halbgefangenschaft» stöhnt Esther A. Um 16.15 Uhr fährt der Car über Burgdorf ins Westside. Um 17.15 Uhr steigen die Glücksfahrer dort müde aus. Die meisten gönnen sich während des kurzen Aufenthalts im Migros-Restaurant einen Kaffee. Fürs Shoppen fehlen Zeit, Kraft und Geld. Bevor der Chauffeur um 18 Uhr zur Heimfahrt startet, teilt er den 26 Passagieren ein «Subito»-Swisslos aus. Auf der Berner Stadttangente bleibt der Car im Stau stecken.
Um 19 Uhr steigt Esther A. nach einer zwölf Stunde langen Reise in Muri aus. Chauffeur Fredi überreicht ihr in einem Plastiksack das versprochen Geschenk: Ein Pack Spaghetti, je eine Tüte Orangensaft und Tomatenpurée sowie ein Büchse Ananas.
*Name der Redaktion bekannt (Berner Zeitung)
Erstellt: 10.03.2011, 13:00 Uhr
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19 Kommentare
Solange wir eine bürgerliche Parlamentsmehrheit haben, für die unter dem Deckmäntelchen "unternehmerische Freiheit" der Gaunerschutz wichtiger ist als der Konsumentenschutz, werden solche Werbefahrte weiter angeboten und die Leute nach Strich und Faden betrogen. Was muss das für eine jämmerlich Beiz sein, die mit solchen Leute zusammenarbeitet muss um sich über Wasser zu halten? Antworten
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