Ein Mann für alle Steuerfälle

Von Mirjam Comtesse. Aktualisiert am 17.03.2010

Seit rund zwei Wochen vertritt der Berner Michael Ambühl die Interessen der Schweiz in internationalen Finanz- und Steuerfragen. Die Erwartungen sind gross: Ambühl gilt als «Wunderwaffe» der Schweizer Diplomatie.

Michael Ambühl

Michael Ambühl (Bild: Keystone)

Neues Staatssekretariat

Am 1.März hat das neue Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF) seine Arbeit aufgenommen. Es zählt gegen 40 Mitarbeitende und wird von Staatssekretär Michael Ambühl geleitet. Das Ziel ist es, die Schweizer Stellung in Finanz- und Steuerfragen gegenüber dem Ausland zu stärken. Das SIF untersteht direkt dem Vorsteher des Eidgenössischen Finanzdepartements (EFD) – momentan Bundesrat Hans- Rudolf Merz. Eine erste wichtige Aufgabe des SIF ist laut EFD die Umsetzung der bundesrätlichen Finanzmarktstrategie.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Bernerzeitung.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Michael Ambühl, frisch gekürter Staatssekretär für internationale Finanz- und Steuerfragen, ist kurz davor, im Berner Kultur-Casino einen Vortrag zu halten. In einer Minute soll er auf die Bühne. Doch der 58-jährige Berner beantwortet auch jetzt Fragen geduldig: «Herr Ambühl, wie sind Sie zum Verhandlungstalent geworden?» Die Strassenhändler in Indien hätten ihn während seiner Zeit bei der Botschaft in Neu Delhi beeindruckt: «Sie waren hart im Verhandeln, aber stets liebenswürdig», sprichts und verabschiedet sich freundlich – ohne Eile.

Hilfe für Bundesrat Merz

Sein Geschick hat der Diplomat auch schon in internationalen Sturmfronten mehrmals bewiesen: Vergangenes Jahr gelang es dem damaligen Staatssekretär beim Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA), den vorteilhaften UBS-Vergleich mit den USA im letzten Moment unter Dach und Fach zu bringen. Mario Fehr, Nationalrat (SP, ZH) und Mitglied der Aussenpolitischen Kommission, meint deshalb: «Die UBS sollte Ambühl zum Ehrenpräsidenten ernennen.» Ebenfalls viel Lob erhielt Ambühl als Chef-Unterhändler der bilateralen Abkommen II mit der Europäischen Union von 2001 bis 2004.

Entsprechend gross sind nun die Hoffnungen im Eidgenössischen Finanzdepartement (EFD). Seit dem 1.März greift Ambühl dort dem auf internationalem Parket nicht immer glücklich agierenden Finanzminister Hans-Rudolf Merz unter die Arme.

Diplomatie als Schachspiel

Die Karriere von Ambühl verlief geradlinig: Nach dem Eintritt in den diplomatischen Dienst 1982 wurde er 17 Jahre später zum Botschafter ernannt und noch im gleichen Jahr Chef des Integrationsbüros. In dieser EU-Abteilung musste er zugleich den Ansprüchen von Aussenministerin Micheline Calmy-Rey und denjenigen von Volkswirtschaftsministerin Doris Leuthard gerecht werden. Der Balanceakt gelang ihm. Von 2005 bis 2010 diente Ambühl dann als Staatssekretär im EDA. Die Nummer zwei hinter Micheline Calmy-Rey kam offenbar mit der nicht immer ganz einfachen Chefin gut zurecht.

Vielleicht half ihm dabei, dass er ein Spieler ist, der sich nicht in die Karten blicken lässt. Interessiert hört er seinem Gesprächspartner zu. Doch mehr Emotionen als eine Sorgenfalte auf der Stirn zeigt Ambühl nicht. «Man erkennt die Pfeile nicht, die er im Köcher hat», meint Christa Markwalder, Nationalrätin (FDP, BE) und Präsidentin der Aussenpolitischen Kommission: «Er tritt sehr bescheiden auf, das ist eine seiner grossen Stärken.»

Bei strategischen Überlegungen kommt Ambühl sein Studium an der ETH Zürich in Betriebswissenschaften und angewandter Mathematik zugute. Unter anderem beschäftigte er sich mit der Spieltheorie. «Das hilft natürlich zu verstehen, welche Handlungsoptionen das Gegenüber hat und welche Schritte es möglicherweise machen wird», sagt er.

Meisterhafter Manipulator

Ambühl ist verheiratet und hat einen Sohn. Nutzt er seine Fähigkeiten auch, um sich in der eigenen Familie durchzusetzen? Er lacht. «Natürlich gibt es in einer Familie einiges zu verhandeln, zum Beispiel, wenn es um das Ferienziel geht.» Er kommt ins Plaudern und über dem vertraulichen Ton vergisst man ganz, dass er gar keine Antwort gegeben hat. Der Diplomat weicht direkten Fragen so geschickt aus und leitet das Gespräch so unbemerkt in neue Bahnen, dass er nie distanziert oder abweisend wirkt, auch wenn er die Auskunft verweigert. Offensichtlich ist er ein gewiefter Gesprächspartner: «Man muss immer versuchen, herauszuspüren, was der andere meint und was sein Ziel ist», erklärt Ambühl. Dann seien Kompromisse möglich.

Keine Position zur EU-Frage

Als Diplomat durch und durch bezieht Ambühl kaum persönlich Stellung – auch in der Europafrage nicht. Dazu sagt er bloss: «Die Schweiz muss ihr Verhältnis zur EU so gestalten, dass sie ihre Interessen optimal wahrnehmen kann.» Alles unklar?

Christa Markwalder meint: «Er ist sehr loyal. Was der Bundesrat beschliesst, setzt er um.» Genau diese Loyalität wird Ambühl verwaltungsintern teilweise auch zum Vorwurf gemacht. Er halte an vertrauten Leuten um jeden Preis fest, heisst es.

Er versteckt seinen Humor

In der Öffentlichkeit trägt Ambühl zwar ein Pokerface. Aber der Schalk in seinen Augen verrät, dass man mehr als einen trockenen, hoch professionellen Beamten vor sich hat. Im kleineren Kreis könne er durchaus eine weniger spröde Seite zeigen, sagt Christa Markwalder. Dann sei er witzig und manchmal sogar ausgelassen.

Tatsächlich verrät Ambühl doch noch ein wenig von sich selbst. Auf die Frage, ob ein Verhandler die Menschen lieben müsse, meint er: «Das ist ein grosses Wort. Aber man darf sicher kein ‹Mürggel› oder ‹Sürmel› sein.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.03.2010, 07:45 Uhr

0

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

Noch keine Kommentare

Region

Populär auf Facebook Privatsphäre

Meistgelesen in der Rubrik Region

Partner

Umfrage

Waren Sie schon mal in einem Pfingstlager?




Neues aus Ihrem Wohnort

  • Hier finden Sie Nachrichten, Veranstaltungen und das detaillierte Lokalwetter ihrer und hundert weiterer Gemeinden im Gebiet der Berner Zeitung. Mehr...
  • Gelangen Sie hier direkt zu Ihrer Gemeindeseite:

Telefonbuch

Marktplatz

Muss der Religionsunterricht ausgebaut werden?

Ja

 
29.8%

Nein

 
70.2%

1036 Stimmen

Giraffen zieren die Stadt Bern. Sollen die Graffiti bleiben?

Ja

 
28.9%

Nein

 
71.1%

409 Stimmen