Ein Haarschnitt für zwei Franken
Die Kundinnen scheinen heute sehr unruhig zu sein. Manche bewegen ihren Kopf ruckartig von links nach rechts, andere lassen ihre Beine durch die Luft sausen. Ein präziser Schnitt will hier genau platziert sein. Schnell wäre ein Haarbüschel zu viel abgeschnitten. Das könnte schnell zu Tränen führen, und das wäre wiederum keine gute Werbung für die Coiffeurbranche. Zumal die meisten der jungen Kundinnen heute ihre erste Begegnung mit Coiffeurstuhl, Schere und der Coiffeuse haben. Deshalb schneidet Jaqueline Kneubühler heute besonders vorsichtig die Haare ihrer Kundinnen. Die Lehrtochter im zweiten Ausbildungsjahr ist zu Besuch im Kinderbahnhof, dem Kinderhort für Pendlerinnen. Dort, im zweiten Untergeschoss des Hauptbahnhofs, fliegen gleich büschelweise Haare.
Nur mit Anmeldung
Der Kindercoiffeur ist beliebt beim Nachwuchs. Immer wieder kommen spontane Anmeldungen kleiner Kundinnen. Jaqueline muss sich aber an ihre Liste halten. Bedient wird nur, wer von Mami angemeldet wurde.
Und so schneidet sie und Martina Frei zwischen Holzeisenbahn, Kinderrutsche und Legoklötzchen die Haare der zwei- bis achtjährigen Kundinnen. Pro Altersjahr des Kindes kostet die Frisur einen Franken. Manch eine Mama würde gerne mit ihrem Kind tauschen bei den moderaten Preisen.
Tränen fliessen kaum
Zusammen mit Coiffure-Suisse, dem Verband der Schweizer Coiffeurgeschäfte, führen die S-Bahnen Bern fünfmal im Jahr einen Coiffeurbesuch für die Kleinen durch. «Viele Kinder haben Angst vor dem ersten Besuch beim Coiffeur», sagt Jürg Kernen vom Regionalverkehr Bern-Solothurn. Ihm sei es als Kind beim Coiffeur auch Angst und Bange geworden. Hier im Kinderbahnhof würden aber dank der vertrauten Umgebung fast keine Tränen fliessen. Im Gegenteil, Natalie findet Haare schneiden toll, und Angst hat sie auch keine. «Am liebsten hab ich Zöpfchen», sagt die Vierjährige.
Auch für die zwei Coiffeusen bringt der Ausflug ins Kinderparadies neue Erkenntnisse. So seien zum Beispiel die Kleinen während des Schneidens der Haare die schwierigeren, weil nervöseren Kundinnen als ihre Mütter. Dies ändere sich aber schnell, wenn es um die Zufriedenheit mit der Frisur gehe. Telefonische Reklamationen habe es nämlich vom Nachwuchs noch nie gegeben, ganz im Gegensatz zu den Müttern, sagen die zwei Kindercoiffeusen.
Der Kindercoiffeur ist am 3.November zum nächsten Mal im Kinderbahnhof. (Berner Zeitung)
Erstellt: 09.09.2010, 14:07 Uhr
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