Region

Berns erste Satellitenstadt

Vor 50 Jahren wurden im Tscharnergut die ersten Wohnungen bezogen. Mit diversen Festen feiern die Bewohner in diesem Jahr das Jubiläum. Doch sie kämpfen auch gegen Überalterung im Quartier und gegen alte Vorurteile.

Blick aufs Tscharnergut.

Blick aufs Tscharnergut. (Bild: Adriana Bella)

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Sie sind das Wahrzeichen von Bern-Bethlehem, die Wohntürme im Tscharnergut. 20 Stockwerke sind sie hoch. Bis zu 5000 Menschen wohnten in Spitzenzeiten auf 13 Hektaren Land. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung nach dem 2.Weltkrieg setzte rund um Bern die Landflucht ein. Doch die Stadt hatte zu wenig Wohnbauten, um all die Zuzüger aufzunehmen. Weil Bern gleichzeitig die Freizügigkeitsbeschränkung aufhob, wurde die Wohnungsnot akut. 1949 erwarb die Stadt deshalb das Tscharnergut.

Hochhäuser statt Kuhweide

Wo bis dahin Kühe weideten und Weizen gedieh, sollte Berns erste Satellitenstadt entstehen. 1955 gewann das Büro Lienhard & Strasser den Planungswettbewerb. «Gemäss damaliger Doktrin entschieden wir uns für eine sogenannte Gemischtbauweise», sagt Ulyss Strasser, der inzwischen 85-jährige geistige Vater des «Tscharni». Hohe Baukörper sollten sich mit kleinen, niedrigen Gebäuden abwechseln. Dazwischen waren grosse, zusammenhängende Grünflächen für verschiedene Zwecke geplant. Einzig die im Wettbewerb vorgesehene Ausnützungsziffer befriedigte den damaligen Berner Gemeinderat nicht mehr: «Statt dreistöckig bauten wir halt vierstöckig. Auch die Scheibenhäuser wurden um ein Stockwerk erweitert und die Hochhäuser von 15 auf 20 Geschosse erhöht», erzählte Ulyss Strasser, der einzige noch lebende Architekt des Bauteams, gestern anlässlich einer Medienkonferenz.

1958 bewilligten die Stimmbürger mit überwältigendem Mehr die «Bereitstellung von Wohnungen in niedriger und mittlerer Preislage auf dem Tscharnergut», wie es damals in der Abstimmungsvorlage hiess. Die Stadt Bern schloss mit der Bauherrengemeinschaft einen Baurechtsvertrag auf 99 Jahre ab.

Ein Jahr später, am 1. Mai 1959, konnten die ersten Wohnungen in den drei viergeschossigen Mietshäusern bezogen werden.

Junge ziehen weg

180 Franken kostete damals ei-ne 3-Zimmer-Wohnung. Auch heute noch wohne sie für 870 Franken in ihrer 3-Zim-mer-Wohnung, sagt Charlotte Schneeberger, die als eine der Ersten im Tscharnergut eingezogen ist. Doch sie schätzt nicht nur den tiefen Mietzins: «Wir sind gut an den öffentlichen Verkehr angeschlossen, es gibt ganz in der Nähe Einkaufsmöglichkeiten. Die Poststelle steht praktisch vor der Haustür, es gibt viele Grünflächen – wir leben gerne hier», sagt sie, «auch wenn das viele Leute kaum glauben können.»

Denn das Tscharnergut hat ein Imageproblem: Früher wurde die Überbauung als Sozialgetto bezeichnet, «heute kämpfen wir gegen die Überalterung im Quartier», sagt Schneeberger. Die Einwohnerzahl ist auf fast die Hälfte geschrumpft. Früher durften nur Familien mit Kindern ins Tscharnergut ziehen. Heute leben viele Alleinstehende im Quartier. Der Ausländeranteil beträgt einen Drittel.

Auch Marianne Mendez, die Präsidentin des Quartierzentrums Tscharnergut, kann sich nicht vorstellen wegzuziehen: «Wir decken alle Bedürfnisse ab. Es gibt eine Tagesstätte, ein Mütterzentrum und Seniorenangebote. Wir fühlen uns sehr, sehr wohl hier.»Martin ArnJubiläum: Am Samstag, 10.Januar, starten die Festivitäten im Tscharnergut. Rund 50 Anlässe wie Quartierfeste, Musicals, Rundgänge und Wettbewerbe sind geplant. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.01.2009, 07:34 Uhr


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