Bern muss wachsen, sonst tut es der Verkehr
Von Christoph Aebischer. Aktualisiert am 08.03.2011 3 Kommentare
Umstrittene Wettbewerbe
Das städtische Wettbewerbswesen steht seit geraumer Zeit in der Kritik. Beim Progr musste die Stadt den Siegern eine Entschädigung zahlen, beim Feuerwehrstützpunkt war ein Rechtsstreit die Folge. Mark Werren kennt beide Projekte.
Mark Werren, Sie waren am Projekt Feuerwehrkaserne beteiligt. Was sagen Sie zum Filzvorwurf, der dort erhoben wurde?
Mark Werren: Dieser ist unhaltbar. Entscheidend war, dass bei der Vergabe des Generalplanerauftrags die Vorarbeiten für alle einsehbar waren. Damit waren alle Bewerber, auch der Wettbewerbssieger Ralph Baenziger, teilnahmeberechtigt.
Alles Schaumschlägerei also?
Die Verfahren sind für Unbeteiligte oft nicht sofort verständlich. Die Bauherrin Stadtbauten Bern macht an sich einen guten Job, im Bereich der Immobilienbewirtschaftung ist das unbestritten. Bei der Feuerwehrkaserne führten offenbar Differenzen mit dem Wettbewerbssieger dazu, die Zusammenarbeit zu beenden. Baenziger führte dann eine polemische Debatte gegen die Stadtbauten.
Wie waren Sie denn involviert in die Planung?
Mein damaliges Büro GWJ half bei der ersten Kostenschätzung mit. Diese wurde später überprüft und bestätigt. Jahre später unterlag Ralph Baenziger bei der Neuvergabe. Gewonnen hat die teilnahmeberechtigte Itten+Brechbühl, eine Schwesterfirma von GWJ.
Nicht nur Baenziger beklagt sich, Bern foutiere sich um das Wettbewerbswesen. Beim ehemaligen Progymnasium, dem Progr, zahlte die Stadt sogar eine Entschädigung an die ausgebooteten Sieger. Sie waren in der Jury. Verstehen Sie die Kritik?
Planer wünschen Wettbewerbe, sofern sie gut vorbereitet sind. Das hängt auch von den involvierten Leuten ab. Generell funktioniert das auch in Bern gut.
Beim Progr wurde ein Sieger gekürt, am Schluss kamen aber andere zum Zug.
Die Behörden fanden zwar eine überzeugende Lösung, das letzte Wort hatte aber der Stadtrat. Das wusste man. Schade ist, dass der Meinungsbildungsprozess nicht im Vorfeld stattfand und die Politik das Resultat nicht übernahm. Das war eine grosse Enttäuschung für die Teilnehmer.
Ausgehebelt wurde das Wettbewerbswesen in Ihren Augen nicht?
Beim Progr ja. Ab und zu ereignen sich bittere Pannen. Ich kritisiere das auch. Wie bei der Fliegerei führt eine Verkettung von Fehlern zum Absturz.
Zur Person
Mark Werren löste Anfang Jahr Christian Wiesmann als Stadtplaner von Bern ab. Der 50-jährige Architekt führte davor zusammen mit Partnern das Architekturbüro GWJ. Er ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Die Familie wohnt im Nordquartier. Aufgewachsen ist Werren auf einem landwirtschaftlichen Betrieb im Emmental. Erst das Studium an der ETH Zürich machte ihn zum Städter.
Etwas gesehen, etwas geschehen?
Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Bernerzeitung.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an
4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Mark Werren, Sie sind im Berner Bauwesen stark vernetzt und seit Anfang Jahr Stadtplaner. Sind Sie unabhängig?
Mark Werren: Aus dem Architekturbüro GWJ bin ich vollständig ausgestiegen. Auch die Engagements in Berufsverbänden und Kommissionen gab ich auf. Wenn in einem Bewilligungsverfahren ein Projekt zu beurteilen ist, an dem ich beteiligt war, werde ich in Ausstand treten.
Sie haben bis jetzt auf der anderen Seite gestanden. Braucht es beim Bauen Neuerungen?
Die Schwierigkeit ist das Zusammenspiel der Behörden. Das wird von aussen als schwerfällig wahrgenommen. Ich will mithelfen, den Behördenweg einfacher und schlanker zu gestalten. Ein Antragsteller hat mit vielen Ämtern zu tun und erhält teilweise widersprüchliche Auskünfte.
Ist Bern schlechter als andere?
Das Planen und Bauen ist auf drei Direktionen verteilt. In anderen Städten ist es auf eine konzentriert, was interne Abstimmungen erleichtert.
Sie begrüssen also, dass die Stadtbauten zurück in die Verwaltung geführt werden sollen.
Darum geht es nicht. Bern braucht einen Stadtbaumeister, der einem Hochbauamt vorsteht, welches das Bauen koordiniert und für Qualität sorgt. Wenn die Rückführung der Stadtbauten die Voraussetzungen dafür schafft, begrüsse ich dies.
Was reizt Sie an Ihrer Aufgabe?
Ich lebe seit 20 Jahren in Bern, mit Partnern gründete ich hier ein Architekturbüro. In der letzten Zeit setzte ich mich sehr stark mit Stadtplanung auseinander. Dies nicht nur in Bern, sondern auch in Luxemburg und Berlin zum Beispiel. Weil jetzt ein Ausstieg im Büro möglich war, packte ich die Chance für etwas Neues.
Ihr Vorgänger schmiss den Bettel hin, weil ihm der Stadtrat Stellen verwehrte. Kommen Sie zurecht?
Ich verstehe Christian Wiesmann. Wir können momentan die Stadt nicht langfristig entwickeln. Das Amt schafft heute nur das Nötigste. Ich hoffe sehr, dass der Stadtrat mithilft, strategischer zu denken. Das Stadtentwicklungskonzept von 1995 muss überarbeitet werden. Innere Verdichtung allein reicht nicht mehr. Neu steht eine Stadterweiterung auf der Agenda. Dazu braucht es die entsprechenden Mittel.
Klopfen Sie also wieder an?
Ja.
Als Architekt haben Sie sich sicher über die vielen Vorgaben geärgert. Was machen Sie besser?
Jede Aufgabe muss richtig organisiert werden: das richtige Verfahren, die richtigen Leute. Zudem darf man die ausformulierten Ziele der Stadt nicht aus den Augen verlieren und muss zahlreiche Beteiligte koordinieren.
Anwohner stemmen sich gegen den Neubau der Migros am Breitenrainplatz. Wäre es im Rückblick nicht gescheiter gewesen, wenn die Migros eine Überbauungsordnung angestrebt hätte?
Das Platzprojekt ist unbestritten, und der Migros-Neubau ist auf dem Weg durch die Instanzen. Das ist leider oft so. Umstritten sind die Ausnahmen. Die Migros wollte eigentlich nicht mehr, als ihr die Grundordnung zugesteht. Kleine Abweichungen sollten mit Ausnahmen geregelt werden. Das war für mich als Mitplaner des Migros-Projekts nachvollziehbar.
Am Loryplatz wollte die Migros keinen Detailhändler in ihre ehemalige Filiale einziehen lassen. Was ist hier zu tun?
Die Migros wich auf ein Areal im Fischermätteli aus, weil der Laden am Loryplatz viel zu eng war. Die Stadt versuchte lange, die Migros zum Bleiben zu bewegen.
Bräuchte es nicht Neubauten?
Das stimmt schon. Doch mit dem erfolgten Verkauf des Ladens bleibt dies wohl Wunschdenken. Die Stadt hat das Mögliche gemacht: Tram Bern-West und die geplanten Wohnbauprojekte Mutachstrasse und Warmbächliweg werten das Quartier weiter auf.
Damit die Stadt wachsen kann, brauche es ein neues Quartier so gross wie des Kirchenfeld, postulierte Ihr Vorgänger. Wo denn?
Im Westen oder Osten der Stadt. Im Osten sind wir auf die Mitarbeit der Burgergemeinde angewiesen. Doch diese Entwicklung wird lange Jahre in Anspruch nehmen.
Wird Bern bis zu diesem Befreiungsschlag in die Höhe wachsen?
Punktuell ja. Aktuell entsteht das Postfinance-Hochhaus in der Allmend, und wir prüfen weitere Standorte.
Kommt die Waldstadt Bremer?
Die Machbarkeit ist noch nicht nachgewiesen. Das Gebiet ist interessant, weil es nahe am Zentrum liegt. Ich sehe jedoch keine Waldstadt, sondern ein städtisches Quartier, das der Länggasse einen Mehrwert bringen muss – Stichworte: öffentliche Freiräume und Überdachung Autobahn.
Bern möchte Steuerzahler gewinnen. Das wollen alle. Was berechtigt Bern zum Wachstum?
Bern ist das Herz der Hauptstadtregion. Die Erschliessung ist bei hoher Lebensqualität sehr gut. Deshalb macht es Sinn, nicht in der Landschaft draussen, sondern im Zentrum zu bauen.
Gute Steuerzahler gehen nach Schönberg-Ost oder suchen Villen. Weshalb soll nun an der Mutachstrasse preisgünstiges Wohnen für Familien entstehen?
Es braucht in einer Stadt verschiedene Wohnangebote. Die Kunst ist, sie am richtigen Ort zu platzieren. Diese Nutzung passt an die Mutachstrasse.
Grossprojekte in Brünnen und im Wankdorf schüren in der Innenstadt Ängste. Sind sie berechtigt?
Für den Detailhandel gibt es derzeit wenig Anzeichen dafür. Wegen Westside gehen aber weniger Leute in die Kinos der Innenstadt. Wenn der Bahnhof weiter ausgebaut wird, hat dies sicher mehr Folgen. Mein Vorgänger sprach sich deutlich gegen eine grössere Rail-City aus. Die Leute sollen im Bahnhof ankommen und dann sicher und direkt in die Stadt gelangen.
Wohin geht die Reise für Bern?
Die Metropolitanräume sind auf ein funktionierendes Politzentrum angewiesen. Bern ist dessen Anfang und Ausgangspunkt. Vor diesem Hintergrund ist die Entwicklung zu sehen. Das Wachstum ist eine Tatsache. Entweder ist die Stadt selber bereit dazu und stellt die nötigen Mittel zur Verfügung. Oder aber das Wachstum findet in der Agglomeration statt, und wir tragen die Lasten und haben noch mehr Pendler.
Welcher Ort liegt Ihnen in Bern persönlich am Herzen?
Stadtbesucher führe ich gerne zur Grossen Schanze an der Nahtstelle zur City mit dem fantastischen Ausblick über die Altstadt in Richtung Alpenpanorama.
(Berner Zeitung)
Erstellt: 08.03.2011, 06:33 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
3 Kommentare
Wenn Steuern auch am Arbeitsort bezahlt würden, wären einige Probleme gelöst. Jeden Morgen jeden Abend das gleiche. Aus dem Westen Ströme mit FR oder NE Nr. Aus dem Norden AG oder SO.
Sie alle verstopfen unsere Strassen und brauchen unsere Infrastruktur. Als Sahnehäubchen benutzen sie unsere Freibäder. Viele ziehen weg aus Bern da das wohnen in FR viel billiger ist. Der Arbeitsplatz bleibt aber.
Antworten
Region
Online-Wettbewerb
Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!
Remund führend in Werbetechnik
Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.

Bitte warten




