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«Die Attacke gegen Thun-Fans hat uns alle schockiert»

Von Tobias Habegger. Aktualisiert am 05.05.2011 30 Kommentare

YB will rund 30 Chaoten, die am Samstag den Thun-Fanzug angegriffen haben, aus dem Stade de Suisse verbannen. «Solche Leute wollen wir nicht», sagt Sicherheitschef Thomas Gurtner. Doch im Alleingang könne YB das Gewaltproblem nicht lösen.

Der Sicherheitschef im Stade de Suisse:  «Das Ausmass hat alle überrascht. Das war eine neue Dimension von Gewalt nach einem YB-Spiel», sagt Thomas Gurtner.

Der Sicherheitschef im Stade de Suisse: «Das Ausmass hat alle überrascht. Das war eine neue Dimension von Gewalt nach einem YB-Spiel», sagt Thomas Gurtner.
Bild: Beat Mathys

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Thomas Gurtner, am Samstag haben YB-Anhänger in Ostermundigen einen Zug voller Thun-Fans mit Schottersteinen angegriffen und dabei Personen verletzt. Können die YB-Verantwortlichen nach diesem Vorfall zur Tagesordnung übergehen?
Thomas Gurtner: Dieser Angriff auf den BLS-Zug war ein krimineller Akt. Für uns war das ein Schock. Unser Interesse ist gross, herauszufinden, wer hinter dieser Aktion steht.

Hätte man im Vorfeld des Spiels mit einem solch krassen Übergriff rechnen müssen?
Nein, das war für alle Beteiligten eine negative Überraschung – auch für die Polizei. Bei der Risikoprognose werden ja immer auch die Fanorganisationen eingebunden. Auch diese reagierten am Samstagabend schockiert über die Meldung aus Ostermundigen. Normalerweise sind die Spiele zwischen YB und Thun alles andere als Risikospiele.

Müssen die Kantonalderbys künftig wie Risikospiele behandelt werden? Oder anders gefragt: Gibts überhaupt noch YB-Spiele, die nicht in die höchste Gefahrenstufe fallen?
Das müssen wir nun herausfinden, gemeinsam mit der Polizei, welche derzeit nach den Tätern sucht. Wir müssen aber auch aufpassen, dass es jetzt nicht automatisch heisst, solche Vorfälle würden nach jedem YB-Spiel passieren. Es könnte ja auch sein, dass die Chaoten gar keine YB-Fans waren. Da wir die Täter noch nicht kennen, wissen wir auch nicht, ob sie überhaupt am YB-Match waren. Es kann ja jeder einen YB-Schal umhängen und irgendwo Stunk machen. Aber ganz klar, solche Vorfälle fliessen in künftige Lagebeurteilungen mit ein.

Wie viel wissen Sie bereits über die Täterschaft. Welchen Kreisen ordnen Sie die Schläger zu?
Wir warten auf die Resultate der Polizeiermittlungen. Offenbar sind erste Hinweise eingegangen.

Was tun Sie dann?
Werden die Täter von der Polizei verurteilt, ergreifen auch wir Massnahmen. Solche Leute wollen wir nicht in unserem Stadion. Wir haben eine Stadionordnung. Wer sich nicht daran hält, kriegt ein Stadionverbot. In diesem Jahr haben wir 22 Stadionverbote verteilt, und 12 Verfahren sind noch hängig. Wir wollen Ordnung im Stade de Suisse. Um dieses Ziel zu erreichen, gehen wir rigoros gegen Störenfriede vor. Wir arbeiten eng und konstruktiv mit der Polizei zusammen. Trotzdem darf man nicht vergessen: Am Samstag waren 19'800 Menschen im Stadion. Circa 30 griffen in Ostermundigen den Zug an.

Die Zahl der Täter mag klein sein. Doch die Chaoten haben Familien mit Kindern angegriffen. Zwei Personen mussten ins Spital. Sollte man diesen Vorfall nicht eher an seinem Ausmass beurteilen?
Das Ausmass hat alle überrascht. Das war eine neue Dimension von Gewalt nach einem YB-Spiel. Wie gesagt, ein krimineller Akt, den wir scharf verurteilen. Wie kann sich ein Fussballklub gegen solche unerwünschten Chaoten wehren? Der Angriff geschah auf öffentlichem Grund. Im Stadion können wir dank unseren Leuten und dem Überwachungssystem die Ordnung garantieren. Aber sobald es weiter raus geht, lässt sich das Problem nur noch gemeinsam mit den Behörden und der Polizei lösen.

Welchen Teil trägt YB zur Problemlösung ausserhalb des Stadions bei?
Wir treffen uns demnächst mit der Fanarbeit Bern zu einem Gespräch. Dort analysieren wir den Vorfall und suchen nach Möglichkeiten, wie sich solche Angriffe in Zukunft vermeiden lassen. Die zentrale Frage ist, wie sich Chaoten aus der schützenden Masse isolieren lassen. Es ist schwierig, diese Menschen rauszupicken. Wir hoffen fest, dass die Polizei die Täter ermittelt und die Justiz diese dann auch bestraft.

Machen Sie Druck auf die Fanarbeiter und die Fans, damit diese der Polizei bei den Ermittlungen helfen?
Wir werden den Fans ganz klar signalisieren, dass wir nun einen Punkt erreicht haben, an dem man Klartext reden muss.

Stellen Sie an die Fanarbeiter, die ja unabhängig vom Klub arbeiten, konkrete Forderungen? Immerhin werden diese finanziell von YB unterstützt.
Im Moment eruieren wir intern unsere Möglichkeiten. Wir tragen zusammen, wie weit wir mit unseren Forderungen an die Fanarbeiter gehen können. Denn wirklich weiter bringen uns nur Schritte, die wir gemeinsam nehmen. Der harte Kern der Fanszene nimmt seine Verantwortung übrigens wahr. Dazu ein Beispiel: Nach dem verlorenen Cupspiel YB - Zürich haben ein paar aufgebrachte Fans den Tunnel vor dem Spielereingang im Stadion aufgeschlitzt. Im nächsten Heimspiel hat sich der Capo nach der Partie demonstrativ vor diesen Tunnel gestellt, damit er, wenn nötig, hätte dazwischengehen können. Der Capo ist – für diejenigen, die das nicht wissen – die Person, die mit dem Rücken zum Spielfeld vor der Fankurve steht und mit dem Megafon die Fangesänge anstimmt.

Im Stade de Suisse blieb es – bis auf wenige Ausnahmen – bisher ruhig. Aber hört die Verantwortung des Klubs bei den Stadionmauern auf?
Wir haben ausserhalb des Stade de Suisse gemeinsam mit den Stadtbehörden eine Rückhaltezone für Gästefans errichtet. Zudem haben wir die Gästeführungszone bis rüber zur S-Bahn-Station Wankdorf finanziert...

Sie meinen den Fanzaun?
Für uns ist das kein Zaun, sondern eine Gästeführungszone. Aber zurück zu Ihrer Frage: Wir können doch nicht die Verantwortung für die Sicherheit an jedem Bahnhof zwischen Thun und Bern übernehmen.

Sie verkaufen im Stade de Suisse ein Fussballerlebnis. Es ist doch in Ihrem Interesse, dass die Konsumenten am Ende sicher nach Hause kommen – und nicht nur sicher bis zur Station Wankdorf.
Natürlich. Aber diese Sicherheit kann YB alleine nicht garantieren. Das Problem müssen alle gemeinsam lösen. Krawall gibt es heutzutage leider fast überall, auch im Nachtleben in der Aarbergergasse. Aber ich sage es nochmals: Wir pflegen einen engen Kontakt mit der Polizei, und wir arbeiten konstruktiv zusammen. Wir suchen ständig nach Verbesserungsmöglichkeiten. In den letzten Jahren hat YB diesbezüglich sehr viel unternommen.

Wärs jetzt nicht an der Zeit, dass eine Geste der Young Boys an die Adresse der Thun-Fans kommt?
Wir waren in Kontakt mit dem FC Thun und haben den Oberländern gesagt, dass wir jede Art von Gewalt verurteilen.

Reicht das? Oder ist noch etwas geplant – ein offener Brief an die Fans oder eine öffentliche Entschuldigung?
Ich sage es nochmals: Der Angriff auf die Thun-Fans fand am Bahnhof Ostermundigen auf öffentlichem Grund statt. Die Polizei muss die Schuldigen finden. Aber die Young Boys haben wegen solcher Vorfälle ein Imageproblem. Seit zwei, drei Jahren läufts im Stade de Suisse gut. Die Stimmung ist toll. Leider gabs in den letzten Wochen ausserhalb unseres Stadions eine Serie von Ereignissen, die uns negativ stimmen. Das wollen wir verhindern. Allerdings wird von den Medien auch sehr schnell und oft auf dem Negativen rumgehackt.

Was tun Sie, damit die Öffentlichkeit wieder positiver über YB spricht?
YB ist ein Klub, der sehr viel für die Sicherheit und die Fanarbeit macht. Wir zahlen jährlich 50'000 Franken an die Fanarbeit. Wir stecken jährlich 3 Millionen in die Sicherheit rund ums Stade de Suisse bis hinüber zur S-Bahn-Station Wankdorf. Selbst die Swiss Football League bezeichnet uns diesbezüglich als Pilotklub. Bei der Stadionsicherheit ist YB führend. Vielleicht ist unser Problem, dass wir viele Sachen hinter den Kulissen machen, aber zu wenig in der Öffentlichkeit darüber sprechen. Unsere Devise ist halt: zuerst das Fundament aufbauen und erst dann davon erzählen.

Nach dem Vorfall vom Samstag nimmt der Druck wieder zu, dass sich die Young Boys stärker an den Polizeikosten beteiligen sollten.
Wir haben einen Vertrag mit der Stadt Bern, an den wir uns halten. In diesem Vertrag hat es klare Zielvorgaben. Diese haben wir bisher immer umgesetzt.

Laut diesem Vertrag bezahlt YB jährlich 60'000 Franken an die Polizeikosten. Zusätzlich bezahlt der Klub zwei Franken pro Zuschauer für internationale Spiele. Auf der andern Seite stehen drei Millionen Franken Polizeikosten für YB-Spiele alleine im Jahr 2010.
Die Tendenz der Polizeikosten ist sinkend. Im 2010 gingen diese im Vergleich zum Vorjahr um 15 Prozent zurück. Da wollen wir ansetzen. Auch Berns Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP) ist bestrebt, die Polizeikosten für YB-Spiele zu senken.

Trotzdem, im Vergleich mit anderen Schweizer Sportklubs sind die 6o'000 Franken pro Jahr ein lächerlicher Betrag.
Die Young Boys geben der Öffentlichkeit sehr viel zurück. Unsere Spiele und Anlässe erhöhen die Wertschöpfung in der Stadt Bern. Wir sind ein mittelständischer Betrieb, der viele Leute entlöhnt und für viele Zulieferer aus der Region von grosser Bedeutung ist. YB und das Stade de Suisse sind für Bern sehr wichtige Arbeitgeber. Oder nehmen wir die sinnvolle Freizeitbeschäftigung für die Berner Jugend. Auf dem Neufeld haben wir für drei Millionen Franken ein Trainingscamp gebaut. Dort trainiert die GGB, der Turnverein Länggasse, der FC Bern und der Universitätssport. Zudem will der Gemeinderat die Stadt Bern als Sport- und Eventstadt etablieren. Dazu liefert YB einen entscheidenden Beitrag.

Thomas Gurtner (54) ist seit diesem Frühjahr Leiter Betrieb und Events der Stade de Suisse AG – und in dieser Funktion auch zuständig für die Sicherheit im Stadion. (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.05.2011, 18:22 Uhr

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30 Kommentare

Chrigu Meyer

05.05.2011, 07:19 Uhr
Melden 24 Empfehlung

Herr Gurtner hat recht. Wie soll YB die Verantworung dafür übernehmen, was in Ostermundigen passiert? Oder kann ich nun diverse Lokale anzeigen, wenn ich am Morgen früh in der Aarbergergasse plötzlich angegriffen werde? Schliesslich war ich ein Gast dieser Nachtclubs und diese müssen für mein sicheres nach Hause gehen garantieren... ;-)
Natürlich war die Aktion in O'mundigen unter jeder Sau!!!
Antworten


Tom Meister

05.05.2011, 16:12 Uhr
Melden 13 Empfehlung

@fredi huber: Meine Daseinsberechtigung... ich bin ein rund 60-jähriger Mann und habe mein Sitzplatz-Abo im Stade de Suisse im Sektor A. Ist es schlimm wenn ich dennoch kein Problem damit habe, wenn ein paar YB-Fans Pyro zünden? Ist es ein Problem wenn ich mich nach wie vor sicher fühle wenn ich ein Fussballspiel besuche, obwohl man aufgrund von Kommentaren meinen könnte es sei Krieg? Antworten



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