Dorothea Loosli: «Das würde die GFL wohl zerreissen»
Von Christoph Aebischer. Aktualisiert am 16.11.2011 1 Kommentar
Neue Präsidentin
Dorothea Loosli wuchs im Jura auf und lebte lange im Seeland. Bis vor zwei Jahren wohnte sie in Detligen. Dann zog die 50-jährige gelernte Bäuerin und studierte Theologin mit ihrer Familie nach Bern. Loosli arbeitet für das kirchliche Hilfswerk Brot für alle. Zwischen 2003 und 2010 sass sie für die Grünen im Grossen Rat. 2008/2009 war sie dessen Präsidentin. Seit dem 1.November nun präsidiert sie die GFL Stadt Bern. Die GFL ist mit neun Sitzen hinter der SP und der FDP derzeit die drittstärkste Partei im Stadtberner Parlament.
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Frau Loosli, Sie kamen zu spät nach Bern und wurden zu spät Präsidentin der GFL. Der Zug für Ihre Partei ist abgefahren.
Dorothea Loosli: Warum kam ich zu spät?
Sie wurden am 1. November Präsidentin und möchten nun die Position der GFL überdenken. Die Parteien haben sich aber für die Gemeindewahlen 2012 arrangiert. Diskutieren hätte die GFL früher müssen, doch das wollte sie nicht.
Wir sind grundsätzlich richtig positioniert: Wir sind das M von Rot-Grün-Mitte (RGM). Die neuen Kräfte in der Mitte bedeuten nicht zwingend den Ausstieg bei RGM. Das müssen aber unsere Mitglieder entscheiden.
Trotzdem bringen Sie das Thema aufs Tapet. Steckt dahinter die Kränkung, dass die ländlichen Grünen – dort haben Sie ja Ihren Ursprung – immer wieder überflügelt werden von links-grünen urbanen Kandidaten?
Das ist effektiv ein Problem, das bei den Nationalratswahlen zu wenig ernst genommen worden ist. Die Grünen hätten eine Stadt- und eine Landliste machen müssen. Grüne vom Land haben etwas andere Anliegen als solche aus der Stadt. In der Stadt ist es einfacher, grün zu sein.
Wie meinen Sie das?
Wir wohnten bis vor zwei Jahren in Detligen. Stündlich fuhr ein Postauto. Da waren wir oft auf ein Auto angewiesen. In der Stadt sieht das ganz anders aus.
Die Führung der städtischen GFL war wenig erfreut darüber, dass Sie jetzt noch eine Richtungsdiskussion lostreten. Seit dem RGM-Forum vom 3. September ist doch alles klar.
Das sehe ich nicht so. Wir werden bald an einer ausserordentlichen Mitgliederversammlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit über langfristige Ziele diskutieren. Daraus zeichnet sich dann ab, wie die GFL in die Gemeindewahlen steigen soll. Durchaus möglich, dass die GFL bei RGM bleibt. Wichtig ist, dass der Entscheid von der Basis getragen wird. Dann können wir selbstbewusst kommunizieren und lösungsorientiert politisieren.
In den Neunzigerjahren impfte ein Politologe dem RGM-Bündnis ein, die Einheit mache es stark. Seither hat die GFL eine Schere im Kopf. Herrscht ein Denkverbot?
Das kann ich im Rückblick nicht beurteilen. In der aktuellen Diskussion wird es so etwas sicher nicht geben.
Ich werde den Eindruck nicht los, dass die Grüne Freie Liste das mittlere Wort streichen könnte. Die GFL ist unfrei.
Das stimmt nicht.
Wenn Sie also frei von Zwängen sind, zu welchem Schluss gelangen Sie bei einer Analyse der neuen Ausgangslage?
Da masse ich mir keine eigenen Schlüsse an. Die Situation ist völlig neu, bis jetzt hat sich die Frage so gar nicht gestellt. Der Kurs stimmte.
Namhafte GFL-Vertreter fordern eine Öffnung in Richtung Mitte. Die GFL steht vor einer Zerreissprobe. Ex-Stadtrat Ueli Stückelberger ist besorgt. Und Sie?
Ich denke nicht, dass dies so stark von den Wahlen 2012 abhängt. Wir sind im Kanton Bern der liberale Flügel der Grünen Partei. Vor diesem Hintergrund bedaure ich den Wechsel von Grossrätin Barbara Mühlheim zur GLP-Fraktion. Sie wurde von der GFL aufgestellt, um die liberale Stimme in der grünen Fraktion zu vertreten. Ich nehme an, dass sie bei den nächsten Wahlen nicht mehr für die Grünen kandidieren kann.
Sie hat vielleicht die Zeichen der Zeit erkannt. Nun vertreten die ungebundenen Grünliberalen (GLP) das Gedankengut der GFL, und es gibt eine Mitte, die zwischen den ehemaligen Blöcken steht. Ist da die Zeit von RGM nicht abgelaufen?
Von dieser Mitte weiss ich noch zu wenig.
Immerhin gibt es sie in der Stadt Bern schon drei Jahre.
Die Stadtratsfraktion arbeitet gut mit ihr zusammen. Deshalb sieht sie keinen dringenden Handlungsbedarf. Das Thema wurde erst jetzt nach den Verlusten bei den Nationalratswahlen akut.
Schauen wir also die Optionen an. Erstens: den Sonderzug GLP - GFL. Doch den hat die GLP bereits als zu risikoreich verworfen.
Wir werden diese Option diskutieren.
Zweitens: die Mitteliste. Darauf wird der GFL explizit eine Linie freigehalten.
Das entnahm ich der Presse.
Und drittens RGM. Dort ist die GFL das Feigenblatt in Richtung Mitte. Befürchten Sie nicht, dass die Partei in den Armen des falschen Bräutigams zugrunde geht?
Das stelle ich mir anders vor. Die GFL gibt es schon fast dreissig Jahre lang. Sie ist etabliert und umworben. Alle schmachten in Richtung GFL.
Sie rechnen also nicht mit Verlusten bei den Wahlen.
Ich gehe nicht davon aus.
2008 wurde die Trendwende der drittstärksten Kraft schon eingeläutet. Die GFL verlor im Stadtrat einen Sitz. Gräbt ihr die GLP nicht das Wasser ab?
Das wird sich weisen. Die GLP ist momentan hip. Ökologisch stimmen wir überein. Bei sozialen und ökonomischen Themen muss man sich noch finden. Da ist die GLP noch etwas eine Blackbox.
Sie betonen stets die Sachpolitik. Doch dazu braucht es Mandate, die zuerst errungen werden müssen. Die GFL will zurück in die Regierung. Beim sich abzeichnenden Überangebot sind nur die Besten gut genug.
Das ist so.
Stehen Sie zur Verfügung?
Das habe ich mir noch gar nicht überlegt. Nach zwei Jahren Wohnsitz in Bern wäre das wohl auch etwas vermessen.
Ueli Stückelberger, dem einst Ambitionen nachgesagt wurden, will nicht. So äusserte er sich mir gegenüber jedenfalls.
Wir werden sehen.
Nationalrat Alec von Graffenried?
Er behält es sich noch offen.
Gibt es weitere Anwärter, etwa Daniel Klauser?
Er hat 2008 ein sehr gutes Resultat erzielt, ein starker Kandidat.
Die GFL bleibt also Teil von RGM. Auf der Liste für die fünf Gemeinderatssitze werden zwei starke Namen der SP, eine linke grüne Kandidatin wie Franziska Teuscher und dann noch die GFL-Kandidatur stehen. Ist das ideal?
Ob die GFL Teil von RGM bleibt, werden wir diskutieren. Wird es so sein, rechne ich damit, dass RGM drei Sitze behält und die Mitte einen Sitz macht. Zudem würde wohl die GFL anregen, dass das Grüne Bündnis eher jemanden bringt, der nicht ganz so pointiert links steht.
Wen dann?
Diese Entscheidung muss das GB selber fällen. Unter den gehandelten Namen fiel auch jener von Grossrat Blaise Kropf, dem Präsidenten der Grünen Kanton Bern.
Und für den Stadtrat. Wäre dort eine Listenverbindung mit der GLP denkbar?
Denkbar ist das schon. Ob es Sinn macht, ist eine andere Frage.
Steht eine spätere Fusion mit der GLP, die etwa Alec von Graffenried vorschwebt, überhaupt zur Debatte?
Das würde die GFL wahrscheinlich zerreissen. Denn die GFL gehört auch bewusst zu den Grünen Kanton Bern.
Die Grünen haben einen Flügel links der SP und einen rechts davon. Kann das gutgehen?
Diese Einordnung geht für mich nicht auf. Als sich das GB und die GFL auf kantonaler Ebene 2006 zusammenschlossen, deckte die GFL – im Gegensatz zum GB – auch die ländlichen Gebiete ab. Daraus entstand ein Dach, unter dem zu Beginn vor allem der ökologische Aspekt wichtig war. Würden GFL und GLP zusammengehen, müsste die GFL bei den Grünen wohl austreten. (Berner Zeitung)
Erstellt: 16.11.2011, 07:04 Uhr
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1 Kommentar
Die GFL hat die Wahl: Sie kann der linken Gemeinderatsliste weiterhin einen vermeintlichen Mitte-Touch verleihen oder sie kann sich der Mitte-Liste mit glp, EVP, CVP und BDP anschliessen und sich so wirklich zur selbst gewählten Position in der Mitte bekennen. Für die Stadt Bern wäre es eine riesige Chance, wenn 2 Mitte-Gemeinderäte das Zünglein an der Waage in der Regierung bilden könnten. Antworten
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