Dinieren in absoluter Dunkelheit

BernAusgehen und gut zu Abend essen, ohne zu wissen, was auf dem Tisch steht: Das ist das Konzept der Blinden Insel. Heuer feiert das Restaurant in der Grossen Halle der Reitschule sein zehnjähriges Bestehen.

Auf der Speisekarte wird nichts verraten, in der Blinden Insel gibts nichts zu sehen.

Auf der Speisekarte wird nichts verraten, in der Blinden Insel gibts nichts zu sehen. Bild: Stefan Anderegg

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Gleich hinter dem Eingangstor zur Grossen Halle der Berner Reitschule werden die Gäste empfangen. Nummern werden verteilt, die Regeln bekannt gegeben. «Handy abgeben und Uhren in die Tasche, der Zeiger könnte reflektieren.» Giorgio Andreoli, der Organisator, muss noch mal weg. Irgendwo auf der Schützenmatte irre sein Personal herum. Weil die Schütz gerade aufgebaut wird, ist die Orientierung zwischen all den Bauzäunen nicht einfach – speziell für Blinde.

In der Grossen Halle ist derweil ein Zelt zu erkennen. Durch eine dreifache Lichtschleuse kann man es betreten. Dahinter beginnt das Reich der «Dunkelprofis», wie Giorgio Andreoli es nennt. Sehbehinderte Menschen, die im Rahmen des Angebots Blinde Insel den Service übernehmen.

René Jaun ist einer dieser Dunkelprofis. Allerdings mag er mit dem Ausdruck nicht recht zufrieden sein. «Das gefällt mir nicht. Wir sind doch einfach für den Service hier.» Die Idee für die Blinde Insel sei vor zehn Jahren aus dem Integrationsgedanken entstanden. Aber Jaun ist desillusioniert, wenn er sich heute die Arbeitslosenzahlen unter sehbehinderten Menschen anschaut.

In Reih und Glied zum Essen

Die Gäste stellen sich nacheinander in einer Polonaise auf und halten den Vordermann mit beiden Händen an den Schultern. «Ich bin gespannt aufs Essen», sagt Sabrina von Ballmoos kurz bevor es losgeht. Sie fragt sich, ob sie eine Kiwi auch erkennen würde, wenn sie sie nicht sieht. Dabei ist von Ballmoos noch nicht einmal das erste Mal in der Blinden Insel zu Gast.

«Schwierig wird es, wenn jemand die eigene Ordnung stört», erklärt sie wohlwissend. Den Teilnehmenden wird eingeschärft, im Lokal nicht herumzuschreien, nur weil man sein Gegenüber nicht sieht. Dann werden sie in Reih und Glied in den Dunkelraum geführt und nehmen Platz an den Tischen, die sie für einmal nicht sehen, auf den Stühlen, die sie nur fühlen.

Drinnen, im Dunkelraum, kommt Jaun so richtig auf Touren. Er wirkt gelöster als draussen – zumindest hört sich das für den unerfahrenen Hörer so an –, und er ist zu Spässen aufgelegt. «Hat jemand meinen Kaffee gesehen?», fragt er lauthals in die Runde. Dann macht er sich selber auf die Suche. Irgendwo gelingen die ersten Versuche, im Dunklen anzustossen.

Draussen vor dem Eingang stehen derweil Eva und Maria bereit. Das Duo führt zwischen den Gängen Textkreationen vor. Auch für die beiden Artistinnen ist der blinde Auftritt Neuland. Deshalb müssen sie sich erst mal orientieren. Sie stehen vor dem Eingang zum Dunkelraum und gestikulieren mit den Händen. Dabei erinnern sie ein wenig an Skirennfahrer, die vor dem Start die Piste im Kopf abfahren. Drinnen, im Dunkelraum, nehmen die beiden dann so richtig Fahrt auf.

Einer von 14'000 grapschte

In den zehn Jahren, in denen die Blinde Insel organisiert wird, gab es kaum Zwischenfälle. «Einmal an einem Firmenfest hat einer nicht gewusst, wie er sich benehmen muss», erklärt Andreoli. Einer unter 14'000, der die Gelegenheit zum Grapschen nutzte. Das sei keine schlechte Quote. Ansonsten seien einmal ein paar Stück Kuchen zu Boden gegangen, mehr sei nicht passiert.

Aber was die Gäste im Dunkelraum machen, bleibt letztlich auch den Organisatoren verborgen. «Wir wissen nicht, ob die Gäste manchmal schlafen.» Und so mancher habe wohl schon die Finger zu Hilfe genommen, wenn er seine Gabel nicht mehr gefunden habe. Die Gäste würden das Lokal jedenfalls bemerkenswert sauber verlassen.

Das Künstlerduo Eva und Maria hat derweil den ersten Auftritt hinter sich. Aufmerksam sei das Publikum, «es ist sehr angenehm, zu spielen». Die Gäste scheinen ihre Freude zu haben an dem Erlebnis. Doch René Jaun will etwas klargestellt wissen: «Wir bieten hier nicht ein Erlebnis, das aufzeigt, wie es sich anfühlt, blind zu sein. Wir zeigen, wie es ist, vier Stunden lang nichts zu sehen.» (Berner Zeitung)

(Erstellt: 18.11.2013, 10:36 Uhr)

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