Ostermundigen

Ein Polit-Dinosaurier sagt «Adieu»

OstermundigenMit Walter Bruderer tritt das amtsälteste und markanteste Mitglied des Grossen Gemeinderats zurück. Wenn ihn etwas stört, wird er sich aber auch in Zukunft zu Wort melden.

Walter Bruderer am Bahnhof: Er hofft, dass der echte Viertelstundentakt der S-Bahn irgendwann doch noch Tatsache wird.

Walter Bruderer am Bahnhof: Er hofft, dass der echte Viertelstundentakt der S-Bahn irgendwann doch noch Tatsache wird. Bild: Tanja Buchser

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Fragen vorbereiten wäre vor dem Gespräch mit Walter Bruderer nicht nötig gewesen. Kaum hat er Platz genommen, zieht er zwei dicht beschriebene A4-Seiten aus der Mappe. Darauf hat er alles festgehalten, was ihm und seinen Weggefährten vom Forum Ostermundigen – der Vereinigung der Parteilosen – wichtig ist. Und noch bevor die Kellnerin die Getränke bringt, ist der bald 74-Jährige voll in seinem Element. Er redet. Erklärt. Schweift manchmal ab. Und kommt mit einem «Item» wieder zurück auf das Wesentliche.

Wer sich in Ostermundigen auch nur minimal für lokale Politik interessiert, dem ist Walter Bruderer ein Begriff. Seit Jahren sitzt er im Grossen Gemeinderat (GGR). Wie viele es genau sind, weiss er nicht. «Solche Dinge interessieren mich nicht», sagt er, «mich interessiert die Sache, die ich vertrete.» Gesichert ist, dass Bruderer die Viertelsgemeinde Ostermundigen bereits vor 30 Jahren im GGR Bolligen vertrat. Nachdem Ostermundigen 1983 eigenständig wurde, wirkte er auch hier im GGR mit. 2000 musste er wegen Amtszeitbeschränkung aufhören, trat nach vier Jahren Pause aber wieder an. Auf Ende August hat er nun den definitiven Rücktritt eingereicht. Wegen des Gesundheitszustandes seiner Frau wolle und müsse er künftig öfter daheim sein, erklärt der zweifache Vater und Grossvater.

Siege und Niederlagen

An praktisch jeder Parlamentssitzung trat Walter Bruderer ans Rednerpult. Manchmal erntete er Kopfschütteln, doch regelmässig konnte er auch Mehrheiten gewinnen: Der Bus wurde bis auf die Rüti geführt. Am Schiessplatz vorbei entstand ein sicherer Schulweg. Oder im Steingrüebli dürfen keine Partys mit elektronisch verstärkter Musik stattfinden. Noch erfolglos dagegen blieb der Kampf für den echten Viertelstundentakt der S-Bahn oder für die Bahnstation Ostermundigen-Süd. Und noch nicht gefallen sind die Würfel beim Tram Region Bern. Hier fordert Bruderer auf der Rüti eine «problemlose Endstation für alle Anwohner», entweder mit einer unterirdischen Wendeschlaufe oder einem Zwei-Richtungen-Tram.

Walter Bruderer wohnt selber auf der Rüti. Von der «problemlosen Tramendstation» würde er ebenso profitieren wie vom 10er-Bus oder vom partyfreien Steingrüebli. «Natürlich habe ich auch Eigeninteressen vertreten», gibt er zu, «immer dienten die Anliegen aber auch der Allgemeinheit.»

Wegen der Migros

Doch was treibt diesen Mann an, der schon über 200 politische Beiträge in der «Bantiger-Post» geschrieben hat und auch nach seinem Rücktritt aus dem GGR weiterhin sagen will, wenn ihm etwas nicht passt? «Wissen Sie», antwortet Walter Bruderer, «ich komme aus einer relativ armen Familie.» Er wuchs im appenzellischen Bühler auf, sein Vater betreute den Bahnschalter auf der Schwägalp. Wenn er die Einnahmen nach St.Gallen zur Bank brachte, ging er gleich noch in der ersten Migros der Stadt vorbei. Denn dort konnte er zu erschwinglichen Preisen einkaufen. «So kam ich schon früh mit dem Namen Gottlieb Duttweiler in Kontakt», sagt Bruderer. «Wie Dutti für günstige Preise und gegen das Establishment kämpfte, hat mich beeindruckt.» Also trat er dem Landesring der Unabhängigen bei, hielt ihm bis zum Niedergang die Treue – und gründete als Nachfolgeorganisation das Forum Ostermundigen.

Ein Kämpfer – auch beruflich

Seit 45 Jahren lebt Walter Bruderer in der Berner Vorortsgemeinde. Der Beruf brachte ihn hierher: Er arbeitete sich bis in die Generaldirektion der PTT empor, wurde Sektionschef Bibliothek und Dokumentation. Die EDV-Lösungen, die er und seine Leute erarbeiteten, stellte er an Kongressen in diversen Ländern vor. Bei der Einführung des Branchenbuches habe er einmal drei Tage und zwei Nächte im Büro durchgearbeitet. Bis ihn seine Frau anrief und fragte: «Wann kommst du endlich wieder nach Hause?» (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.07.2012, 07:08 Uhr

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