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Der Kojak vom Belpberg

Von Christian Liechti. Aktualisiert am 26.01.2011 1 Kommentar

Er kämpft vor Gericht genauso hart für den Banker wie für den Bordellbetreiber. Roger Lerf mag sich nicht auf eine Klientel festlegen und ist vielleicht gerade deswegen einer der bekanntesten Anwälte zwischen Bern und Thun.

Roger Lerf wälzt in seinem Büro in Toffen die Gesetzestexte und legt sich seine Strategie fest. Er ist frühmorgens meist der Erste im Büro.

Roger Lerf wälzt in seinem Büro in Toffen die Gesetzestexte und legt sich seine Strategie fest. Er ist frühmorgens meist der Erste im Büro.
Bild: Urs Lindt

Kojak-Darsteller Telly Savalas sieht Roger Lerf verblüffend ähnlich. Würde die beiden nicht eine Generation trennen, könnte man meinen, sie seien Zwillinge. Savalas wurde 1922 geboren und starb 1994.

Eishockey ist die grosse Leidenschaft von Roger Lerf. (Bild: Urs Lindt)

Zum TV-Kommissar fehlt ihm nur der Lollipop. Mit Brille und stets polierter Glatze sieht Roger Lerf Kojak zum Verwechseln ähnlich. Doch Lerf jagt keine Schurken und Gauner durch die Häuserschluchten von Manhattan. Der Anwalt aus Gerzensee sorgt dafür, dass der Berner Justizapparat seine Klienten möglichst schnell wieder ausspuckt und sie aus dem Schlamassel wieder herauskommen. Zu Lerfs Klienten gehört der Bankangestellte, der Geld unterschlagen hat, der Schrotthändler, der sich jahrelang den Behörden widersetzt, der Kassier der Hornusser, der mit der Vereinskasse abhaut, der Bordellbetreiber, dem Menschenhandel vorgeworfen wird, oder der Gewerbler, dessen Betrieb vor dem Konkurs steht. «Mir gefallen Fälle, auf die die Gesellschaft mit den Fingern zeigt», sagt er. Was die Leute denken, ist ihm egal. «Als Anwalt bin ich nur gegenüber meinen Klienten verpflichtet.»

Interessen breit gefächert

Auf ein rechtliches Fachgebiet, auf eine Sorte Kunden mag sich der 46-Jährige nicht konzentrieren. «Meine Interessen sind breit gefächert», sagt Lerf. Seine Gesinnung sei bürgerlich, doch wenn es um einen Fall gehe, dürfe das keine Rolle spielen. Für seine bürgerlichen Ideale kämpft Roger Lerf auch mal auf politischem Parkett: Bei den Wahlen 2006 kandidiert er für den Grossen Rat des Kantons Bern. Auf Anhieb holte er 1880 Stimmen, was zwar bei weitem nicht für einen Sitz im Kantonsparlament reichte, jedoch allemal für gute Werbung sorgte. «Lerf gibt Jus» war der Titel seines Wahlkampfs. Als Werbeträger verteilte er Orangensaft.

Eine seiner Wahlkampfkarten hängt noch immer in einem Büro im Gürbetal. Das Büro gehört Schrotthändler Franz Messerli, der mit seinem Autofriedhof schweizweit berühmt wurde. Messerli engagierte Lerf vor Jahren, als es um die Existenz des Autofriedhofs in Kaufdorf ging. Die Behörden verfügten damals, dass die Wracks vorschriftsgemäss gelagert oder entsorgt werden müssten. Über all die Jahre entstand aus der Zusammenarbeit zwischen dem kauzigen Schrotthändler und dem Juristen eine Freundschaft. «Einen anderen Anwalt will ich nicht mehr. Wir sind ein gutes Team geworden», sagt Messerli heute, nachdem der Autofriedhof geräumt ist. Lerf komme ohne Umschweife auf den Punkt, sage unverblümt, was er denke.

Der Anwalt habe ein überzeugendes Auftreten; im Amthaus lasse er sich nichts gefallen, weder vom Richter noch von der Gegenpartei. Messerli: «Er ist eben nicht aufs Maul gefallen.» Trotz der Direktheit attestiert der Schrotthändler Lerf ein Gespür für Diplomatie. «Roger ist ein Schlitzohr, wie er im Buche steht.»

Möglichkeiten ausschöpfen

Als ein Schlitzohr würde sich Roger Lerf nicht bezeichnen. Er formuliert es so: «Für meine Klienten schöpfe ich alle legalen Mittel aus.» Dabei gehe er bis an die Grenze des Möglichen. «Es kann manchmal sehr weit gehen, bis man an Grenzen stösst.» An seine persönlichen Grenzen stiess Roger Lerf kurz nach seiner Patentierung als Anwalt. Anfang der 1990er-Jahre geriet die Stiftung Rüttihubelbad in Schieflage und stand vor dem Aus. «Hoffnungslose Fälle reizen mich», sagt Lerf. Beim Sanierungsfall Rüttihubelbad vertrat er gegen 150 Gläubiger, Unternehmer, die um ihr Geld bangten. Es fehlten 12 Millionen Franken. Noch bevor es zur Verhandlung vor Gericht kam, einigten sich alle Beteiligten auf einen Nachlassvertrag. Dieser sah vor, dass die Handwerker auf die eine Hälfte ihrer Forderungen verzichteten, um wenigstens noch die andere Hälfte des Geldes zu erhalten. Alle Beteiligten mussten dem Vertrag zustimmen, sonst wäre der Handel geplatzt.

Verantwortung übertragen

Das sei eine «sagenhafte Leistung» gewesen, sagt Samuel Schmid, Gerichtspräsident in Langnau. Schmid absolvierte bei Lerf als angehender Jurist just in der Zeit des Rüttihubelbad-Falls ein einjähriges Praktikum. Anwalt Lerf habe «keine Berührungsängste und ist pragmatischen Lösungen nicht abgeneigt». Er scheue Gerichtsverhandlungen nicht. Im Interesse seiner Klienten strebe er aber auch aussergerichtliche Einigungen an.

Schmid erinnert sich gerne an seine Zeit als Praktikant zurück. Sein Chef habe ihm viel zugetraut, ihm freie Hand gelassen. «Das ist nicht überall so. In vielen Kanzleien wird Praktikanten kaum Verantwortung übertragen», sagt Schmid. Er habe die Atmosphäre bei der Arbeit geschätzt. Trotz ernster Fälle sei die Stimmung im Büro stets gefreut gewesen.

Dem Praktikanten Schmid ist damals auch aufgefallen: Sein Chef war normalerweise früh im Büro. Er sei tatsächlich ein Frühaufsteher, bestätigt Roger Lerf. Zwischen 5 und 8 Uhr könne er ungestört arbeiten. Morgens und nachmittags sei er meist durch Gerichtsverhandlungen blockiert, und «kopflastiges Arbeiten» sei unmöglich. Um die langen Arbeitstage wieder auszugleichen, hält sich Roger Lerf das Wochenende für seine Familie und seine Hobbys frei. Dann widmet er die Zeit seiner Frau und seinen drei Kindern.

Junior beim SC Bern

Die Arbeit als Anwalt hat sich offenbar gelohnt. Er wohnt in einer Villa mit Pool und Alpensicht. Eine seiner Leidenschaften ist Eishockey. Als Junior spielte er beim SC Bern, wechselte dann zum EHC Wiki-Münsingen in die 1.Liga, um schliesslich bei den Senioren des EHC Rubigen zu landen. Beim Eishockeyverband präsidiert er die Rekurskammer für Klubwechsel. Hier amtet er nicht als Anwalt, sondern als Einzelrichter, das seit über zwanzig Jahre.

Den Hockeystock wechselt Lerf regelmässig gegen den Golfschläger aus. Einmal pro Woche spielt er auf dem Golfplatz in Kiesen. Das Spiel mit Freunden ist Ehrensache und ein fester Bestandteil im Terminkalender.

Roger Lerf spricht über eines seiner Hobbys besonders gerne. Zusammen mit drei Freunden hat er die LHZ-Baugenossenschaft gegründet. Unter ihrem Dach handelt Lerf mit Immobilien, saniert alte Häuser, nutzt sie um oder erstellt Wohn- und Geschäftshäuser. «Bauen fasziniert mich», sagt Lerf, «denn Häuser sind bleibende Werte, die ein Menschenleben überdauern.»

Roger Lerf baut zurzeit im Zentrum von Belp ein neues Bürogebäude. Im Juli übersiedelten er und sein Büropartner Martin Gärtl die Kanzlei in den Neubau. Auch Gärtl hat einst bei Lerf ein Praktikum absolviert.

Tipps für Autofahrer

Vom Häuserbau zurück zum Kommissar im Fernsehen. Auch Roger Lerf scheut sich nicht, vor eine Kamera zu stehen. Seis für einen seiner Klienten oder für die TCS-Motorshow im Schweizer Fernsehen. Unter dem Slogan «Ein Fall für Anwalt Roger Lerf» gibt er dort Rechtstipps für Autofahrer. Die TCS-Motorshow zeigt ihn mal locker in seinem Bürostuhl, mal vor historischer Schlosskulisse. Würde im Hintergrund nicht die Krimimelodie von «Ein Fall für zwei» laufen, man würde Lerf prompt mit Kojak verwechseln. (Berner Zeitung)

Erstellt: 26.01.2011, 10:02 Uhr

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1 Kommentar

Viorel Raviele

26.01.2011, 13:20 Uhr
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Der ach so grosse Kojak vom Belpberg mit seinen Ratschlägen hat mich tausende von Franken gekostet! Mir wurde eine Lösung vorgeschlagen, welche im Nachhinein meiner Meinung nach nur die rasche Begleichung des Honorars als Ziel hatte. Die Interessen eines damals 22-jährigen Jungen ohne Geld und mit einem Gesuch für unentgeltliche Prozessführung waren wohl kein genügender Anreiz - Merci Roger! Antworten



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