Ein neuer Stadtteil im «Bremer» ist machbar
Von Hannah Einhaus. Aktualisiert am 22.06.2011 15 Kommentare
Keinen besseren Standort
Aus raumplanerischer Sicht gilt die «Waldstadt Bremer» als modellhafter Entwurf für die Hauptstadtregion. Urbanist Josef Estermann schlägt hohe Töne an.
Nach jahrelangem Rückgang strebt die Stadt Bern ein Bevölkerungswachstum von heute 130000 auf 140000 Einwohnerinnen und Einwohner im Jahr 2020 an. Dies bedingt den Bau von rund 9000 neuen Wohnungen. Die «Waldstadt Bremer» kann aus Sicht des Fördervereins einen entscheidenden Beitrag an eine konzentrierte Siedlungsentwicklung der Region leisten. Sie soll dazu beitragen, die heutige Zersiedelung zu stoppen.
Für eine Stadterweiterung geniesst das Länggassquartier höchste Priorität, wie Josef Estermann, ehemaliger Stadtpräsident von Zürich und Urbanist, ausführte. Bern wachse wirtschaftlich am meisten im Bildungs- und Gesundheitssektor. Mit der Universität, Fachhochschulen, dem Inselspital und Alterseinrichtungen sei die Länggasse früher als andere Stadtteile betroffen. Entsprechend dazu brauche es auch bald mehr Wohn- und Arbeitsraum. Die «Waldstadt Bremer» würde bereits einen grossen Teil des angestrebten Ausdehnung der Stadt abdecken. Die Lage sei hervorragend: «Es gibt keinen besseren Standort als diesen», konstatierte Estermann. Für den alltäglichen Bedarf sei alles in der Nähe. Der Anschluss an den öffentlichen Verkehr, die kurzen Distanzen und die zentrale Lage würden der Zersiedelung wesentlich entgegenwirken. Von der «Waldstadt» aus ist die Innenstadt mit Bussen, Velo oder gar zu Fuss gut erreichbar. Der Bau in der Agglomeration im gleichen Umfang würde für die Stadt ein Mehrfaches an motorisiertem Individualverkehr bedeuten. Je zentraler das Gebiet, desto höher die Nachhaltigkeit. Dies ist laut Estermann jedoch verbunden mit verdichtetem Bauen. Eine «Waldstadt» für 9000 Einwohnerinnen und Einwohner sowie vielen Arbeitsplätzen bedinge hohe Gebäude.ein
Meinungen
Alec von Graffenried, grüner Nationalrat und Vorstandsmitglied im Förderverein Waldstadt Bremer: Statt Wald Stadt Bremer – wie kann sich ein Grüner dafür einsetzen? Als Junge war ich oft im «Bremer» unterwegs. Die Rodung für die Autobahn wurde zum Trauma meiner Jugend. Der übrig gebliebene Wald war danach nicht mehr derselbe. Ich finde immer noch, dass diese Bausünde behoben werden muss, indem die Autobahn überdeckt wird.
Alexander Tschäppät (SP), Stadtpräsident: Der bauliche Gegensatz zwischen Stadt und Land ist längst aufgehoben, der neue Allgemeinzustand ist die Agglomeration, und diese reicht, so weit das Auto fährt. Die Folge ist eine Zersiedelung des Landes. Deshalb ist es begrüssenswert, wenn sich jemand Gedanken macht, wie diese Zersiedelung gestoppt werden kann.
Franz Weibel, Forstwart der Grundeigentümerin Burgergemeinde Bern: Die Burgergemeinde will nicht zulasten von Wald Bauland generieren. Aber man soll tabufrei über die Stadtentwicklung nachdenken dürfen. Die Waldstadt unterstützen wir dann, wenn Politik und Bevölkerung sich dafür aussprechen. Zudem müssen Stadt und Kanton auf das Abschöpfen des Mehrwerts verzichten. Dieser soll zur Überdachung der Autobahn verwendet werden.
Mark Werren, Berner Stadtplaner: Das Vorhaben ist interessant und sehr prüfenswert. Kritisch ist für mich, wie ein Mehrwert für das bestehende Länggassquartier entstehen kann. Wie gelingt der Ausgleich bei dem zu erwartenden Mehrverkehr und dem bereits heute bestehenden Manko an Grünraum?
Pierre-Alain Rumley, ehemaliger Direktor des Bundesamts für Raumentwicklung: Man soll in der Raumentwicklung ein Projekt auch einmal ohne Tabu anschauen können. Die «Waldstadt Bremer» müsste allerdings eine Ausnahme bleiben. Das Risiko ist recht gross, dass plötzlich überall Projekte im Wald entstehen. Wichtig ist mir, dass sowohl die Bauzone wie auch der Wald anderswo kompensiert werden müssten.
Ursula Marti, SP-Stadträtin, Agglomerationskommission, Länggassbewohnerin: Bei der Güterabwägung zwischen Stadtentwicklung und Waldschutz sehe ich mehr Nachteile bei diesem Projekt. Die Quartiere brauchen Naherholungsgebiete wie Wälder. Man spricht von einer Ausnahme, doch ich befürchte ein Präjudiz. Der gute Anschluss an den öffentlichen Verkehr ist ökologisch sinnvoll. Ich zweifle aber daran, dass sich dieser Einschnitt lohnt.cab/ein
Der Bau eines ganzen Quartiers mit Wohnungen für 6000 bis 8000 Einwohner sowie 4000 Arbeitsplätzen ist am Rande des Bremgartenwalds machbar. Zu diesem Schluss kommt eine Studie im Auftrag des Fördervereins Waldstadt Bremer. Das Architekturbüro Bauart hat unter der Leitung von Peter Jakob untersucht, unter welchen Voraussetzungen zwischen der Länggasse und der Autobahn, auf dem Grund des heutigen Bremgartenwaldes, eine neue Siedlung entstehen kann. Pikant: Bauart hat nicht nur die Idee einer solchen «Waldstadt» lanciert, sondern gleich auch die Machbarkeitsstudie selbst durchgeführt.
«Modellhaftes Projekt»
Durch eine Überdachung der Autobahn soll mehr Grünfläche gewonnen und Platz für neue Wohnungen und Arbeitsplätze geschaffen werden. Ein zentraler Punkt für den Verein und die Planer ist die Nähe des vorgesehenen Quartiers zum Stadtzentrum. Mit dem öffentlichen Verkehr wäre ein solcher Stadtteil bestens erschlossen. Als «modellhaftes Projekt» bezeichnete denn auch Vereinspräsidentin und SP-Nationalrätin Ursula Wyss den Entwurf. «Damit kann verhindert werden, dass die Zersiedelung in der Agglomeration weiter voranschreitet.»
Um eines vorwegzunehmen: Bei der «Waldstadt» handelt es sich nicht um romantische Häuser zwischen Bäumen. Es handle sich genau genommen eher um eine «Stadt statt Wald», wie der grüne Nationalrat Alec von Graffenried an der gestrigen Medienkonferenz festhielt. Vielmehr wird der Waldabschnitt zwischen Länggasse und Autobahn abgerodet. Mit der Überdachung der Autobahn jedoch gewinnt die Stadt an Grünfläche. Die Waldteile sind wieder ohne Hindernis miteinander verbunden. Aus dem 42 Hektar umfassenden Gebiet entsteht so nicht nur ein neues Quartier, sondern auch ein neues Naherholungsgebiet.
Burger wollen verhandeln
Die Waldrodung und die Überdachung der Autobahn sowie deren Folgen für den Verkehr haben das Planungsbüro am stärksten beschäftigt. Das Abholzen der über 40 Hektare dürfe kein Präjudiz für andere Projekte werden, sondern ein klar abgegrenzter Einzelfall, betonte Projektleiter Peter Jakob von Bauart. Die Ausnahme bedinge wichtige objektive und raumplanerische Gründe. Nach ihrer Studie erfüllt die «Waldstadt» diese Kriterien. Die Burgergemeinde, Besitzerin der Stadtberner Wälder, ist denn auch bereit für Verhandlungen.
Für die Teilüberdachung der Autobahn rechnen die Planer mit Kosten von bis zu 400 Millionen Franken. Astra hält dies – auch bei einer Verbreiterung der Fahrspuren – für möglich.
Für den Leist ein «Unfug»
Die Idee eines neuen Stadtteils ist das eine. Da es sich um ein Waldstück handelt, stösst das Vorhaben auf Kritik, insbesondere bei der Quartierbevölkerung. In einer Umfrage des Länggass-Leists haben 92 Prozent die «Waldstadt» als «Unfug» bezeichnet. Mit der Überreichung der Studie an Stadtpräsident Alexander Tschäppät hat die Stadtplanung neue Hausaufgaben erhalten. (Berner Zeitung)
Erstellt: 22.06.2011, 06:53 Uhr
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15 Kommentare
Unfug ist ja nur der Vorname! Für ein Migrosprovisorium wehrt sich die SP mit Händen und Füssen, weil ein Erholungsgebiet vorübergehend abhanden kommt. Jedoch ein Bremer ist eine dauerhafte Entwendung eines Erholungsgebietes und Waldstückes einer viel breiteren Bevölkerung zu Handen einiger danach privilegierten. Antworten
Welchen ökologischen Wert hat der Wald zwischen Länggasse und Autobahn? Der geht gegen Null und schon nur deshalb finde ich das Projekt zumindest prüfenswert. Ich gratuliere den Initianten für ihren Mut und die Ausdauer, die es braucht, um ein solches Projekt weiter zu entwickeln. Antworten
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