Der Wohlensee verschwindet
Von Peter Steiger. Aktualisiert am 15.10.2011 1 Kommentar
Das Hochwasser hat Anfang Woche im Berner Oberland grosse Schäden angerichtet. Im Unterland waren sie zwar geringer, die Wassermassen in den randvollen Bächen und Flüssen, aber dennoch eindrücklich. Eine weitere Auswirkung war unsichtbar: Durch dieses Hochwasser verlandet der Wohlensee noch mehr.
Hochwasser bedeutet Unheil. Aber nicht nur. Im Wohlensee haben die Fluten auch sympathischere Konsequenzen. Sie führen Sand, Kies und mikroskopisch kleine Schwebeteile mit, die sich im See ablagern. Im oberen Teil, bei der Wohleibrücke und in der Inselrainbucht, entstehen Inseln, auf denen Vögel leben, die hier bisher nicht heimisch waren. Auf dem neu gebildeten Land wachsen Pionierpflanzen, Weidenbäume etwa.
Noch idyllischer
Über diese Entwicklung freuen sich die Naturschützer: Durch die Verlandung wird das Gebiet bei Hinterkappelen noch mehr als jetzt zu einer Idylle, zu einem wertvollen Biotop mit grosser Artenvielfalt. Weniger angetan sind die Bötler und Ruderer: Der Landgewinn zwingt sie, abwärts auszuweichen. Wenn man gehörig in die Zukunft blickt, müssen sie aufs Hobby und auf den Sport ganz verzichten: In etwa 140 Jahren gibt es keinen Wohlensee mehr. Eine dritte Konsequenz schliesslich ist ganz und gar ungemütlich: Weil die Ufer immer flacher werden, drohen Überschwemmungen. Die Verlandung lässt den Wasserspiegel bei Hochwasser um bis zu 70 Zentimeter steigen. Die Ufer sind zwar nicht verbaut, doch können die Fluten die Wege überspülen.
Noch ungenau
Zu diesen Erkenntnissen kommt eine Studie, die das Ingenieurbüro Flussbau AG in Bern für den Kanton und die BKW erarbeitet hat. Etwa um 2150 wird die sogenannte Verlandungsfront den Damm beim Wasserkraftwerk Mühleberg erreichen. Statt einem See wird sich dann wieder die Aare durch die Landschaft schlängeln.
Auf solch weite Sicht seien die Prognosen allerdings wenig präzise, erklärt «Flussbau»-Projektleiter Lukas Hunzinger. Genauer sind die Erkenntnisse für die nächsten 80 Jahre. Innerhalb dieser Zeit verlandet der Wohlensee um rund 2000 Meter. In den nächsten Jahren bilden sich in der Inselrainbucht und unterhalb der Wohleibrücke verhältnismässig rasch Inseln, und der See verkleinert sich jährlich um bis zu 30 Meter. Weil er zur Staumauer hin tiefer wird, verlangsamt sich dieser Prozess später.
Noch 62 Prozent
1920 beendeten die Arbeiter die Staumauer für das Kraftwerk. In den folgenden Jahren füllte sich der See mit rund 25 Millionen Kubikmeter Wasser. Unterdessen fasst er nur noch 62 Prozent dieses Volumens. Jedes Jahr lagert die Aare rund 100000 Kubikmeter Geschiebe und winzig kleine Schwebestoffe ab.
Diesen Prozess könne der Mensch kaum beeinflussen, erläutert Lukas Hunzinger. Um das Berner Mattequartier vor Hochwasser zu schützen, hat man dort vor einigen Jahren Kies weggebaggert. Gemäss Hunzinger haben diese und alle anderen früheren Entnahmen bloss wenig Auswirkungen auf den Wohlensee. Umgekehrt beeinflusse die Verlandung aber auch nicht die Sicherheit des Staudamms, beruhigt Hunzinger. (Berner Zeitung)
Erstellt: 15.10.2011, 10:06 Uhr
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