Berns Norden soll zur Stau-Testzone werden
Von Sandra Rutschi. Aktualisiert am 27.07.2011 1 Kommentar
ÖV und Autos
Die Prognosen sind happig: Bis ins Jahr 2030 wird der motorisierte Individualverkehr in der Region Bern um 24,1 Prozent zunehmen. So lauten die Schätzungen im Regionalen Gesamtverkehrs- und Siedlungskonzept (RGSK). Bereits heute brauchen Autofahrer viel Geduld, wenn sie zu Stosszeiten in der Agglomeration unterwegs sind. Das Wachstum treibt das Strassennetz an seine Kapazitätsgrenzen. Mit Verkehrsdosierung und -steuerung sollen vor allem Ortsdurchfahrten entlastet werden (vgl. Haupttext). Zusätzliche Strassen aber sind nicht vorgesehen. Wenn der Leidensdruck auf der Strasse höher wird, werden die Autofahrer auf den öffentlichen Verkehr umsteigen, hoffen die Verkehrsplaner. Doch auch der ÖV wird wachsen, um satte 61,7 Prozent. Die zusätzlichen Fahrgäste könnten gar nicht bewältigt werden, bemängeln Kritiker. Denn die Züge sind bereits heute überfüllt. Das RGSK sieht deshalb vor, vor allem in Zentren Wohnraum zu schaffen – damit grundsätzlich weniger oder wenn, dann mit dem ÖV gependelt wird.
Die Lösung in Köniz wird Schule machen: Weil der Verkehr auch in den nächsten Jahren zunehmen wird, soll er auf stark belasteten Ortsdurchfahrten verflüssigt werden. Ampeln an den Agglomerationsrändern stauen die Autos gezielt, sodass der Verkehr an neuralgischen Kreuzungen im Ortsinnern nicht zusammenbricht. So ist es im Agglomerationsprogramm und im Regionalen Gesamtverkehrs- und Siedlungskonzept vorgesehen (siehe Kasten). In den nächsten Jahren soll dieses Verkehrsmanagement im Norden Berns getestet werden. Zurzeit laufen die Diskussionen über die Finanzierung dieses Pilotprojekts. Bund, Kanton und die betroffenen Gemeinden sollen sich an den Kosten für das Pilotprojekt beteiligen. Mit welchem Verteilschlüssel, ist noch unklar. Kantonsoberingenieur Stefan Studer schätzt die Kosten auf rund 10 Millionen Franken. Zu den Pilotgemeinden gehören Ittigen, Zollikofen, Münchenbuchsee, Urtenen-Schönbühl, Bern, Bolligen und Moosseedorf.
Infos für die Autofahrer
Grundidee des Verkehrsmanagements ist, die Autofahrer auch bei Stau auf den Autobahnen zu behalten, damit sie nicht zusätzlich das regionale und lokale Strassennetz belasten. «Quartiere sollen möglichst vor Ausweichverkehr geschützt werden, wie es in der Stadt Bern bereits der Fall ist», erklärt Stefan Studer. Auf den Hauptverkehrsachsen werden die Autos dosiert: Bei zu viel Verkehr schaltet sich eine Ampel ein. Die Autos werden vor den Ortsdurchfahrten gestaut, bevor der Verkehr kollabiert. Dieses System hat sich laut Studer in Köniz, Wabern und Bern bewährt.
Rote Ampeln verärgern die Autofahrer, und sie suchen nach Alternativrouten. Damit das nicht passiert, setzt der Kanton auf Information: Leuchtanzeigen teilen den Pendlern mit, dass die Ortsdurchfahrt überlastet ist und wie lange es dauern wird, um durch das Nadelöhr zu gelangen. Dazu registrieren Kameras Autos am Anfang und am Ende der Ortsdurchfahrt. So wird gemessen, wie lange die Fahrzeuge unterwegs sind. Studer: «Wenn ein Autofahrer weiss, dass es nur zehn Minuten dauert, bis er den Engpass bewältigt hat, sucht er keine Alternativroute.» Grundsätzlich gilt: Der öffentliche Verkehr hat Vortritt. Busse werden also bevorzugt, damit die Passagiere ihre Anschlusszüge erwischen. Die Priorisierung des öffentlichen Verkehrs vor dem Privatverkehr gehört mit zu den Leitsätzen des Verkehrsmanagements.
Noch Zukunftsmusik
Damit die Autos gezielt dosiert werden können, müssen die bestehenden Ampeln umgerüstet und zum Teil neue eingerichtet werden. Wenn sich das Pilotprojekt im Norden Berns bewährt, soll das Verkehrsmanagement sukzessive auch in den anderen Agglomerationsgemeinden umgesetzt werden. Für Kantonsoberingenieur Studer ist das alles aber noch Zukunftsmusik: «Das Pilotprojekt kann frühestens 2013 starten», sagt er. Alleine die Finanzierung muss zuerst noch auf allen Ebenen, die für die betroffenen Strassen zuständig sind – Gemeinden, Kanton und Bund –, genehmigt werden. (Berner Zeitung)
Erstellt: 27.07.2011, 07:03 Uhr
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1 Kommentar
Unsere netten Verkehrsplaner widersprechen sich selbst: "Leidensdruck des Individualverkehrs erhöhen" (nette Absicht... macht ihr ja immer mehr... Danke!), damit auf den ÖV umgestigen wird. Im Gegenzug kann aber der ÖV die zusätzlichen Fahrgäste gar nicht bewältigen. Vielleicht wäre "Kapazitätsausbau" die weitsichtigere Variante, statt "Leidensdruck" und "überlastete ÖV" zu hegen und zu pflegen. Antworten
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