Region

Erster Velokurs für Migranten

Von Katharina Merkle. Aktualisiert am 19.08.2010

Sie hatten sich geschämt wie Analphabeten. Und gestern allen Mut zusammengenommen: Neun Frauen und ein Mann setzten sich in Ostermundigen zum ersten Mal in ihrem Leben auf einen Velosattel. Der Kurs ist eine Premiere.

Selbst diese alten Velos sind Respekt einflössend, wenn man nicht Fahrrad fahren kann. Auf dem  Pausenplatz steigt  Velofahrlehrerin Gabriella Bolliger  daher sanft mit der Theorie ein. Eugenio Gomollon, Marcia Boss und Blanca Richard hören aufmerksam zu (von links).

Selbst diese alten Velos sind Respekt einflössend, wenn man nicht Fahrrad fahren kann. Auf dem Pausenplatz steigt Velofahrlehrerin Gabriella Bolliger daher sanft mit der Theorie ein. Eugenio Gomollon, Marcia Boss und Blanca Richard hören aufmerksam zu (von links).
Bild: Urs Baumann

Anmeldung

Frauen und Männer können noch in den Kurs einsteigen. Er kostet 60 Franken. Anmeldung: Pro Velo Bern (031 3185410, info@provelobern.ch oder bei Ostermundigen (031 9301130, hochbau@ostermundigen.ch). Wer ein eher kleines, fahrtüchtiges Velo gratis abzugeben hat, meldet sich bei Pro Velo.

Es geht um die Balance. Darum, im richtigen Moment zu schalten, zu bremsen, zu treten. Den Schilderwald, die Strasse, die anderen Leute im Visier zu haben. Kurz: Velofahren ist für die, die es lernen müssen, ein Hochleistungssport. Dies war am Mittwochnachmittag beim Schulhaus Bernstrasse in Ostermundigen deutlich zu spüren. Zehn im Ausland Geborene und in der Region Bern Wohnhafte wagten sich auf den Sattel. Zum ersten Mal in ihrem Leben.

An dieser ersten von sechs Lektionen traten sie daher noch nicht in die Pedale. Stattdessen machten sie auf dem verkehrstechnisch harmlosen Pausenplatz mit den drei Velofahrlehrerinnen Gleichgewichtsübungen: Auf einem Bein stehen und in die Knie gehen, aufs Velo sitzen und mit den Beinen auf dem Boden angeben. Schön langsam, links, rechts, beidseitig. An den nächsten fünf Mittwochen werden sie weiter geduldig an ihrer Fahrtechnik feilen.

Velo ist kein Statussymbol

Ein Minimalziel gibt es nicht. Für Geschäftsführerin Anita Wenger von Pro Velo Bern ist klar: Es wird noch lange dauern, bis sich ihre Schülerinnen auf die Strasse wagen können. Die meisten Schweizerinnen und Schweizer haben das Velofahren dagegen im Blut. Die Eltern bringen es ihnen bei, bei jedem Wachstumsschub gibts ein neues, grösseres Velo. Diese Tradition kennen viele Migrantinnen und Migranten, die ausserhalb Mitteleuropas aufgewachsen sind, nicht (siehe unten). Manche von ihnen lernen den Balanceakt auf dem Drahtesel erst als Erwachsene kennen, manche gar nie.

Gerade weil Velofahren hierzulande so selbstverständlich ist wie Lesen und Schreiben, gibt es eine Angebotslücke. Diese schliessen Pro Velo Bern und die Gemeinde Ostermundigen nun mit dem Erwachsenenkurs. Mit dem Pilotkurs, der bis am 22.September dauert, sammeln sie Erfahrungen. Eine erste Erkenntnis: «Wir brauchen mehr kleine Velos», sagt Anita Wenger. Grosse Frauen kamen keine, und nur ein Mann. «Eventuell schämen sich Männer eher als Frauen», spekuliert Wenger. Zudem: Auch bei Ausländern haben mehr Männer den Führerschein als Frauen, und das Velo gilt nicht als Statussymbol.

Nur eine Einheimische

Durch die Kurse in Ostermundigen vergrössern die Frauen ihren Radius, und sie lernen ihre Wohngemeinde besser kennen. Bei ihren ersten Versuchen auf dem Velo lassen sie sich aber offenbar nicht gerne von den Nachbarn beobachten. So war gestern nur eine Einheimische dabei, alle anderen reisten von auswärts nach Ostermundigen. Ob sich die Gemeinde deswegen am Ende aus dem Engagement zurückzieht, lässt Gemeindepräsident Christian Zahler (SP) offen.

Ein Ziel wurde gestern bereits von der Praxis überrollt. Pro Velo wollte mit dem Kurs auch den Velonachwuchs sichern. Die Theorie: Bringen die Migrantinnen nach dem Kurs auch ihren Sprösslingen das Velofahren bei, können diese später eigenständig zur Schule oder zum Fussballverein radeln, anstatt mit dem Auto hinchauffiert zu werden. Tatsächlich ist das Durchschnittsalter der Teilnehmerinnen aber über 40, und ihre hier aufgewachsenen Töchter und Söhne konnten schon lange vor ihren Müttern Velofahren.

Jeans, nicht Burka

Wie fährt eine Burkaträgerin Velo? Diese Frage taucht immer wieder auf. Eine Antwort liefert der Kurs in Ostermundigen nicht: Alle Frauen tragen Jeans. Und die meisten von ihnen sind Katholikinnen. Neben vier Südamerikanerinnen waren Frauen aus Äthiopien, Aserbaidschan, Bangladesh und Osteuropa dabei. Der Mann ist ein Rubiger mit spanischen Wurzeln. Vielleicht ist die Hürde für orthodoxe Musliminnen doch zu hoch. Selbst ein eigens auf sie zugeschnittener Sportkurs des Islamischen Zentralrates in Wabern musste im Juni mangels Teilnehmerinnen abgesagt werden (wir berichteten).

Vorerst gilt der Velokurs als Pilotprojekt. Ziel ist es, damit auch andere Gemeinden anzusprechen. Je nach Verlauf und Nachfrage werden die Kurse im Frühling wiederholt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.08.2010, 08:38 Uhr

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