Region
Claude Longchamp: Mein Weg zur Metro-Region Bern
Claude Longechamp: «Wir erleben den Beginn einer spannenden Entwicklung.» (Bild: zvg)
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Debatte: Kanton Bern im Kriechgang?
Zürich, Basel und Genf/Lausanne seien Metropolitanräume mit internationaler Ausstrahlung, Bern bloss die national orientierte Hauptstadtregion. Dies schlägt das Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) im Entwurf für das Raumkonzept Schweiz vor.
Im wirtschaftlich stagnierenden Bern läuft deshalb seit einem Jahr eine engagierte Debatte über die wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Zukunft der Hauptstadtregion, die der «Zeitpunkt» unter dem Signet der Berner Fahne, die vom Wind der Moderne zerzaust wird, mitprägt.
Er wird es weiter tun. Denn wie Claude Longchamp zeigt, treibt diese Diskussion Bern vorwärts. svb/jsz
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Herr Longchamp, Sie sind mehrmals wöchentlich in Bern als Stadtwanderer unterwegs und mischen sich auf Ihrem Blog gerne in die Debatte um die Rolle Berns unter den schweizerischen Metropolitanräumen ein. Woher diese Leidenschaft?
Claude Longchamp: Ihren Ursprung hat sie in einer körperlichen Notwendigkeit. 1993 sass ich nach einem Unfall mit zwei gebrochenen Beinen monatelang im Rollstuhl. Glücklicherweise konnte ich danach wieder gehen – mit der ärztlichen Auflage, mich viel zu bewegen, dies aber nicht zu sportlich. Ich begann, wenn immer möglich, täglich eine Stunde zu wandern. Weil ich meistens in Bern bin, wurde ich zum Stadtwanderer.
Wie wurde aus der Notwendigkeit eine Passion?
Indem ich das Wandern mit meiner Ausbildung als Historiker verband. Seit etwa 2003 nehme ich wenn möglich auf jede Wanderung ein Buch mit. Ich suche Orte in dieser Stadt auf, an denen Geschichte stattfand. Das tue ich hier in Bern vielleicht 150 Mal pro Jahr, und so habe ich mittlerweile sicher tausend Punkte in dieser Stadt begangen, die ich präzis mit historischen Ereignissen verbinden kann. So habe ich mir ein neues, sinnliches Geschichtsbild erschlossen. Ich habe meinen Blick auf heutige Probleme, Potenziale und Perspektiven des Stadtraums Bern nicht im Büro ersonnen, sondern erwandert.
Wobei Bern dem Stadtwanderer besonders viel zu denken geben muss. In der Diskussion darüber, ob Bern wie Zürich, Basel und Genf/Lausanne eine international ausgerichtete Metropolitanregion oder bloss eine national orientierte Hauptstadtregion sein soll, wird deutlich, wie gering das politische Gewicht des wirtschaftlich starken Grossraums Bern im ökonomisch stagnierenden Kanton Bern ist.
Ich finde es hilfreich und befreiend, wenn man zu diesem Thema gedanklich etwas ausholt. Sehen Sie: Bern wurde 1191 von schwäbischen Adligen gegründet, war eine Reichsstadt im deutschen Königreich, nahm königliche Aufgaben auf dem umliegenden Land wahr. Später, im eidgenössischen Staat, baute Bern ritterliche und patrizische Herrschaft über die ländlichen Gebiete aus. Erst mit der Machtübernahme der Franzosen erlebte Bern die Befreiung des Landes aus der städtischen Mangel.
Wie genau?
Die liberale Revolution von 1830/1831 beendete in Bern die Vormachtstellung der Stadt gegenüber dem Land – und der Hass der Liberalen auf das städtische Ancien Régime war so tief, dass 1834 mit dem Gemeindegesetz im Kanton Bern unendlich viele Kleinstrepubliken geschaffen wurden. Jede Siedlung wurde zu einer Gemeinde. Das war eine umfassende Dezentralisierung, die bis heute als hermetische Absicherung gegen die Rückkehr jeglicher städtischer Machtausübung wirkt. Das alles ist historisch sehr nachvollziehbar – aber heute leider nicht mehr zeitgemäss.
Deshalb müsste der Kanton jetzt endlich aktiv die Stärkung der Stadt Bern fördern.
Ich sehe keinen Grund, den Kanton ständig als Sünder in dieser Frage zu identifizieren. Die Schweiz besteht aus Bund, Kantonen und Gemeinden. Die Städte sind die Stiefkinder der Politik. Die Schweiz unterschätzt deren Kraft, wirtschaftliche, gesellschaftliche, kulturelle Entwicklungen voranzutreiben. Deshalb wurde unser Land auf dem falschen Bein erwischt, als man in Europa vor ungefähr zwanzig Jahren begann, über städtische Grossräume – die sogenannten Metropolitanräume – als zentrale Schaltstellen des globalisierten Standortwettbewerbs zu diskutieren.
Aber inzwischen haben wir uns in die Debatte eingeklinkt?
Vor etwa fünf Jahren realisierte man auf einmal, dass unserem Land eine wirtschaftliche Marginalisierung droht, wenn wir uns selbst um den autonomen Nachvollzug futieren. Studien zur räumlichen Reorganisation der Schweiz – etwa von Avenir Suisse oder den Basler Architekten Herzog/De Meuron – erschienen. Plötzlich entbrannten zu diesem Thema fiebrige Debatten – die allerdings Bern weitgehend verschlief. Erst als das Bundesamt für Raumentwicklung vor einem Jahr den Entwurf für ein Raumkonzept Schweiz präsentierte und Bern nur als Hauptstadtregion einstufte, erwachte man hier. In erster Linie weil man in Bern einen Rückgang der Bundessubventionen für Infrastrukturbauten befürchtete.
Warum hat Bern so spät gemerkt, was es geschlagen hat?
Das ist vielleicht gar nicht so wichtig. Wichtig ist, dass die Berner Metro-Debatte in den letzten Monaten ein beachtliches Reifestadium erreicht hat. Kurz nach der Publikation des Raumkonzepts hat der Kanton mit einer eigenen Expertise versucht, Bern zur Metropolitanregion hochzustemmen. Das war ein Holzweg, denn eine Metro-Region entsteht nicht auf dem Papier.
Wie denn?
Den entscheidenden Gedanken, der Bern in die richtige Richtung schob, hat dann Geografieprofessor Paul Messerli in Ihrer Zeitung formuliert: Bern muss sich auf seine Stärken konzentrieren. Das ist letztlich der Kern der metropolitanen Idee: Jeder urbane Grossraum muss seine Spezialitäten so herausarbeiten, dass er darin besser ist als alle andern und deshalb im internationalen Standortwettbewerb entscheidend punkten kann.
Was ist Berns Stärke?
Ganz klar: die Politik. Wirtschaftlich gesehen ist Bern definitiv keine Metropole – da fehlt die internationale Verkehrsanbindung und die Präsenz globaler Unternehmen. Auch politisch hat Bern die internationale Dimension nicht – diese hat es in den letzten Jahrzehnten an Genf verloren. Berns Stärke als Politzentrum hat nationale Reichweite. Darauf muss man setzen und Berns Rolle national ausrichten – als zentrale Schaltstelle der drei schweizerischen Metropolitanräume Zürich, Basel und Genf/Lausanne. Das ist das gedankliche Fundament, das sich in den letzten Monaten in Bern gefestigt hat. Jetzt muss man es konkretisieren.
Beginnen wir damit und versuchen, erste Bausteine fĂĽr eine Roadmap der Metro-Region Bern zu entwerfen. Muss jetzt der Kanton das Projekt vorantreiben?
Nein. Die Stadt Bern hat jetzt die Initiative ergriffen und zwei Gutachten zu den Perspektiven der Hauptstadtregion Bern anfertigen lassen, die inzwischen vorliegen. Ich finde, es ist richtig, dass die Stadt vorangeht, sie hat zweifellos das grösste Interesse, den Metro-Gedanken weiterzuentwickeln. Abgesehen davon: Es ist eine mitunter etwas bequeme Berner Eigenschaft, die Initiative für wichtige Entwicklungen an staatliche Institutionen delegieren zu wollen.
Wer kommt sonst dafĂĽr noch in Frage?
Die Zivilgesellschaft. Eine Stadt ist keine Verwaltungseinheit, sondern in erster Linie eine kulturelle Leistung, ein Ort, an dem wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen vorangetrieben werden. Wenn die bernische Wirtschaft, die bernische Gesellschaft, die bernischen Intellektuellen es nicht fĂĽr wichtig halten, Bern an die metropolitane Schweiz zu koppeln, dann braucht es das auch nicht. Da muss man gar nichts erzwingen wollen. Metro-Bern soll nicht eine abstrakte Institution werden, sondern eine Willenskundgebung der urbanen Kraft des Grossraums Bern.
Wo soll sich der zivilgesellschaftliche Wille fĂĽr Metro-Bern ausdrĂĽcken?
Es gibt ja den Verein Espace Mittelland, der per Ende dieses Jahres aufgelöst wird. Er soll, unter neuem Namen, getragen von Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Kultur, zu der Plattform werden, die – ähnlich wie «metrobasel» in Basel – die metropolitanen Kräfte Berns bündelt. Der Verein soll Debatten veranstalten, Reporte publizieren, Ideen lancieren.
Welche Ideen?
Zum Beispiel diese: Es gibt in Bern ja schon das Haus der Kantone, wo das Lobbying fĂĽr kantonale Interessen beim Bund orchestriert wird. Ich sage: In Bern muss bald das Haus der Metropolen entstehen, das den metropolitanen Spirit, den Glauben an die Kraft der Stadt promotet.
Und der Kanton soll sich aus der Metro-Debatte verabschieden?
Nein, er soll mitdenken, aber nicht die Führung beanspruchen. Und auf keinen Fall den Elan der Stadt bremsen. Ich meine indessen, der Kanton müsste besser als bis jetzt sich damit beschäftigen, wie er Metro-Bern unterstützen kann.
Wie zum Beispiel?
Über die Universität etwa. Will sich Bern als politisches Zentrum von «Metropolitan Switzerland» positionieren, muss es mehr wissenschaftlichen Support dafür liefern. Der Kanton müsste auf die Universität einwirken, damit sie ein Institut für Städtepolitik aufbaut, das die Entwicklung der Metro-Regionen der Schweiz wissenschaftlich befeuert. Die Abteilung von Paul Messerli am Geografischen Institut hat da beispielhafte Vorarbeit geleistet, die Verwaltungswissenschaften sind mit dem «Kompetenzzentrum für Public Management» auf gutem Weg. Jetzt müsste man noch Politologen, Soziologen und Historiker involvieren. Da sollte der Kanton unbedingt Vorgaben machen.
Aber muss die Stadt Bern nicht zuerst noch ein paar Hausaufgaben erledigen, ehe sie ihre Metro-Ideen pusht – zum Beispiel die jetzt beschlossenen Regionalkonferenzen weitertreiben und Gemeindefusionen anstreben?
Man sollte diese Dinge nicht vermischen – auch zeitlich nicht. Klar ist: Die Stadt Bern wird heute vom Umland dominiert – nicht wie in ihrer Geschichte. Sie muss ihr Gewicht erhöhen, um im Städtekranz mit Freiburg, Biel, Solothurn, Burgdorf und Thun das unbestrittene Kraftzentrum zu werden. Gemeindefusionen in der Agglomeration Bern sind möglicherweise ein geeignetes organisatorisches Instrument, über das man noch dieses Jahr ernsthaft zu diskutieren beginnen wird. Aber: Bis Fusionen allenfalls Realität werden, vergehen zehn, fünfzehn Jahre. Die metropolitane Schweiz bewegt sich viel schneller. Da muss sich Bern in den nächsten zwei, drei Jahren richtig aufstellen, damit der Zug nicht ohne uns abfährt.
Was würde passieren, wenn der Metro-Zug ohne Bern abfährt?
Bern verlöre wirtschaftliche Power. Man kann sich dies vielleicht so vor Augen führen: Berns Hauptschlagader ist der Bahnhof, an den der ganze Grossraum verkehrstechnisch gebunden ist, über den Städtekranz im Mittelland bis zu den Städten im Oberwallis. Gelingt es Bern, seine Rolle als Binnenzentrum der drei Metro-Regionen wirklich zu spielen, wird der Bund höchstes Interesse haben, den Ausbau der Bahninfrastruktur in Bern zu fördern. Dies wiederum stärkt Bern wirtschaftlich und festigt seine dominante Rolle im Zentrum der Schweiz. Andernfalls...
...kommt eine Negativspirale in Gang?
Ganz genau. Schafft es Bern jetzt nicht, seine urbane Kraft zu entfalten, könnten sich Freiburg und Biel Richtung Genf/Lausanne, Solothurn und Burgdorf Richtung Metropole Zürich orientieren. Bern wäre isoliert, es entstünde eine wirtschaftliche Brache mitten in der Schweiz. Das ist ein Schreckensszenario, das niemand will – aber um dies zu verhindern, muss Bern den jetzt eingeschlagenen Weg Richtung Metropole Schweiz entschieden weitergehen. Das ist letztlich der Sinn der Debatte, die wir hier führen.
Mit anderen Worten: Wer von Metropolitanräumen redet, redet vor allem über Wirtschaft?
Natürlich geht es vor allem darum, Wohlstand zu schaffen. Aber die Metro-Debatte in der Schweiz ist für mich bis jetzt zu einseitig ökonomisch geführt worden. Es sind nicht nur wirtschaftliche Massnahmen, die zu mehr Wertschöpfung führen. Ich finde, Bern sollte seine zentrale Rolle auch mit kulturellem Esprit stärken.
Was heisst das konkret?
Bern muss die Mehrsprachigkeit wieder aufwerten. Wir dürfen uns nicht nur um Verkehrsströme und Wirtschaftsleistung kümmern. Es geht auch um die Menschen, die hier leben. Die Verbindung von Kulturräumen gehört zu den grossen Leistungen, die Städte erbringen. Kommt es da zu Konflikten, leidet auch die Wirtschaft.
Aber heute ist Berns Brückenfunktion zwischen Romandie und Deutschschweiz mehr Mythos als Realität.
Richtig. Nur: Berns neue Rolle als Zentrum der Metro-Regionen stellt auch neue Anforderungen. Die drei schweizerischen Metropolitanräume sind nach aussen orientiert und wenden sich unterschiedlichen Kulturräumen zu. Der Grossraum Bern als ihre neutrale Plattform in der Mitte des Landes kann für sie nur dann zum Magnet werden, wenn er auch wieder lernt, kulturell zu vermitteln.
Wie soll Bern das wieder lernen?
Biel ist heute die einzige zweisprachige Stadt, Bern und Freiburg haben sich je für eine Seite entschieden und laufen Gefahr, in ihrem Sprachraum an den Rand gedrängt zu werden. Das ist die Ausgangslage. Ich sage: Bern und Freiburg – aber vielleicht auch Solothurn und Neuenburg – müssen von Biel lernen. Ich plädiere für die Lancierung eines jährlich stattfindenden Expo-ähnlichen, aber kleineren Begegnungsfests, das alternierend in einer dieser Städte veranstaltet wird. In diesem interkantonalen Vieleck sehe ich den urbanen Schwerpunkt des neuen Grossraums.
Wie realistisch ist diese Vorstellung?
Ich bin sicher, wir erleben gerade den Beginn einer hochspannenden Entwicklung – und ich freue mich darauf, mir die zweisprachige Metro-Region Bern der Zukunft als Stadtwanderer zu erschliessen.
Der Autor: Jürg Steiner (juerg.steiner @bernerzeitung.ch) ist «Zeitpunkt»-Redaktor. (Berner Zeitung)
Erstellt: 29.05.2009, 18:10 Uhr
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