Der US-Bomber explodierte, die Soldaten hatten Ferien

Über Sumiswald sprang Sargent Robert «Bob» Morin ab, das Flugzeug zerschellte in einem Wald bei Jegenstorf. Die total zehn Amerikaner entgingen an jenem 11.Mai 1944 nur knapp dem Tod. In Lützelflüh assen sie Rösti mit Spiegelei und wurden sich bewusst: Sie waren gerettet.

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Ein Flugzeug rast über das Emmental, leer, führerlos, die Besatzung ist abgesprungen. Im Gleitflug dreht der B-24-Bomber des Typs «Liberator» eine Schlaufe über der Stadt Bern, zwei Motoren brennen, fliegt weiter Richtung Norden, er verliert an Höhe. Im Hambühlwald bei Jegenstorf streift er die Baumwipfel, reisst Rottannen um, schlägt eine breite Schneise, zerschellt am Boden. Eine mächtige, tiefschwarze Rauchsäule steigt auf. Die Trümmer liegen weit verstreut, 11.Mai 1944, 16 Uhr, am Sonntag ist es genau 70 Jahre her.

25 Flüge, dann nach Hause

Fünf Stunden vorher sitzt auf dem Flughafen Horsham St.Faith, England, ein 21-jähriger, gut aussehender Mann unter dem Flügel einer B-24, 33,55 Meter Spannweite, vier Motoren. Robert «Bob» Morin wartet auf seine Kameraden. Der Amerikaner ist ein stiller Typ, ein Patriot, der später auch in Korea und in Vietnam kämpfen wird. Im Mai 44 aber will er vermutlich nur zurück nach Hause, seine Freundin wartet auf ihn. Dafür muss er 25 Missionen erfüllen, er weiss aber auch, dass man im Schnitt nur 10 überlebt. 294 Bomber starten an diesem Tag in England, um in Frankreich Bahnhöfe zu bombardieren. Morins Mission führt ihn nach Epinal, in die Region Lothringen.

Die Schrift von Bob Morin wirkt hastig, weit nach vorne geneigt, teils fast unleserlich. 2008 ist Bob Morin gestorben, der Utzenstorfer Rolf Zaugg lagert seine Briefe in einem dicken Ordner in seinem Keller, seinem privaten Fliegermuseum. Uniformen, Maschinengewehre, Sauerstoffmasken findet man hier – 25 Jahre Faszination in einem Raum. Viele Geschichten lassen sich in Zauggs Keller rekonstruieren, auch jene dieses 11.Mai, als Bob Morin ins Glück stürzte.

Zwei Motoren fallen aus

In Formation fliegen die amerikanischen Bomber über das besetzte Frankreich. Morin sitzt vorne im Kugelturm der B-24, eng zusammengedrückt, neben ihm zwei Browning M-2, zwei Bordkanonen, mit denen er zehn Schuss pro Sekunde abfeuert, sobald ihm ein deutscher Jäger ins Visier kommt. 20 Minuten sind die Flieger von Epinal entfernt, als die Fliegerabwehrkanonen sie zum ersten Mal treffen. Ein Motor fällt aus, wenig später ein zweiter. Über Epinal wirft Pilot Suart Goldsmith sechs Bomben ab, muss aber einsehen, dass es der Bomber nicht mehr zurück nach England schafft. Er verliert an Höhe, verlässt die Formation, dreht ab Richtung Schweiz.

«In Deutschland wäre die Besatzung in ein Luftwaffenstraflager gekommen», sagt Rolf Zaugg. «Das bedeutet knapp genug zu essen und ein Dach über dem Kopf.» In der Schweiz dagegen, das wussten die Amerikaner wohl, bedeutete eine Internierung «Holidays», wie Zaugg sagt. Die Internierten hatten viele Freiheiten, besuchten die Berge, fuhren Ski, flirteten mit den Schweizer Mädchen. Die USA gaben ihren Soldaten 12 Dollar pro Tag, «mein Grossvater lebte damals von 3 Franken», vergleicht Zaugg. So unterstützten die Internierten den Schweizer Tourismus, der unter dem Krieg litt.

11.Mai, 15.30 Uhr. Jäger geben Morin und seinen Kameraden Deckung, bis sie die Grenze erreichen. Der Bomber verliert weiter an Höhe, fliegt durch die Wolken, für die Besatzung wird es ernst. Bob Morin hat keine Ahnung, wo er ist, als er abspringt und in die Tiefe stürzt. Er landet in hohen Bäumen, fällt, als die Seile an seinem Fallschirm reissen, staucht sich den Knöchel. Morin zögert, doch am Waldrand wartet bereits ein Mann mit Gewehr, um ihn festzunehmen.

Im Ochsen Lützelflüh

Um 18.30 Uhr sitzen alle zehn Besatzungsmitglieder im Ochsen in Lützelflüh. Niemand ist verletzt, der Wirt serviert Rösti mit Spiegelei, die Armee sichert die Absturzstelle in Jegenstorf. Bob Morin und die Crew sind eine Attraktion im Emmental. Für Morin hätte die Mission kaum besser enden können. Als er im Ochsen sitzt, kann er sich sicher sein: Er wird den Zweiten Weltkrieg überleben, in tollem Ambiente, erst auf dem Gurten, dann in Adelboden und Wengen. Im Februar 1945 kehrt er zurück nach Amerika, im Sommer heiratet er.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 10.05.2014, 09:48 Uhr

Fremde Flieger in Bern

1944 war das Jahr, in dem fremde Vögel in den Kanton Bern kamen, um als Schrott zu enden. Auf der Internetseite warbird.ch, die unter anderem von Rolf Zaugg betreut wird, sind die Abstürze aufgearbeitet. Neben dem Absturz in Jegenstorf gab es drei weitere:
Golaten, 15.3.1944: Beinahe wäre der Bomber auf das Dorf Golaten abgestürzt. Die englische Maschine wurde wohl über Frankreich angeschossen. Die Crew sprang ab, der Bomber flog durch die Nacht weiter. Er kreiste einige Male über Golaten und stürzte schliesslich in ein Feld neben einem Bauernhaus.
Bätterkinden, 13.7.44: Der amerikanische Bomber «Battlin Baby» wurde bei einem Einsatz in Saarbrücken von deutschen Fliegerabwehrkanonen getroffen. Kurz nach der Schweizer Grenze sprang die Besatzung ab. Das Flugzeug explodierte nahe Bätterkinden knapp über dem Boden.
Bern, 20.8.44: Zwei deutsche Jäger, Messerschmitt Bf 109, wollten auf dem Berner Beundenfeld notlanden. Das ehemalige Flugfeld diente als Infanterieübungsplatz. Die erste Maschine überschlug sich auf einem Erdwall, die zweite knallte in eine Panzerattrappe. Beide Piloten wurden leicht verletzt.

Bei all diesen Abstürzen kam niemand ums Leben, wohl aber bei vielen anderen. Waren es Amerikaner, wurden sie mit grosser Wahrscheinlichkeit in Münsingen begraben. Dort gab es einen American Military Cemetery, einen US-Soldaten-Friedhof. Insgesamt fanden 61 Amerikaner in Münsingen ihre letzte Ruhe. 1948 wurde der Friedhof aufgehoben, die Gefallen exhumiert und nach Frankreich oder zurück in die USA gebracht.

Auf www.warbird.ch sind Flugzeugabstürze dokumentiert. Rolf Zaugg führt auf Anfrage durch sein Privatmuseum in Utzenstorf (079 6531357).

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