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«Die Häftlinge haben meine Handynummer»

Von Aufgezeichnet von Katharina Merkle. Aktualisiert am 04.07.2011 5 Kommentare

Katharina Agner aus dem Liebefeld besucht als freiwillige Mitarbeiterin alle drei Wochen einen Gefangenen. Sie unterscheidet nicht zwischen Mörder, Dieb, Dealer oder Sexualverbrecher. Sie versteht sich stattdessen als Brücke nach draussen.

Das Besucherzimmer von Witzwil kennt Katharina Agner gut. Hier hat sie schon stundenlange Gespräche mit einem Gefangenen geführt.

Das Besucherzimmer von Witzwil kennt Katharina Agner gut. Hier hat sie schon stundenlange Gespräche mit einem Gefangenen geführt.
Bild: Beat Mathys

Freiwillig

Ohne Lohn arbeiten. Das tut jeder und jede Vierte in der Schweiz. In den kommenden Wochen rücken wir einige dieser Frauen und Männer in unserer Sommerserie ins Zentrum. Sie engagieren sich freiwillig für etwas, das ihnen am Herzen liegt.

An diesem Tisch in diesem Besucherraum in Witzwil sass ich oft mit meinem Betreuten. Der junge Mann hatte eine sehr, sehr lange Strafe abzusitzen. Was er verbrochen hat, darf ich nicht sagen. Das habe ich mit meiner Unterschrift versprochen. Deshalb rede ich hier nicht von Mördern, Sexualstraftätern, Räubern oder Drogenabhängigen. Der junge Mann war belesen und vielseitig interessiert, unsere Gespräche waren gut. Einzig seine Stimmungen schwankten: Er war oft traurig, einsam, ohne Zuversicht. Ich musste die Gespräche mit Feingefühl führen. In Witzwil war er zum Schluss seiner Haft, um sich weiterzubilden, den Hauptteil der Strafe hatte er in Regensdorf verbüsst.

Einmal war er ganz besonders bedrückt. Er würde das übernächste Wochenende freien Ausgang haben. Einerseits freute er sich, endlich «nach draussen» zu dürfen – andererseits kannte er niemanden, der ihn aufnahm. Ich rief meinen Mann an und fragte ihn, ob ihm sein Besuch in unserem Haus recht wäre. Ein klares Ja war die Antwort. Das Gesicht des Betreuten vergesse ich nie, als ich ihm mitteilte, er dürfe den Urlaub bei uns im Liebefeld verbringen. Ich musste ein Gesuch stellen und die Verantwortung übernehmen. Er verhielt sich das ganze Wochenende über tadellos. Ich hatte keine einzige Sekunde Angst, dass er diese Gelegenheit ausnützt, flieht oder sonst etwas anstellt, er hatte mein ganzes Vertrauen.

Ich bin eine der 192 freien Mitarbeitenden der Abteilung Bewährungshilfeund alternativer Strafvollzug. Zwei Drittel von uns sind Frauen. Als FM – so nennen wir uns – bin ich für den Inhaftierten die Kontakt- und Vertrauensperson nach draussen. So viel Nähe zuzulassen wie bei dem jungen Mann, ist nicht ganz nach Lehrbuch. Aber für mich ist das selbstverständlich. Ich habe eine gesunde Vorsicht, aber keine Schwellenängste. Ich gebe den Betreuten auch meine Handynummer und habe ihre Nummern alle gespeichert. Hin und wieder bekomme ich von einem Ehemaligen eine Nachricht: «Es geht mir gut, habe Arbeit, eine Freundin und bin glücklich». Das tut mir gut, wenn sie den Weg und vor allem sich selber wieder gefunden haben und im Arbeitsleben integriert sind.

Ich wurde vor fast zehn Jahren in Kursen auf diese Arbeit vorbereitet. Wir arbeiten eng mit den professionellen Mitarbeitenden zusammen. Das gibt Sicherheit. Ich werte nie, verurteile und belehre die Häftlinge nicht. Ich blende das Verbrechen ganz aus und sehe den Menschen, der mir vis-à-vis sitzt. Das heisst nicht, dass ich das Verbrechen entschuldige. Es ist aber bereits geschehen und nicht zu ändern. Das Urteil ist Sache der Richter. Es sind Straffällige, die ihre Strafe in einem Gefängnis verbüssen und am Tag X als freie Menschen wieder in die Welt hinaustreten dürfen – und sich hoffentlich nie mehr etwas zuschulden kommen lassen. Das Wichtigste, was ich ihnen geben kann, ist Vertrauen. Meistens haben sie keinen Menschen mehr, der an sie glaubt. Die Familie wendet sich oft ganz ab.

Im Moment betreue ich einen Mann in St.Johannsen, einem therapeutischen Zentrum für Straftäter mit psychischen Störungen. Der Mann wünschte sogar von mir, dass ich ihn an die Gerichtsverhandlungen begleite. Es war für mich nicht einfach, die Details seiner Taten haarklein zu vernehmen. Seine Bitte zeugt aber von grossem Vertrauen. Er hat nun seit ein paar Monaten bewilligte begleitete Ausgänge. Wir nutzen sie für lange Spaziergänge mit dem Hund. Die Natur ist sehr heilsam für ihn.

Eine Begleitung kann mehrere Jahre dauern. In den zehn Jahren seit Beginn meines Engagements hatte ich fünf Betreute, immer nur einen aufs Mal. Bis jetzt hatte ich immer Schweizer Straffällige, die noch relativ jung waren. Das ist Zufall, ich würde auch jemand Älteres betreuen oder eine Frau. Wenn die Bewährungshilfe anruft und eine Betreuungsperson sucht, führen wir zuerst ein Gespräch zu viert: der Häftling und sein interner Betreuer, die Sozialarbeiterin der Bewährungshilfe und ich als FM. Danach werden der Häftling und ich allein gelassen, und wir schauen, ob die Chemie stimmt. Ich habe noch keinen verweigert, und ich wurde auch nie abgelehnt.

Die Betreuung der Straftäter ist wie die Schattenseite in meinem sonst so geordneten Alltag. Ich mag Leute, die anecken und die es schwerer haben im Leben. Ich schaue in ihre dunklen Abgründe, versuche etwas Licht und Wärme einfliessen zu lassen. So sehe ich das. Ich will sie nicht verändern, bin nicht die gute Fee, die sie besuchen kommt und für alles eine Lösung parat hat. Ich sage ihnen auch schonungslos, dass es schwierig sein wird, später draussen wieder einen Job oder sozialen Anschluss zu finden. Ich kann ihnen aber helfen, eine Perspektive zu entwickeln, ein Ziel anzustreben. Noch keiner meiner ehemaligen Schützlinge ist rückfällig geworden.

Diese Arbeit mache ich nicht aus Langeweile. Lange war ich Sekretärin. Dann habe ich mich fünfzehn Jahre meinen Kindern und dem Haushalt gewidmet. Danach wollte ich unbedingt etwas Soziales machen. Weil ich Menschen liebe – ganz besonders Randgruppen –, habe ich mich bei der Bewährungshilfe vorgestellt. Ich bin ein sehr aktiver und vielseitig interessierter Mensch, fotografiere oft und gerne, besuche das Fitnesszentrum, belege verschiedene Kurse, gehe ins Theater und an Konzerte. Ich pflege unseren grossen Freundeskreis, widme mich unseren Haustieren, dem Haus, dem Garten.

Ich bin sehr freiheitsliebend. Nach dem Besuch bei meinem Betreuten in St.Johannsen steige ich zufrieden ins Auto. Während der halbstündigen Rückreise fahre ich emotional herunter. Die Landschaft im Seeland ist dann noch farbiger und abwechslungsreicher als auf der Hinfahrt. Die fruchtbare Erde und die Fülle der Vegetation sind Gegensätze zur Enge in der Anstalt und dem Gefängnis.

Kontakt: Wer sich als freie(r) Mitarbeiter(in) der Abteilung Bewährungshilfe und alternativer Strafvollzug engagieren will, kann sich hier melden: 031 633'55'00; abas-fm.fb@pom.be.ch. (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.07.2011, 06:44 Uhr

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5 Kommentare

Tom Weber

04.07.2011, 12:06 Uhr
Melden 22 Empfehlung

Es wäre angebrachgter, die Opfer von den kriminellen zu betreuen. Aber eben,naiv sein ist nicht verboten. Antworten


theo meier

04.07.2011, 12:39 Uhr
Melden 13 Empfehlung

2/3 sind frauen mit helferInnen syndrom! es gibt viele täter gerade mit psychischen störungen, welche ohne probleme jemanden manipulieren können, wenn's ja nicht mal die psychiater merken! man muss endlich unseren strafvollzug rigoros und strikter anpassen. ein chronischer gewaltverbrecher aus dem ostblock, bekommt dort nie im leben solche "luxus betreuung" wie bei uns, finde ich absolut unnötig! Antworten



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