Spiegel

Blumen nach allen Regeln der Kunst

SpiegelSteckt sie eine Blume in eine Vase, so stecken unzählige Regeln dahinter: Seit über 25 Jahren beschäftigt sich Ursula Steiner mit der japanischen Blumenkunst Ikebana. Sie beherrscht diese so gut, dass Japan sie am Mittwochabend in Bern dafür ausgezeichnet hat.

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Jeder Schnitt ist eine Entscheidung. «Er tut der Pflanze vielleicht auch weh», sagt Ursula Steiner. So, wie den Menschen Schnitte im Leben auch weh tun. Sie hält eine weisse Orchidee in der Hand. Trennt sie mit einer Schere von japanischer Schärfe ab von ihren Wurzeln. Und setzt sie provisorisch ein ins Blumengesteck, das vor ihr steht. Die Orchidee richtig zu platzieren, wird viel Zeit brauchen. Wie Ikebana überhaupt. Die japanische Blumenkunst ist nichts für Ungeduldige. Rund einen halben Tag wird Ursula Steiner am Gesteck arbeiten, das erst in rudimentärer Form bei ihr im Keller steht. Aber sie hat schon genau im Kopf, wie es am Schluss aussehen muss. Steiner ist so gut in Ikebana, dass Japan die 70-Jährige aus dem Könizer Ortsteil Spiegel gestern Abend in seiner Botschaft in Bern dafür ausgezeichnet hat.

Ganz genau aussuchen

Drähte und Zangen liegen in Steiners Keller auf dem Tisch. Die grosse dunkle Vase symbolisiert die Erde. Ganz wichtig ist auch das Wasser – es steht fürs Leben. Eine abstrakte Landschaft wird am Ende in die Vase gesteckt zu sehen sein. Ein Zweig gar einen Fluss symbolisieren: So skizziert Steiner ihr Vorhaben – das sie nach unzähligen Regeln umsetzen wird. Den Beerenzweig, der bereits steckt, hat sie im Quartier geschnitten. Und zwar nur diesen einen. «Man nimmt nur, was man braucht.» Deshalb steht Steiner schon mal eine Viertelstunde vor einem Busch, bis sie dann zur Schere greift. Manche Blumen holt sie aber auch etwas pragmatischer in der Blumenbörse. «Aber kaum Exotisches, das braucht es nicht.»

Vom Einfachen fasziniert

Das Japanische. Es hat Ursula Steiner schon immer imponiert. Die Reduktion aufs Wesentliche. Die Einfachheit. Das schlichte Design. In den 80er-Jahren habe man davon in Europa noch nicht viel gesehen. «Aber ich habe diese Dinge immer entdeckt. Ich glaube, ich habe eine japanische Seele.» Und so absolvierte die gelernte Floristin Mitte der 80er-Jahre auch ihren ersten Ikebana-Kurs. «Ich ging eine Woche dorthin, seither gehe ich ganz anders mit Blumen um.» Das innere Leben der Blumen zur Geltung bringen – so etwa lässt sich Ikebana auf Deutsch übersetzen.

Seit über 25 Jahren beschäftigt sich Steiner mit Ikebana. Sie hat in einer traditionsreichen Ikebana-Schule in Kyoto immer wieder Kurse besucht. Und dabei gelernt, wie Japaner lernen: Oft hätten ihre Lehrerinnen gar nichts zu ihr gesagt, sondern einfach geschaut und dann das Gesteck verbessert. Direkt zu fragen, worum es dabei ging, war ein Tabu. «Du musst dich aufs Auge konzentrieren und ihm vertrauen», sagt Steiner. Das fiel der sehr lebendigen und direkten Schweizerin nicht immer leicht. Doch sie hat ihre Blumenkunst so perfektioniert, dass sie später mit japanischer Anerkennung in der Schweiz selber Kurse gab. Seit 15 Jahren macht sie für Japans Botschaft in Bern auch das Gesteck zum kaiserlichen Geburtstag. Jeweils im Dezember ist das ein hoher Feiertag.

Man könne schon in einen Ikebana-Kurs, weil man einfach Freude an einem schönen Gesteck habe, sagt Ursula Steiner. Für sie selbst ist Ikebana aber weit mehr. Ein Erkenntnisweg, eine Lebensphilosophie.

Spiel mit Gegensätzen

Die Steckkunstregeln haben viel mit dem Leben zu tun. Mit den Gegensätzen Yin und Yang: dem Hellen und Dunklen, dem Hohen und Tiefen, dem Farbigen und Dezenten. Stecke sie Blumen, finde sie rasch eine innere Ruhe, sagt Steiner.

Ruhe strahlt auch ihr Gesteck aus. Zur weissen Orchidee gesellt sich bald noch eine tiefrote Vriesea. Bewusst hat Ursula Steiner diese Farbkombination gewählt. Sie steht für das Glück. In diesem Fall fürs Glück, von Japan eine Auszeichnung erhalten zu haben. (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.09.2011, 06:57 Uhr

Nichts ist zufällig: Ursula Steiner arbeitet in ihrem Kelleratelier nach allen Regeln der Ikebana-Kunst an einem ihrer floralen Werke. (Bild: Urs Baumann)

Auszeichnung

Von Japan geehrt Jedes Jahr ehrt das japanische Aussenministerium Menschen, die sich um Japan verdient gemacht haben. Dieses Jahr erhalten weltweit 68 Personen und 30 Institutionen diese Auszeichnung, wie Mitsunori Ogasawara, Kulturattaché der japanischen Botschaft in Bern, erklärt. Als einzige Schweizerin ist auch Ursula Steiner aus Spiegel in der Gemeinde Köniz unter ihnen. Mit dem Aufbau der Ikenobo Study Group Bern, die sie zehn Jahre lang leitete, trug Steiner zur Verbreitung von Ikebana in der Schweiz bei und führte auch zahlreiche Ausstellungen durch. Zwischen ihr und der japanischen Botschaft in Bern bestehen seit längerem Kontakte.

Auf Vorschlag der Botschaft wurden nun Steiners Verdienste vom japanischen Aussenministerium anerkannt. Im Rahmen eines feierlichen Empfangs erhielt Steiner gestern Abend in der Botschaft in Bern eine Urkunde und ein kleines Geschenk. «Ursula Steiner vermittelt mit ihrer Ikebana-Kunst wichtige Aspekte der japanischen Kultur», sagt Mitsunori Ogasawara. Ihre Arbeit trage zu einem besseren Verständnis der japanischen Kultur und Mentalität in der Schweiz bei. Japanische Werte wie Ruhe, die Verehrung der Natur und die Bewunderung von Schönheit und Vergänglichkeit spielen für die japanische Blumensteckkunst eine wichtige Rolle.

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