Die Renaissance des Töffli

BernSie knattern und stinken nicht mehr, sondern fahren leise mit Strom: Das Elektrotöffli kommt nach Bern. Helm, Nummernschild und Führerschein braucht es nicht. Was die Polizei verwirrt.

Ohne Helm, mit Frisur: Alexander Maag von E-Move Motors auf dem Ridelec. 25 Stundenkilometer schnell fährt das Elektromoped.

Ohne Helm, mit Frisur: Alexander Maag von E-Move Motors auf dem Ridelec. 25 Stundenkilometer schnell fährt das Elektromoped. Bild: Stefan Anderegg

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Ein spritziger Sprint, eine scharfe Kurve, Slalom um die Autos her­um. Ganz schön frech, wie die beiden Rollerfahrer die Blechlawine umkurven. Was aber definitiv den Bogen überspannt: Die unverschämten Burschen tragen weder einen Helm, noch haben ihre Mopeds ein Nummernschild. Die Quittung für dieses Verhalten naht in Form eines Polizisten. Jetzt setzt es Saures, denkt sich der Beobachter. Doch die «Töfflibuben» zücken ein Papier, der Ordnungshüter ist verwirrt, der Bussenblock bleibt aber in der Tasche. Ohne Konsequenzen surren die Rollerfahrer davon.

Ähnliche Szenen dürften sich rund um Bern bald öfters ereignen. Von hiesigen Strassen verschwunden, kehrt das Moped zurück. Nicht das laute und stinkende mit frisiertem Motor. Die neue Töffligeneration hat einen Elektromotor, surrt leise und braucht kein Benzin. «Wir hoffen, dass sich Berns Strassenbild über die Jahre verändern wird», sagt Reno Rüdeberg von E-Move Motors. Am Mittwoch eröffnet er an der Rodtmatt­strasse 86 im Breitenrain die erste Filiale in Bern. Im Angebot: Motorräder, Roller, Mofas – natürlich alle mit Elektromotor.

Bundesrat gibt grünes Licht

Angefangen haben er und Mit­begründer Gianni Sentina mit einem Laden in Zürich. Das nun auch Bern eine Renaissance des Töffli erleben könnte, hat mit dem Bundesrat zu tun. Vor rund drei Jahren deklarierte dieser E-Bikes bis 500 Watt als Velos. Der E-Scooter ist also kein Töffli, sondern ein Leichtmotorfahrrad mit Trethilfe – und ist somit dem Velo gleichgestellt.

Das bedeutet: Wer Rüdeberg und Sentinas Best­sel­ler, den ­Vespino V20 fahren will, braucht keine Zulassung, keinen Führerausweis und keinen Helm. Dieser sei auf der Fahrt aber trotzdem empfohlen, raten die Verkäufer. Voraussetzung für den Kauf ohne Billett ist, dass man über 16 Jahre alt ist. Jüngere Teenager brauchen das Billett der Kategorie M.

Bei Tempo 25 ist aber sowieso Schluss. Fahrer aller grösseren Klassen brauchen wie sonst auch üblich eine Zulassung, einen Führerausweis sowie einen Helm.

Polizei steht auf der Matte

Nun mag der helmlose Fahrer das Gesetz auf seiner Seite haben, für Verwirrung auf Berns Strassen ist mit seinem Auftauchen dennoch gesorgt. Als Rüdeberg und Sentina in Zürich ihren ersten Laden eröffneten, dauerte es denn auch nicht lange, bis die Polizei auf der Matte stand. «Die haben schlicht nicht geglaubt, dass unser Angebot legal ist», erinnert sich Rüdeberg. Um Klarheit zu schaffen, laden die beiden seither die Zürcher Polizei jährlich zum Kurs ein. Das Gleiche haben sie auch in Bern vor. Ausserdem geben sie den Kunden ein Infoblatt des Bundesamts für Strassen mit auf den Weg, falls ein Ordnungshüter Fragen haben sollte.

Wer bei E-Rollern nun automatisch an «Töfflibuben» denkt, liegt aber falsch. In Zürich habe sich die Kundschaft mittlerweile geändert, sagt Rüdeberg. Kauften früher hauptsächlich Junge, setzt das Unternehmen nun vermehrt auf eine ältere Zielgruppe.

Die E-Roller kosten auch mehr als nur ein Taschengeld. Das Einsteigermodell Ridelec (siehe Bild) kostet rund 2000 Franken, der Vespino rund 2800 Franken. Die Reichweite beträgt je nach Modell 30 bis 50 Kilometer. Danach muss die Batterie für einige Stunden ans Netz. Die Fahrzeuge importieren die Unternehmer in Einzelteilen aus Asien. Im Lernwerk, einem sozialen Betrieb bei Baden, werden die Maschinen zusammengebaut.

Rüdeberg und Sentina sind überzeugt: «Unser Konzept passt gut nach Bern.» Die Bundesstadt habe die grösste E-Bike-Dichte der Schweiz – und manch steilen «Hoger».

E-Move Motors Store: Rodtmatt­strasse 86, Bern, ab Mittwoch ge­öffnet, Eröffnungsfest am 4. März. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 01.02.2016, 06:22 Uhr)

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