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«Das Kopftuch ist mein Schutz»
Von Stefan von Bergen. Aktualisiert am 19.06.2010
Muhammad Ayyub (Bild: Stefan Anderegg)
Frau Ayyub, tragen Sie Ihr Kopftuch den ganzen Tag, oder legen Sie es auch mal ab?
Salma Ayyub: Wenn ich zu Hause, mit meinem Mann oder mit Frauen zusammen bin, dann brauche ich die Pardah, wie wir das Kopftuch nennen, nicht. Aber wenn ich Fremde treffe wie Sie oder aus dem Haus gehe, dann muss ich sie tragen.
Dürften Sie ohne die Anwesenheit Ihres Mannes mit mir reden?
Muhammad Ayyub: Natürlich darf sie das!
Konnten Sie Ihren Ehemann frei wählen?
Salma Ayyub: Ja, ich wählte ihn, ohne von den Eltern gezwungen zu sein. Als wir heirateten, war er Offizier in der pakistanischen Armee, und ich war gerade am Bachelor an der Punjab University. Ich bin ausgebildete Sprachlehrerin für Urdu, Pakistans Landessprache.
Auch Ihre Töchter dürfen den Ehemann frei wählen?
Muhammad Ayyub: Selbstverständlich. Wir Eltern helfen allerdings bei der Suche des Ehemannes. Wenn die Tochter mit unserem Vorschlag nicht einverstanden ist, kann aber keine Ehe stattfinden. Die Zwangsehe ist verboten im Islam. Unsere ältere Tochter lebt glücklich mit ihrem Ehemann. Ihre Ehe haben wir mit Ihrer ausdrücklichen Zustimmung arrangiert. Es ist ein falsches Islam-Klischee des Westens, dass muslimische Eltern generell den Ehemann für ihre Töchter wählen, ohne dass diese etwas dazu sagen können. Wir wollen Ihnen hier in der Schweiz das wahre Bild des Islams zeigen und nicht ein negatives.
Eine gut ausgebildete Frau mit Kopftuch: Das passt für unser westliches Denken nicht zusammen, Frau Ayyub. Tragen Sie es wirklich aus freien Stücken?
Salma Ayyub: Ich trage es aus eigenem Entscheid. Ich bin in eine muslimische Familie geboren worden, und ich bin es gewohnt, die Pardah zu tragen. Das gehört zu meinem religiösen Glauben. Die Pardah beschützt mich in der Gesellschaft vor Bedrohungen. Ich fühle mich sicherer, wohler und bequemer, wenn ich sie trage.
Vor welcher Bedrohung schützt Sie das Kopftuch?
Salma Ayyub: Es steht im Koran, dass ich die Pardah tragen soll, damit ich nicht belästigt werde. Das Kopftuch ist ein Symbol der Keuschheit und eine Botschaft dafür, dass eine Frau keinerlei Interesse an Fremden hat. Wenn diese Botschaft von Männern mit einer verdorbenen Natur richtig verstanden wird, bleibt eine Frau verschont von Belästigungen. Der Islam lehrt, dass man aussereheliche Beziehungen vermeiden soll. Also muss man von Anfang an verhindern, dass man sich vor der Ehe mit einem Mann einlässt.
Es kann doch nicht die Aufgabe der Frauen sein, den Männern die Selbstkontrolle abzunehmen?
Salma Ayyub: Es entspricht der Lehre des Islams, dass die Frauen sich züchtig kleiden sollen. Es steht übrigens genauso im Koran, dass die Männer bescheiden sein und den Blick senken sollen. Im Koran ist gar an erster Stelle von den Männern die Rede. Männer und Frauen sollen sich züchtig kleiden.
Es gehört aber auch zur Natur des Menschen, dass er sich selbstbewusst präsentiert.
Salma Ayyub: Männer und Frauen sollten sich nicht so nahe kommen, dass die Frauen belästigt werden. Man kann Männern gut zureden. Aber es ist besser, wenn es dafür eine Regel gibt.
Ein Rotlicht, ein Stoppsignal wie das Kopftuch?
Salma Ayyub: Ja, ein Signal. Wenn ich mit der Pardah aus dem Haus gehe, bin ich eine ehrenwerte Frau.
Jordaniens Königin hat die muslimischen Frauen aufgerufen, das Kopftuch abzulegen. Sind sie deshalb unehrenhafte Frauen?
Salma Ayyub: Nein. Der Koran belehrt einen, aber es ist in der Verantwortung des einzelnen, die Regel zu befolgen. Sie müssen auch verstehen, dass sich die Männer in Pakistan von den Männern hier in Europa unterscheiden. Die Männer hier sind gut ausgebildet und seit vielen Jahrzehnten eine andere Kultur gewohnt. In Pakistan ist das Tragen der Pardah eine strikte Regel. Hier im Westen ist eine Lockerung erlaubt.
Also könnten Sie hier in der Schweiz das Kopftuch ablegen?
Salma Ayyub: Das würde meinem Herz nicht entsprechen. Es widerspräche meinem Glauben wie auch meiner Gewohnheit. Die Pardah zu tragen, ist meine individuelle Entscheidung. Es ist nicht das Resultat einer Restriktion, sondern Ausdruck von Bescheidenheit und Respekt.
Wir halten es für ein Zeichen der Emanzipation, dass Frauen mit Ihrer Kleidung nicht Rücksicht auf die Männer nehmen müssen.
Salma Ayyub: Ich nehme meinen Schutz in meine eigenen Hände, wenn ich die Pardah trage. Das ist meine Waffe gegen Belästigungen. Wenn ich hinausgehe, will und darf ich nicht halbnackt sein, weil meine Kleider zu viel Einblick erlauben.
Es muss nicht gleich halbnackt sein. Es ist eine Frage des Masses. Braucht es wirklich einen geschlossenen Mantel samt Kopftuch, um bescheiden zu bleiben?
Salma Ayyub: Das ist seit jeher meine pakistanische Kleidung. Meine Töchter tragen Jeans, aber ich bin 50-jährig, ich trage das nicht. Und mein Mantel ist ganz leicht, aus Leinen, sehen Sie.
Dürften Ihre Töchter im nahen Moossee im Badeanzug schwimmen gehen?
Muhammad Ayyub: Wenn sie noch Mädchen sind, ist es möglich. Später sollten die Geschlechter Distanz halten und sich züchtig kleiden. Für uns ist die Jungfräulichkeit bis zur Eheschliessung wichtig. Bei ausserehelicher Sexualität besteht die Gefahr der Vergewaltigung.
Und davor soll das Kopftuch bewahren?
Salma Ayyub: Es schafft eine kleine Distanz und verhindert eine allzu schnelle Vermischung der Geschlechter. Alle Religionen haben schöne und kluge Regeln. Die Lehre des Islams ist die der respektvollen Distanz zwischen den Geschlechtern. Das Kopftuch behindert mich ja nicht im Alltag oder bei der Ausübung eines Berufs.
Muhammad Ayyub: Vorschriften gibt es, weil die Natur des Menschen weich ist. Die Pardah dient auch der allgemeinen menschlichen Verbesserung. In der westlichen Gesellschaft gibt es viele Freiheiten, aber auch viele Probleme. Viele Ehen werden wegen ausserehelichen Affären geschieden. Es werden Millionen umgesetzt mit Pornografie. Das sind Probleme.
Ja. Aber sind es auch Argumente für eine Burka, die sogar das Gesicht einer Frau verhüllt?
Salma Ayyub: Der sunnitische Islam sagt, die Frau müsse auch das Gesicht verhüllen. Aber nicht so, dass das Atmen erschwert wird. Die Burka, die in Afghanistan getragen wird, ist eine übertriebene Art der Verhüllung, die ich persönlich ablehne. Ich verhülle mein Gesicht nicht. Das würde hier in der westlichen Gesellschaft sehr sonderbar wirken und auffallen.
Muhammad Ayyub: Beim Arzt, in der Arbeitswelt, im Passbüro oder auf der Polizei soll eine Frau ihr Gesicht zeigen, damit ihre Identität erkennbar ist.
Salma Ayyub: Mit einem generellen Verbot der Burka oder auch des Kopftuchs bin ich aber nicht einverstanden. Der Kalif unserer Gemeinschaft und der Koran lehren, dass wir die Pardah als Zeichen der Bescheidenheit zu tragen haben. Die Pardah ist aber kein Gefängnis.
Sie wollen nicht von Männern betrachtet werden. Mit einem Kopftuch fallen Sie aber auf.
Salma Ayyub: Ich wohne seit drei Jahren in Schönbühl und fahre täglich nach Bern. Die Leute hier in der Schweiz sind sehr freundlich zu mir und begegnen mir mit Respekt. Ich glaube nicht, dass ich besonders auffalle. Ich bin ganz normal. Niemand fürchtet sich vor mir.
Viele Menschen in der Schweiz verstehen das Kopftuch als provozierendes religiöses Zeichen. So wie ein Minarett.
Muhammad Ayyub: Die Schweiz nimmt in der Familie der Länder eine neutrale Position ein. Der Entscheid für ein Minarettverbot hat das Image der neutralen Schweiz beeinträchtigt. Aber vielleicht wird in 30 Jahren ein neuer Entscheid gefällt.
Salma Ayyub: Meine grundlegenden Menschenrechte sind in der Schweizer Verfassung garantiert. Warum wollen die Schweizer denn nun meine privaten Rechte und meine garantierten religiösen Rechte mit einem Verbot einschränken? Ich will tun können, was mir meine Religion sagt. Religionen und Kulturen sollen ohne Differenzen und Hass nebeneinander leben können. Warum also extra Hindernisse, Vorschriften und Verbote errichten? Wie fühlen sich da die Millionen von Muslimen in Europa? Und muslimische Besucher? Sie haben in der Schweiz Rechte für Vögel, Hunde, Menschen, aber offenbar nicht für muslimische Frauen. Warum?
In muslimischen Ländern haben die Frauen weniger Rechte als im Westen. Es gibt muslimische Frauen, die das Haus nicht verlassen dürfen und zwangsverheiratet werden. Leider auch in der Schweiz. Kürzlich ist die 17-jährige Pakistanerin Svera in Höngg bei Zürich von ihrem Vater getötet worden, weil sie westliche Kleider trug und ihre Freunde selber auswählte.
Muhammad Ayyub: Dieser Vater hat eine verachtenswerte Mentalität. Er ist wohl schlecht ausgebildet und kommt aus konservativen Kreisen mit einer engen, restriktiven Mentalität. Diese schreckliche Tat eines Einzelnen hat nichts mit der islamischen Religion zu tun. Ich hoffe, dass man aus diesem schrecklichen Fall nichts ableitet: So ist der Islam, so ist Pakistan. Wir möchten, dass unser Land hier in der Schweiz respektiert wird.
Kritiker des Kopftuchs sagen, dass es der erste Schritt zur Unterdrückung der Frauen ist.
Muhammad Ayyub: Das verstehen wir anders. Man sollte nicht durch ein Verbot des Kopftuchs die persönliche Freiheit einschränken. Religiöse Verbote bedrohen den gesellschaftlichen Frieden und die Integration.
Religiöse Gebote wie in der Gesetzessammlung der Scharia tun das erst recht.
Muhammad Ayyub: Das ist wieder eine Fehlwahrnehmung des Islams. Nirgendwo auf der Welt ist die Scharia das staatlich anerkannte Recht. Aber es gibt auch bei Ihnen neben dem weltlichen Recht biblische Gebote.
Staat und Religion sind bei uns strikt getrennt.
Muhammad Ayyub: Wie in Pakistan.
Unter den Taliban oder im Iran und in Saudi Arabien werden Menschen im Namen der Shariah gesteinigt oder verstümmelt.
Muhammad Ayyub: Hier ist das Schweizer Recht das oberste Recht, das alle zu respektieren haben. Ich möchte dieses Thema beenden. Die Taliban sind eine politische Organisation, der Iran und Saudi Arabien sind totalitäre Regime. Für mich ist der Islam eine friedliche Religion, in der es keine Strafe gibt, die ein Mensch nicht verdienen würde. Die Frage ist, ob es eine Regierung schafft, ein gesellschaftliches Ambiente zu schaffen, in dem es wenig Verbrechen gibt.
Darf ich Sie noch fragen, was Sie vom Islamischen Zentralrat um den konvertierten Bieler Nicolas Blancho halten?
Salma Ayyub: Wir gehören nicht zu dieser Art Muslime, wir sind nicht so extrem. Sie verbreiten ein falsches Bild des Islams in der westlichen Welt. Sie tragen dazu bei, dass über ein Verbot von Kleinigkeiten wie das Minarett oder das Kopftuch debattiert wird. Wir sollten aber nicht neue Probleme kreieren, sondern uns um eine Harmonie unter den Religionen bemühen.
Muhammad Ayyub: Wir setzen uns für ein anderes Bild des Islams ein, als es Nicolas Blancho tut. Gerade in den Medien. Deshalb sitzen wir jetzt hier mit Ihnen zusammen. Und unsere Mahmud-Moschee in Zürich ist für alle offen. (Berner Zeitung)
Erstellt: 19.06.2010, 12:09 Uhr
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