«Die Autobahnen gehören Gott sei Dank nicht der Stadt»
Von Christoph Aebischer. Aktualisiert am 30.06.2011 13 Kommentare
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Programm Sonntag, 3. Juli
Die Strassen des auf dem Plan ersichtlichen Ausschnitts der Stadt Bern bleiben am Sonntag zwischen 6 Uhr und 19 Uhr gesperrt. Das Festprogramm unter dem Motto «Die Strasse ist zum Feiern da» beginnt um 9 Uhr. Auf dem Bundesplatz finden Konzerte statt. Am Hirschengraben können verschiedene Fortbewegungsmittel getestet werden. Auf dem Eigerplatz ist das Angebot auf Familien zugeschnitten, und der Thunplatz steht im Zeichen des Sports. Die Verbindungsstrassen sind dem Spazieren, Velofahren, Rollschuhlaufen und so weiter vorbehalten. Von Bernmobil verkehren die Buslinien 10 und 17 auf teilweise anderen Strecken. Die Nummer 19 bedient das Dählhölzli. Das 3er-Tram wendet in der Schwanengasse statt in der Christoffelgasse.cab
Beat Zobrist
Er fährt seit zehn Jahren mit dem Velo an die jährlichen Stadtratsausflüge – egal, wohin es geht. Deswegen radelte er schon nach St.Gallen und Genf. Als ebenso leidenschaftlicher Velofahrer, wie Hofer Töfffahrer ist, erscheint er mit dem Fahrrad auf dem Thunplatz. Zobrist sitzt für die SP im Stadtrat. Die Strecke Thunplatz–Eigerplatz hat Zobrist jeweils am Grand Prix von Bern zu Fuss zurückgelegt – das etwa 15-mal.cab
Jimy Hofer
Der leidenschaftliche Töfffahrer kreuzt mit seiner 440 Kilogramm schweren 1600er-Harley auf. Seit 2008 sitzt er als Parteiloser in der SVP-Stadtrats-Fraktion. Hofer kämpft seit Jahren gegen den Poller in der Matte, der die Zufahrt zu seinem Bronco-Club unterbindet. Vom Thunplatz zum Eigerplatz marschierte er als Schuljunge zum letzten Mal. Hofer wuchs im Kirchenfeld auf und erledigte gegen ein Sackgeld Ausfahrten für einen Repro-Laden.cab
Das Streitgespräch mit Velofahrer Beat Zobrist (SP-Stadtrat) und Harleyfahrer Jimy Hofer (parteiloser Stadtrat) findet auf einem Spaziergang zwischen Thunplatz und Eigerplatz statt. Unter anderem diese Strecke wird am Sonntag für den autofreien Sonntag gesperrt, was im Berner Stadtrat am 12.Mai für rote Köpfe sorgte.
Herr Zobrist, Sie als Velofahrer haben sicher schon einmal einem Auto genervt auf den Kotflügel gehauen, stimmts?
Beat Zobrist: Das könnte sein – als ein Autofahrer mir beim Rechtsabbiegen den Weg abgeschnitten hat.
Herr Hofer, wie viele Jahre sind Sie Töff gefahren, bis Sie realisiert haben, dass es auf der Strasse auch Velos gibt? Jimy Hofer: Ich fuhr als Kind auf der Kirchenfeldstrasse mit dem Velo zur Schule. Da muss man mir nichts erzählen. Ich habe noch heute ein Velo und benutze es gerne.
Kennen Sie den Ursprung des autofreien Sonntags?
Hofer: Ja.
Zobrist: Das geht auf die abgelehnte eidgenössische Sonntagsinitiative zurück, die das Berner Stimmvolk 2003 aber mit 54 Prozent Ja-Stimmen annahm. Danach überwies der Stadtrat einen Vorstoss, der vier autofreie Sonntage für die Stadt Bern forderte.
Was ärgert Sie am autofreien Sonntag, Herr Hofer?
Hofer: Mich ärgert vor allem der Perimeter. Man kann einen autofreien Sonntag machen, aber bitte nicht genau auf der Achillesferse des Individualverkehrs. Da wurde geschaut, wo man die Autofahrer am meisten schikanieren kann. Das ergibt die grösste Resonanz.
Herr Zobrist, weshalb müssen Sie Jimy Hofer ärgern?
Zobrist: Leute zu verärgern, ist sicher nicht die Absicht. Ich glaube viel mehr, dass sich viele über den Anlass freuen. Das Programm bietet tolle Sachen.
Weshalb nicht in einem verkehrsberuhigten Quartier?
Zobrist: Es geht nicht um die Strasse. Ich hätte das Nordquartier bevorzugt. Dann hätte ich von der Ruhe ebenfalls profitiert. Die vor acht Jahren überwiesene Motion verlangte aber vier autofreie Sonntage für die ganze Stadt. Immerhin bringt es die Stadt nun zustande, ein Quartier zu sperren. Die Leute sind sich so wahnsinnig ans Auto gewöhnt. Es ist für sie fast schlimmer, wenn ihnen das Auto einen Tag weggenommen wird, als wenn ihnen das Kind einen Tag lang entführt würde.
Herr Zobrist, wollen Sie der Welt den Teufel austreiben?
Zobrist: Nein, der Anlass ist lustbetont. Und eine Mehrheit in der Stadt Bern will einmal vom Auto befreit sein.
Hofer: Das ist ein Witz. Bern hat so viele gut zugängliche autofreie Naherholungsgebiete. Jetzt muss man die Strasse, die nie den Fussgängern gehörte, auch noch haben.
Zobrist: Es gab ein Zeitalter vor den Autos. Einige Jahrhunderte lang diente die Strasse der Begegnung und Bewegung.
Hofer: Wir leben zum Glück nicht mehr in Höhlen
Zobrist: Begegnung kann heute nicht mehr stattfinden, weil das dominante Auto zu gefährlich ist, beispielsweise für Kinder. Es geht also auch darum, die Strasse zurückzuerobern.
Hofer: Das ist absoluter Schwachsinn.
Zobrist: Ich zweifle etwas an der Kompetenz meines Kontrahenten.
Es bringt doch nichts, wenn man einen Tag lang eine Strasse sperrt.
Zobrist: Es bringt eben doch etwas. Viele müssen wieder lernen, dass es auch eine Mobilität gibt ohne Auto. Dafür bietet der nächste Sonntag Gelegenheit. Bei 364 Tagen mit Auto liegt doch ein Tag Ferien von den Autos drin. In der Stadt Bern haben die Hälfte aller Haushalte kein Auto. Sie werden sich über die Ruhe freuen.
Eigentlich müsste man Autobahnen sperren...
Hofer: Die gehören Gott sei Dank nicht der Stadt. Doch die Monbijoubrücke ist die letzte Verbindung über die Aare bis Rubigen. Das wird Umleitungsverkehr provozieren. Das wird nicht weniger, sondern mehr Verkehr zur Folge haben. Der Anlass bringt nichts. Jene, die weg wollen, werden ihr Auto in einer Seitenstrasse abstellen und die Auswärtigen werden nicht erscheinen, ausweichen und sich ärgern. Aber die Stadt ist halt rot-grün.
Es kommen also nur jene, die es eh interessiert, und der Rest bleibt dem Anlass verärgert fern.
Zobrist: Da bin ich mir nicht so sicher. Es sind sehr viele Organisationen dabei, die nicht zum links-grünen Haufen gehören, beispielsweise YB, SCB oder der Rugbyclub. Auch viel lokales Gewerbe ist dabei. Gerade, weil der Verkehr dauernd zunimmt, tut ein solcher Anlass gut. In Zürich gibt es täglich Stau. Bald ist es auch bei uns so weit. Die Frage ist, ob es sich die Wirtschaft leisten kann, dass die Arbeitskräfte stundenlang im Stau herumstehen.
Hofer: Das ist dummes Zeug. Wenn wir umlagern, haben wir einfach beim öffentlichen Verkehr Stau.
Zobrist: Wir haben einmal die Anzahl Leute, die ein Bus transportieren kann, in Autos auf den Bundesplatz gebracht. Weil durchschnittlich nur eine Person im Auto sitzt, füllten diese praktisch den ganzen Bundesplatz. Sehr viele Leute verhalten sich vorbildlich und fahren nicht mit dem eigenen Karren in die Stadt. Dort haben sie eigentlich nichts zu suchen; mit Ausnahme natürlich von Transporten beispielsweise von Kranken.
Hofer: Ich bin grundsätzlich dagegen, dass der Staat mir vorschreibt, wie ich mich zu bewegen habe. In einer Demokratie liegt das nicht drin.
Sollen stattdessen die Strassen ausgebaut werden?
Hofer: Öffentlicher Verkehr und Individualverkehr müssen so verbunden werden, dass jedes Verkehrsmittel dort gefördert wird, wo es Sinn macht. Miteinander gehts. Gegeneinander wie beim autofreien Tag klappts dagegen nie. Die Gegner werden nur sturer und pochen auf ihre Rechte.
Zobrist:Wegen eines autofreien Sonntags in einem Quartier zu behaupten, alles werde verboten, ist lächerlich. Niemand hat in Bern so viele Freiheiten wie Autofahrer. Sie fahren sogar dort, wo sie nicht mehr dürften, siehe Matte.
Hofer: Also hallo. Die Velofahrer, diese Chaoten, halten sich an gar nichts, weder an ein Rotlicht, noch an das Fahrverbot auf dem Trottoir, noch halten sie vor dem Zebrastreifen an,
Herr Zobrist, setzen Sie sich nur deshalb so stark ein, weil Sie sich als Velofahrer benachteiligt fühlen?
Zobrist: Es gibt auf jeden Fall ökologische Gründe. In der Stadt Bern haben wir jedes Jahr viel zu hohe Ozon- und Feinstaubwerte. Die meisten Fahrten sind unter drei Kilometer. Dafür gibt es sinnvollere Fortbewegungsmittel. Diese Distanz könnte zu Fuss, mit dem Trottinett oder mit dem Velo zurückgelegt werden. Die Volksgesundheit würde ebenfalls profitieren. Wer nur im Sessel hockt, kämpft mit Übergewicht, Herzproblemen und so weiter.
Herr Hofer, haben Sie ein Problem, weil Sie zu wenig zu Fuss unterwegs sind?
Hofer: Überhaupt nicht. Und beim Ozon und beim Feinstaub sind einfach die Grenzwerte zu tief. Würden sie etwas erhöht, wäre das Problem gelöst. Das ist doch ein reines Druckmittel.
Im Stadtrat lobten am 12.Mai Befürworter den bevorstehenden Anlass, weil er als Fest daherkommt.
Hofer: Wer geht denn hin? Jene, die an jedes Fest gehen. Oder sie gehen, weil das Fest grad vor der Haustür stattfindet. Das werden die üblichen Kreise sein. Da wird kein Autofahrer von Zürich nach Bern fahren und denken: Oh, das ist super.
Zobrist: Immerhin machen die Broncos an diesem Fest mit.
Hofer: Die Security ist einfach ein bezahlter Job.
Zobrist: Das zeigt doch, dass dies nicht einfach so ein Insider-Anlass ist.
Hofer: Die Broncos sind von der Stadt angestellt worden.
Zobrist: Das Geschäft mit dem autofreien Sonntag machen sie also noch so gerne.
Hofer: Geschäft? Es geht um 2500 Franken.
Okay. Das Fest steht vor der Tür. Jimy Hofer, sind Sie dabei?
Hofer: Nein, ich gehe an ein Töfffest mit Motoren und Tausenden von Leuten. Da wird zum Glück etwas anderes in der Luft schweben als der Geist von Umweltrittern.
Sie hätten eigentlich mit der Stadtratsband Fraktionszwang auftreten sollen. Doch die sagten aus politischen Gründen ab...
Hofer: Das ist konsequent. Man kann nicht gegen etwas sein und es dann mit Musik unterstützen. Mein Kontrahent geht auch nicht an den Autosalon. Wir möchten diese Leute gar nicht bei uns. Die sollen ihre eigenen Festli veranstalten.
Herr Zobrist, gehen Sie an Ihr eigenes Festli?
Zobrist: Das ist nicht mein eigenes Festli. Ginge es nach mir, würden mehr Strassen gesperrt. Trotzdem werde ich teilnehmen und es geniessen.
Hofer: Über die Kosten müssen wir auch noch reden. Dieses Promofest für links-grüne Anliegen kostet über 370'000 Franken. Das ist eine Frechheit.
Herr Zobrist, was sagen Sie dazu?
Zobrist: Der Kanton Bern muss gemäss einer selber erstellten neuen Strassenrechnung ungedeckte Kosten für den Strassenverkehr in der Höhe von rund 950 Millionen Franken decken, die Stadt Bern 60 Millionen. Da liegt ein solches Fest allemal drin.
Hofer: Das Auto deckt seine Kosten. Nur werden Millionen und Abermillionen abgezügelt für andere Zwecke.
Zobrist: Die Berechnungen von Bund und Kanton sprechen eine völlig andere Sprache. Die Einnahmen decken die Ausgaben nicht. Zudem müssen die externen Kosten wie Gesundheit, Umweltschutz und Lärm mit einbezogen werden.
Ich stelle fest, der Anlass verbindet nicht so, wie sich das die Organisatoren vorstellen.
Hofer: Nein, er verhärtet die Fronten.
Zobrist: 54 Prozent stimmten für die autofreien Sonntage.
Wann haben Sie beide die Strecke vom Thunplatz bis zum Eigerplatz zum letzten Mal zu Fuss zurückgelegt?
Hofer: X-Mal. Ich bin im Kirchenfeld aufgewachsen und hatte meinen Wochenplatz im Eigerplatz-Hochhaus. Ich trug nach der Schule für ein Repro-Geschäft Pläne aus.
Zobrist: Ich bin jeweils am Grand Prix über die Brücke gelaufen, also sicher etwa 15-mal.
Wir waren 40 Minuten unterwegs. Wie lange hätten Sie mit dem Velo beziehungsweise mit dem Töff gebraucht?
Zobrist: Rund fünf Minuten.
Hofer: Etwa ebenso lang.
Sie wären also gleich schnell am Ziel gewesen. Hofer: Auf kurzen Strecken in der Stadt mag das stimmen. Aber ausserhalb der Stadt sähe es anders aus. (Berner Zeitung)
Erstellt: 30.06.2011, 09:16 Uhr
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13 Kommentare
haha die bösen Autofahrer welche die Verkehrsregeln missachten!!! Ich glaube wenn man vergleichen würde wer (Autofahrer/Velofahrer) in der Stadt Bern mehr gegen die Verkehrsregeln verstösst wäre es sicher ein klares Ergebnis. Velofahrer in der Stadt Bern sollten sowiso mehr kontrolliert/gebüsst werden. Ich sehe täglich Velofahrer welche bei rot über die Ampel,ohne Licht und auf dem Trottoir fahren Antworten
»Und beim Ozon und beim Feinstaub sind einfach die Grenzwerte zu tief. Würden sie etwas erhöht, wäre das Problem gelöst. Das ist doch ein reines Druckmittel.» Und bei einem Atomunfall erhöhen wir einfach auch die Grenzwerte? Aiaiai, Herr Hofer... Antworten
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