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Exodus: Bei Thalia läuft Personal davon
Von Philippe Müller. Aktualisiert am 13.11.2009 15 Kommentare
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Eine Kündigung im Mai, zwei im Juni, drei im Juli, weitere fünf im August und zuletzt drei Ende Oktober: In der Berner Thalia-Filiale im Loeb kündigten innerhalb der letzten sechs Monate 14 Angestellte ihren Job. «Das hat es so noch nie gegeben, dieses Phänomen ist in dieser Grössenordnung absolut neu», sagt ein ehemaliger Mitarbeiter der Buchhandlung, der ebenfalls gekündigt hat und in Erwartung heftiger Reaktionen der Thalia-Geschäftsleitung anonym bleiben möchte. 14 von 96 Angestellten – das entspricht einer Fluktuationsrate von fast 15 Prozent.
Auch in den Stauffacher-Filialen in der Stadt Bern und in Schönbühl, die ebenfalls zur Thalia-Gruppe gehören, haben zwischen August und Oktober zehn Mitarbeiter gekündigt. «Die Stimmung war noch nie so schlecht wie jetzt», sagt eine Angestellte.
Diese Zeitung hat mit mehreren der Betroffenen gesprochen. Der Auslöser dafür, in einer Zeit, in der der Buchhandelsmarkt nahezu ausgetrocknet ist, freiwillig eine Stelle aufzugeben, ist bei praktisch allen derselbe: Die Rede ist primär von Missstimmung, Druck von oben und schlechter Bezahlung.
Thalia zahlt schlechter
«Ich sah bei Thalia schlicht keine finanzielle Perspektive», sagt eine ehemalige Mitarbeiterin. Eine andere steuert konkrete Zahlen bei. Diese untermauern den Vorwurf der Gewerkschaft Comedia, Thalia bezahle ihre Angestellten bedeutend schlechter als beispielsweise die beiden anderen grossen Schweizer Buchhandlungen Orell-Füssli oder Lüthy: Die Angestellte verdiente bei Thalia zuletzt 4100 Franken brutto im Monat. Dies notabene mit 20 Jahren Berufserfahrung und einer abgeschlossenen Ausbildung als Buchhändlerin. So viel Lohn erhält eine Buchhändlerin bei Orell-Füssli oder Lüthy gemäss dritter Lohnstufe des Gesamtarbeitsvertrags (GAV) bereits ab dem vierten Praxisjahr.
Es gilt das Leistungsprimat
Und genau das ist der springende Punkt: Weil Thalia nicht dem Schweizer Buchhändler- und Verlegerverband (SBVV) angehört, muss sich der Konzern auch nicht an die Lohnbestimmungen des GAV halten. Zwar respektiert Thalia die beiden unteren im GAV definierten Lohnstufen und bezahlt ungelernten Angestellten 3600 Franken, und Buchhändlern direkt nach der Lehre 3800 Franken im Monat.
Danach gestaltet Thalia die Löhne allerdings nach Gutdünken – und steht dazu: «Wir wollen unsere unternehmerische Freiheit nicht aufgeben und halten uns bewusst nicht an die dritte Lohnstufe des Gesamtarbeitsvertrags», sagt Pascal Schneebeli, Geschäftsführer von Thalia Schweiz. «Bei uns gilt das Leistungsprimat.» Lohnerhöhungen würden nicht nach dem «Giesskannenprinzip» verteilt, sondern an jene Mitarbeiter, die es verdienten.
«Normale Fluktuation»
Schneebeli ist aber überzeugt: «Was unsere Gesamtentlöhnung betrifft, brauchen wir uns nicht zu verstecken.» Für ihn ist auch die Kündigungswelle in den Berner Thalia-Filialen nichts Aussergewöhnliches. «In einem Unternehmen unserer Grösse entspricht dies einer normalen Fluktuationsrate.»
15 «Frust»-Kündigungen
Zudem hätten von den 14 Angestellten der Loeb-Filiale nur vier aus Frust und Unzufriedenheit gekündigt. «Bei den anderen standen persönliche Gründe im Vordergrund», sagt Schneebeli.
Recherchen dieser Zeitung fördern jedoch ein anderes Bild zu Tage: Von gut informierter Quelle war zu erfahren, dass mindestens 11 Mitarbeiter auf Grund ihrer Unzufriedenheit am Arbeitsplatz gekündigt hätten. «Gegenüber dem Konzern geben das natürlich nicht alle zu.» Dazu kommen noch mindestens vier Angestellte von Stauffacher, die ebenfalls aus Frust abgesprungen sind.
Burnout-Symptome
Das Personal fühlt sich dem Vernehmen nach von Thalia immer stärker kontrolliert. Harsche Kritik wird am neuen Zeiterfassungssystem von Thalia laut. «Ist ein Mitarbeiter fünf Minuten vor Arbeitsbeginn in der Filiale, wird ihm das nicht gutgeschrieben», sagt eine Mitarbeiterin. «Loggt er sich allerdings eine einzige Sekunde zu spät ein, wird ihm eine ganze Minute von der Arbeitszeit abgezogen.»
Schneebeli bestätigt diese Vorwürfe, wenn auch nur teilweise: «Wenn der Einsatzplan einen Arbeitseinsatz zum Beispiel ab 9 Uhr vorsieht, wird ein früheres Stempeln nicht akzeptiert. Das heisst, der Arbeitseinsatz hat zu den Zeiten zu erfolgen, die im Einsatzplan festgehalten sind. Wenn ein Mitarbeiter statt um 9 Uhr erst um 9.03 mit der Arbeit beginnt, wird auch erst ab 9.03 gerechnet.»
«Die Wertschätzung gegenüber den Angestellten sinkt ständig», sagt Danièle Lenzin von der Gewerkschaft Comedia. «So wurde beispielsweise auch das Weihnachtsessen gestrichen.»
Es werde immer mehr verlangt, und nichts komme zurück. Nicht zuletzt deshalb, so Lenzin, seien in der Vergangenheit gleich mehrere Mitarbeiter von Thalia aus psychischen Gründen krankgeschrieben worden. «Sie waren und sind meines Wissens nur teilweise oder gar nicht arbeitsfähig», so Lenzin. (Berner Zeitung)
Erstellt: 13.11.2009, 10:15 Uhr
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15 KOMMENTARE
Zum Kommentar von D. Berger, richtig ist: Seit August haben 3 Cafékolleginnen Thalia verlassen; eine Kollegin ist pensioniert worden, eine Kollegin hat mit mir zusammen gekündigt. 3 von 8 Kolleginnen - das geht ja noch? Innert dreier Monate sind 60% aller Arbeitsstunden des Cafés frei geworden - so betrachtet sieht die Situation ein wenig anders aus. JB, Leiterin Event-Café bis Ende Oktober
Fluktuationsraten sind immer relativ zu sehen. Man sollte aber schon Gleiches mit Gleichem vergleichen. Offenbar sind in den 15 Kündigungen auch 5 Angestellte vom Café enthalten. Dieses wurde von Thalia an einen externen Betreiber übergeben. Dass übrigens diese Angestellten unter dem neuen Betreiber weniger vorteilhafte Anstellungsbedinungen erhalten, wird mit keinem Wort erwähnt.
Dass sich Angestellte beklagen, dass ihnen die Zeit nicht vergütet wird wenn sie 5 Min. vor Arbeitsbeginn stempeln bezw. 1 Min. abgezogen wird wenn sie eine Sek. zu spät kämen finde ich gelinde gesagt peinlich. In vielen Dienstleistungsbetrieben gilt: das Personal ist 5 Min. vor Arbeitsbeginn am Arbeitsplatz bereit,(bevor die ersten Kunden eintreffen), zu spät stempeln wird mit -15 Min. geahndet
Da waren wohl 2-3 Mitarbeiter unzufrieden und haben alle anderen "angesteckt", ich nenne das Gruppendruck. Die genannten Gründen sind unsinnig (kein Weihnachtsessen, gemeine Zeituhr). Bei solchen Mitarbeiterin würde mir die Galle hochkommen. Fakt ist, dass viele Leute nicht wissen wie gut wir es in der Schweiz haben.
Der Herr von Thalia meint wohl "Leistungslohn", "Leistungsprimat" ist ein Fachbegriff aus dem Bereich der beruflichen Vorsorge! Er sollte dem, was er von seinen Angestellten verlangt, vielleicht zuerst einmal den richtigen Namen geben! Nicht ganz unschuldig an dem Kostendruck im Buchhandel sind wir jedoch alle, da wir halt unsere Bücher zunehmend im Internet bestellen.
Das Bild *Kasse nicht besetzt* kommt mir bekannt vor. Letzthin legte ich eben aus diesem Grunde das Buch, welches ich eigentlich kaufen wollte, wieder in's Regal zurück, um meinen Zug nicht zu verpassen. Dies, weil mir die Schlange an der Hauptkasse mit etwelchen Suchproblemen und Rechnungsstellungen einfach zu lange war. Schade eigentlich für das sonst übersichtliche und gut gelegene Geschäft.
Grosskonzerne sind ein riesiger Viehstall, der nicht so leicht wie der des Augias gereinigt werden kann - WEIL - während gefegt wird, die grossen Ochsen drinbleiben...und immer neuen Mist anhäufen !! (dies natürlich zulasten des Kleinviehs...) Abgeänderter Ausspruch von Heinrich Heine
Das ist ja kaum zu glauben, diese Leute sollten mal im Verkauf oder Gastgewerbe arbeiten. Ersten verdient man da noch weniger und wegen dem Stempeln, wie würden die Personen wohl handeln wenn sie selber ein Geschäft haben. Der Lohn ist für die geleistete Arbeit = Anwesenheit oder was denkt ihr?
Das ist ja kaum zu glauben, diese Leute sollten mal im Verkauf oder Gastgewerbe arbeiten. Ersten verdient man da noch weniger und wegen dem Stempeln, wie würden die Personen wohl handeln wenn sie selber ein Geschäft haben. Der Lohn ist für die geleistete Arbeit = Anwesenheit oder was denkt ihr?
Wir sind schon Lange keine Verkeufer als Person,sondern Verkeufer mit Nummer. So wird das Persönliche immer weiter in den Hintergrund gestellt. Und in der heutigen lage wird es leider auch nicht besser eher schlechter. Herr 11566
4'100 Franken im Verkauf ist ein guter Lohn. Arbeite selbst als Verkäufer und weis von einer kollegin, die bei Thalia arbeitet, dass dort viele Zusatzleistungen bezhalt sind, von denen andere im Detailhandel nur träumen. Aber Service im Laden ist schon lange ganz schlecht und arrogant, auch noch als der Laden Jägi hiess. Zum Glück gibts die Alternative im neuen Einkaufscenter west side.
Normale Fluktuation? Das ich nicht lache... mit der genau gleichen Ausrede hat die Führungsspitze meines ehemaligen Arbeitgebers die vielen Kündigungen begründet. Arbeitsbedinungen waren aber miserabel, Lohn viel zu tief und auch sonst stimmte es nicht. Seit Jäggi zu Thalia wurde, ist dieser Laden nicht mehr der gleiche. Zum Glück gibts noch den Stauffacher (auch wen er zur gleichen Gruppe gehört)
Bin reger Kunde bei Thalia, ich muss sagen, dass der Service und die Kundenfreundlichkeit Massiv abgenommen habe..Leider...
Ja, richtig so, finde ich auch. Aber aus einem anderen Grund. Die letzten male in diesem Laden waren der Horror. Einmal musste ich mich sogar entschuldigen weil ich an der Kasse bei einer Dame die gerade mit smalltalk mit einer Kollegin beschäftigt war etwas bezahlen wollte. Lausiger Kundendienst, vielleicht hatte ich aber einfach auch nur Pech...
Richtig so, dass die Leute gekündigt haben. Denen gönne ich sogar auch noch deren Arbeitslosengeld. So einen Laden gehört boykottiert.
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