Die Baumgräber auf dem Berner Hausberg

KönizEin Baum als Grab ist eine von vielen Bestattungsformen. Einen solchen Friedwald gibt es auch auf dem Gurten. Die Bäume kosten auf dem Berner Hausberg aber viel mehr als anderswo.

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Ihre letzte Ruhe finden die Menschen heute längst nicht nur auf einem herkömmlichen Friedhof. Alternative Bestattungen sind im Aufschwung, wobei Angehörige die Asche zum Beispiel von einem Berg in alle Himmelsrichtung verteilen oder in einem See verstreuen. Das Wasser, der Wind – und auch der Wald scheinen dem Abschied das Endgültige zu nehmen.

Das weiss Ueli Sauter spätestens, seit er vor 20 Jahren einen engen Freund verloren hat. Dieser Verlust war die Geburt seiner Idee: des Friedwaldes. Die Asche der Verstorbenen wird in den Wurzelbereich des Baumes eingebracht. «Der Baum nimmt die Asche als Nährstoff auf und wird so zu einem Sinnbild für das Fortbestehen des Lebens», sagt Sauter, Inhaber der Friedwald GmbH mit Sitz im Thurgau.

Das Kreuz mit dem Friedwald

Auch wenn es heute verschiedene Anbieter auf diesem Markt gibt: Sauter ist der Urheber der Idee, hat Friedwald als Marke geschützt und bewirtschaftet die grösste Fläche in der Schweiz. Doch der Anfang war hart. 6 Jahre dauerte der bürokratische Prozess, bis Sauter alle Bewilligungen hatte. Heute betreibt er 70 Friedwälder in 11 Kantonen, wobei die Bewilligungspolitik in jedem wieder anders aussieht: Während im Thurgau neuerdings eine Baubewilligung nötig ist, genügt es in Bern, dass das kantonale Waldamt grünes Licht gibt.

Im Kanton Bern gibt es 14 Friedwaldstandorte, 5 davon in Stadtnähe: Die Wälder in Bümpliz, in der Eymatt, im Grauholz, auf dem Gurten sowie der Bremgartenwald gehören allesamt der Burgergemeinde Bern. Auch hier sorgte der Friedwald für rote Köpfe, wie deren Forstmeister Franz Weibel weiss. «Die Gegner monierten, es sei nicht Sache der Burgergemeinde, sich an Toten zu bereichern», sagt er. Er jedoch habe sich für die Idee eingesetzt. «Weil es ein Bedürfnis ist und kein Angebot gab.»

Teurer Gurtenwald

Vor 10 Jahren kam der Vertrag zwischen der Burgergemeinde Bern und der Friedwald GmbH zustande. 2 der 100 Hektaren am Südhang des Gurtens Richtung Köniztäli hat die Burgergemeinde als Friedwald zur Verfügung gestellt. Von den 83 Friedwaldbäumen ist gut die Hälfte belegt, grösstenteils schöne 50- bis 100-jährige Buchen und Ahorne. Der Gurten gilt wegen seiner Lage schweizweit als einer der exklusivsten und teuersten Friedwaldstandorte: Ein Baum kostet hier 7900 Franken – der Standardpreis in anderen Wäldern liegt bei 4900 Franken. Mit diesem Geld kauft sich jemand das Recht am Baum: Während 80 Jahren ist dieser grundbuchrechtlich geschützt. Die Bäume sind mit einer Plakette mit einem Buchstabencode versehen, dieselben Initialen werden zur Sicherheit noch auf der Rinde aufgemalt. Der Aushub im Wurzelbereich kostet zusätzliche 250 Franken.

Als Familiengrab gedacht

Alles in allem ein teurer Abschied. Zumal sich kein Mensch strafbar macht, wenn er sich eine Schaufel packt und die Asche auf eigene Faust irgendwo im Wald vergräbt – ohne Urne versteht sich, aber die ist auch im Friedwald verboten. Ueli Sauter relativiert die Kosten: «Das Baumgrab ist klar gekennzeichnet, sehr lange geschützt, und es entfallen die Pflegekosten.» Auch könne der Friedwald als Familiengrab genutzt werden: An ein und demselben Baum dürfen bis zu zehn Bestattungen stattfinden.

Keine Blumen und Engel

Ein Friedwald ist grundsätzlich Teil eines natürlichen Waldes und frei zugänglich. Es ist verboten, beim Baum Grabschmuck wie Blumen oder Engel anzubringen. «Wir müssen auf unseren Kontrollgängen jedoch immer wieder Gegenstände entfernen», sagt Sauter. Den Baum können sich Interessierte frei auswählen, ebenso den Zeitpunkt und die Art der Bestattung. Sauter: «Ein Pfarrer ist nicht zwingend nötig. Wir hatten schon Bestattungen mit Harfenmusik oder Trompetenkonzerten im Wald, oder die Angehörigen tanzten wild um den einen Baum.»

Ueli Sauters Idee findet auch ennet der Grenze Anklang: So haben sich Deutschland und Österreich die Friedwaldrechte erkauft. In der Schweiz gab es in den letzten 20 Jahren rund 2000 Bestattungen in einem Friedwald. An den fünf Standorten in Bern finden laut Forstmeister Franz Weibel pro Jahr total um die zehn Bestattungen statt. «Die Burgergemeinde verdient sich damit keine goldene Nase», sagt Weibel. «Aber wir gewinnen dennoch mehr, als wenn wir das Holz dieser Bäume nutzen würden.» (Berner Zeitung)

(Erstellt: 03.10.2013, 13:47 Uhr)

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Köniz hat sein Projekt trotz Vorbehalten noch nicht begraben

Heikle Umzonung Dass sich eine Grabstätte im Wald alles andere als einfach realisieren lässt, erfährt derzeit die Gemeinde Köniz. Sie möchte den Friedhof Nesslerenholz in Wabern um ein Waldstück erweitern. Die Umzonung dafür ist in der Ortsplanungsrevision vorgesehen – doch erste Signale des Kantons zeigen, dass dies schwierig sein wird. Dafür bräuchte die Gemeinde gemäss Waldgesetz nämlich eine Rodungsbewilligung – auch wenn sie keinen Baum fällen will.

Obwohl der Kanton in der Vorprüfung negativ auf das Projekt reagierte, hält Köniz daran fest, wie Daniel Gilgen, Leiter der Abteilung Umwelt und Landschaft, ausführt. Er hofft vor allem, dass sich die Diskussion in Gang halten lässt, weil sich für das Stück Gemeindewald Kompensationsflächen anbieten liessen.

Das Waldstück in Wabern wäre kein offener Friedwald (siehe Haupttext), sondern Teil des Friedhofs und wäre mit einem Zaun klar vom restlichen Wald abgegrenzt. Der Waldfriedhof liesse auch mehr Gestaltungsmöglichkeiten zu: Bei den Bäumen könnte nicht nur die Asche eingegraben, sondern Urnen bestattet und Namenstafeln angebracht werden. Gilgen schliesst auch weiteren Grabschmuck nicht aus. «Letztlich kommt das auf die Bedürfnisse der Bevölkerung an.» Ein einfaches Grab in diesem Wald wäre laut Gilgen preislich mit rund 2500 Franken vergleichbar mit einem Urnenhaingrab. Vor 2017/2018 wird der Waldfriedhof aber sicher nicht konkret. «Wir stellen fest, dass Gräber, die nicht 20 Jahre lang eine intensive Pflege brauchen, immer gefragter sind», sagt Gilgen. Ebenso möchten jedoch viele Angehörige, dass der Platz klar erkennbar sei, an dem eine Person bestattet wurde.

Serie

Der Wald und seine vielen Gesichter: Unter diesem Motto werfen wir im Herbst den Blick auf einen Lebensraum, der nebst Vertrautem auch Überraschendes bereithält. Das zeigte bereits die grosse Grafik, mit der wir in die Artikelserie eingestiegen sind. Heute steigen wir auf den Berner Hausberg: Auf dem Gurten gibt es gegen hundert Baumgräber. Friedwald heisst dieser Friedhof der speziellen Art, wo die Asche der Verstorbenen im Wurzelbereich eingegraben wird.

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