Bern

Das Ende einer 300-jährigen Eiche

BernNur wenige Stunden waren dazu nötig, die 300 Jahre alte Eiche am Berner Eigerplatz zu fällen. Der mächtige Baum war im Inneren von verschiedenen Pilzen zerfressen und drohte umzukippen.

Stück für Stück wurde die 300-jährige Eiche von den Männern von Stadtgrün Bern gefällt und abtransportiert. Weil mehrere Pilze die Eiche zersetzten, stellte sie ein Sicherheitsrisiko dar.

Stück für Stück wurde die 300-jährige Eiche von den Männern von Stadtgrün Bern gefällt und abtransportiert. Weil mehrere Pilze die Eiche zersetzten, stellte sie ein Sicherheitsrisiko dar. Bild: Urs Baumann

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Am Freitag verlor die majestätische Eiche, die seit Jahrhunderten am Eigerplatz ihren Posten verteidigte, ihren Kampf. Am Morgen früh rückte das Team von Stadtgrün Bern an, ausgerüstet mit Motorsägen, Hebebühne und Lastkran, und beseitigte den 18 Meter hohen Baum Stück für Stück. Doch auch wenn es so klingen mag, in dieser Geschichte war für einmal nicht der Mensch der grösste Feind der Natur.

Es sei ein «natürlicher Prozess» gewesen, der das Ende des Baumes besiegelt habe, erzählt Peter Kuhn, Leiter des Baumkompetenzzentrums von Stadtgrün Bern. Vor etlichen Jahren brannte ein Bauernhaus in unmittelbarer Nähe des Baumes nieder, wodurch er einen Brandschaden erlitt. Dieser diente seither verschiedenen holzzersetzenden Pilzen als Eintrittspforte: Sie breiteten sich im Inneren des Stammes aus und höhlten diesen aus. Mittlerweile ist der Baum so morsch, dass er ein Sicherheitsrisiko darstellt.

Während Kuhn die Geschichte des zweitältesten Baumes der Stadt Bern erzählt – ein älteres Exemplar gäbe es nur noch im Wald der Engehalde – schwingt ein melancholischer Unterton in seiner Stimme mit: «Wäre es nach uns gegangen, hätte die Eiche noch viele weitere Jahre leben dürfen.»

Stadtentwicklung überlebt

300 Jahre lang stand die mächtige Eiche an ihrem Platz. Als sie als Sprössling das Licht der Welt erblickte, begrenzte sich die Stadt auf die untere und obere Altstadt – jenseits des heutigen Bahnhofs dominierten weite Felder und Bauernhofbetriebe. Über 200 Jahre konnte der Baum ungestört wachsen, bevor die Stadtentwicklung an seinem Stamm rüttelte.

«Als die Häuser der Quartiere Monbijou und Mattenhof gebaut wurden, hatte die Eiche bereits eine beachtliche Grösse erreicht», erzählt Kuhn, «und bei einem solch mächtigen Baum haben die Menschen automatisch Respekt davor, ihn zu fällen.» So könne man es sich erklären, dass die Eiche auch damals nicht ­weichen musste, sondern dass vielmehr um sie herum gebaut wurde. Dies seien jedoch nur Vermutungen, betont Kuhn. Schriftliche Belege der Geschichte des Baumes gäbe es nämlich keine.

Erde über den Wurzeln

Das, was Kuhn weiss, ist ihm entweder zu Ohren gekommen, oder er hat es direkt am Baum selbst abgelesen. «Es ist etwa zu erkennen, dass die Eiche ursprünglich auf einem tieferen Niveau stand», erzählt der Experte und mutmasst: Wahrscheinlich habe man das Bodenniveau während des Baus des Eigerplatzes angehoben und dabei die oberen Wurzeln des Baumes mit Erde über­schüttet.

«So etwas kann für die Pflanze verheerend sein», erklärt Kuhn. Je tiefer die Wurzeln nämlich in der Erde sind, desto weniger Sauerstoff erhalten sie. Mit dem Überschütten hätte man der Pflanze also den Zugang zu einer wichtigen Ressource weggenommen. Doch auch dies habe die Eiche überstanden. «Bäume sind ja zum Glück geduldige Lebewesen», meint Peter Kuhn, «sie lassen dann einfach neue Wurzeln an der Erdoberfläche wachsen.»

Der Kreislauf des Lebens

Dass man heutzutage behutsamer mit den stämmigen Riesen umgeht, wird spätestens dann klar, wenn Kuhn erzählt, wie sich Stadtgrün in den letzten Jahren um die Eiche gekümmert habe. «Wir wissen schon lange, dass der Baum krank ist», erzählt er, «deshalb statteten wir ihm regelmässig einen Besuch ab.» Die Profis wussten bereits, wie es etwa im Innern des Baumes aussah. In den letzten Jahren konnten sie sich dank eines Schalltomografen noch ein genaues Bild der Situation machen. Die Aufnahmen zeigen: Innerhalb eines Jahres frassen sich die Pilze beinahe durch die Hälfte des Stammes.

Die Aufnahmen des Schalltomografen zeigen, wo der Baum an Dichte verloren hat (rot). Dass die Umrisse der Aufnahmen nicht übereinstimmen, erklärt sich durch die unterschiedliche Platzierung der Sensoren. Bild: zvg

Immerhin ist für das Vermächtnis der Eiche gesorgt. Vor 15 Jahren sammelte Peter Kuhn Eicheln des mächtigen Baumes ein und pflanzte diese in der Gärtnerei in der Elfenau ein. Mittlerweile sind daraus junge Eichen herangewachsen, von denen eine ihren Mutterbaum im März ersetzen wird. «Es ist ein riesiger zeitlicher Zufall, dass die grosse Eiche so lange durchhielt, dass wir sie nun durch ihren eigenen Nachwuchs ersetzen können», freut sich Kuhn. So nimmt der Mensch in dieser Geschichte beinahe die Rolle des Helden ein, indem er den Kreislauf des Lebens schliesst. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.02.2017, 18:53 Uhr

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